Hauptstadt Graffiti und Gentrifizierung: Kreuzberg im Wandel

Graffiti und Gentrifizierung: Kreuzberg im Wandel (Foto)
Graffiti und Gentrifizierung: Kreuzberg im Wandel Bild: dpa

Berlin hat vor dem 1. Mai ein Lieblingsthema: Wem gehört die Stadt? Ein Blick nach Kreuzberg, wo der Protest gegen steigende Mieten auch manchmal die Falschen trifft.Berlin - Es gibt einen veganen Pizza-Lieferservice, Astrologie-Seminare und ein «westafrikanisches Balafon» für 300 Euro, was immer das auch sein mag.

Auf der Pinnwand eines Kreuzberger Bioladens ist die Welt noch in Ordnung.

Der West-Berliner Kiez lockte in den 70er Jahren Studenten, Bundeswehrflüchtlinge und Lebenskünstler an. Die sind geblieben. Chancen, den Typus «älterer Herr mit Zöpfchen an der Halbglatze» zu sichten, bestehen noch. Wild wie am 1. Mai ist Kreuzberg eigentlich nur diese eine Nacht im Jahr. Dafür hat sich das Viertel sonst sehr verändert.

Ein neueres Phänomen sind die Busladungen von Touristen und die omnipräsenten amerikanischen oder spanischen «Yukis», die «Young Urban Kreative Internationals»: So taufte ein Stadtmagazin die Globetrotter, die nach Berlin gezogen sind. Kreuzberg wird schicker, voller und teurer.

Das gefällt nicht jedem. Die alteingesessenen Bewohner im viel besuchten Bergmann-Kiez fühlten sich in ihrem eigenen Viertel «zunehmend fremd», diagnostiziert die «Berliner Zeitung». Sie fragt in einer Serie: «Wem gehört die Stadt?» Das Guggenheim Museum sagte aus Sorge vor Gewalt ein BMW-Projekt in Kreuzberg ab und zieht jetzt nach Prenzlauer Berg, was viele Schlagzeilen auslöste.

So ernst steigende Mieten auch sind: Bisweilen treibt die Debatte um den Wandel, die Gentrifizierung, Teile der Szene ins Spießertum. «Yuppies verpisst euch», lautet etwa ein Graffiti an einer harmlos aussehenden Galerie. Auch die Inhaberin eines kleinen Modeladens hatte schon Besuch von Sprayern. Die warfen ihr vor, mit «Designerkacke» zur Verdrängung beizutragen.

Im Internet tobte dazu ein Streit, nach dem Motto: Wer war zuerst da und hat das Sagen? «Das erinnert mich an meine Pubertät, da hat jeder behauptet, er hätte zuerst Nirvana gehört», lautet ein Kommentar. Die Ladenchefin will ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen und hat mit Zetteln auf die Schmierereien geantwortet. «Meiner Meinung nach sollte die Kritik woanders ansetzen», findet sie.

Das kleine Café «5 Elephant» bekam nach der Eröffnung schon vier Spray-Attacken ab, will aber deshalb keine Kamera installieren. «Es ist doch besser, reinzuschauen und darüber zu reden», sagt Inhaber Kris Schackman (36), ein Amerikaner. Natürlich seien sie gegen steigende Mieten, und für Rentner aus der Nachbarschaft biete der Laden Rabatte. Seine Kollegin Sophie Weigensamer (34) findet, bei der Aktion des anonymen Täters stecke nichts dahinter. «Er sollte einfach mal reinkommen und sich die Preise ansehen.»

Wird Kreuzberg da etwa spießig? «Bei solchen Protesten ist es auch so, dass Falsche getroffen werden», sagt der Grüne-Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele. Aber aus seinem Wahlkreisbüro in Kreuzberg kennt er Leute, die Mieterhöhungen bis zu 100 Prozent hatten. «Da braut sich schon ein gewisser Unmut zusammen.»

Ströbele hat Verständnis für die Aktivisten, die in den 80er Jahren dafür sorgten, dass die Altbauten erhalten wurden und jetzt nicht weichen wollen. Beim 1. Mai ist er wieder dabei, beim «Myfest», dem Straßenfest der Kreuzberger, das ein friedliches Zeichen gegen Krawalle setzen will. Und vorher kann er noch mit einem verbreiteten Vorurteil aufräumen. Der 72-Jährige selbst wohnt schon seit 26 Jahren nicht mehr im Lieblingsviertel der Alternativen, sondern in Tiergarten.

news.de/dpa

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