Hauptstadt Bagger auf die Tanzfläche: Berliner Clubs unter Druck

Sexy schon, aber bitte ohne Nebenwirkungen - das könnte das neue Credo der Berliner sein, deren Bürgermeister die Hauptstadt gern «arm, aber sexy» nennt. Die Clubs, die einst neue Bewohner in die Szeneviertel lockten, sind denen jetzt zu laut.

Bagger auf die Tanzfläche: Berliner Clubs unter Druck (Foto)
Bagger auf die Tanzfläche: Berliner Clubs unter Druck Bild: dpa

Berlin (dpa) - Sexy schon, aber bitte ohne Nebenwirkungen - das könnte das neue Credo der Berliner sein, deren Bürgermeister die Hauptstadt gern «arm, aber sexy» nennt. Die Clubs, die einst neue Bewohner in die Szeneviertel lockten, sind denen jetzt zu laut.

Sie blockieren Grundstücke in begehrten Lagen, sind im Weg. Berlin wird immer reicher - aber reich und sexy scheint nicht zusammen zu passen. Die Folge: Clubs von Prenzlauer Berg bis Mitte kämpfen ums Überleben - gegen Investoren und Anwohner.

Dabei trägt das Nachtleben maßgeblich zum internationalen Ruf der Hauptstadt bei. Mehr als jeder dritte Berlin-Tourist kommt auch wegen der rund 1300 Clubs, zählt die Marketing-Agentur Visit Berlin. «Das ist ein enorm wichtiger Wirtschaftsfaktor.» Doch steigende Immobilienpreise und begrenzter Baugrund machen die Club-Grundstücke für Investoren interessant. Zugleich ändert sich die Szene mit den Bewohnern der Viertel. Während die Kinderwagendichte im früher quirligen Prenzlauer Berg zunimmt, soll der Lärm bitte abnehmen.

Die Folgen: Der «Magnetclub» - einem Bioladen gewichen. Das «Icon» - geschlossen wegen Ruhestörung. Der «Knaack-Klub» - weggeklagt von Käufern benachbarter Eigentumswohnungen. Die Strandbar «Kiki Blofeld» muss sechsgeschossigen Wohnhäusern weichen. Zuletzt wurde der «Klub der Republik» zu Grabe getragen. Jetzt kämpft der «Schokoladen» in Mitte - scheinbar mit Erfolg.

Der Club steckt schon seit Jahren im Rückzugsgefecht. Die erste Kündigung kam Ende 2005 - der Grundstücksbesitzer will das Gebäude sanieren. Seitdem hat Betreiber Chris Keller verhandelt, getrickst. Als Anwohner sich über Lärm beschwerten, schloss der «Schokoladen» um 22 Uhr - und machte um 6 Uhr morgens wieder auf. Jetzt hilft die Kreativität nicht mehr: «Wenn nichts passiert, ist eines der letzten Kulturprojekte futsch», fürchtet Keller.

Die Clubs wünschen sich Hilfe vom Senat, der den Investoren Grundstücke zum Tausch anbieten soll. Weniger reine Wohngebiete ausweisen, schlägt Lutz Leichsenring von der Clubcommission, einem Zusammenschluss der Clubbetreiber, vor. «Die Clubs sollten ein Recht auf Innenstadt haben», fordert Katrin Schmidberger von den Grünen.

Im Fall des «Schokoladen» macht das Land neue Hoffnung: Es gebe Gespräche mit dem Eigentümer. Die Räumung wurde aufgeschoben, ein vorläufiger Frieden vereinbart, Blockaden abgeblasen. Die Clubs seien ein Teil der Berliner Kultur, «die wir brauchen», sagt Senatssprecher Richard Meng. «Wir wollen die Clubs.» Nicht umsonst soll das neue Musicboard zur Förderung der Berliner Musikbranche im Doppelhaushalt 2012/13 eine Million Euro erhalten.

Doch gehandelt werden muss sofort, fordert die Szene. «Bis vor wenigen Jahren konnten wir uns leicht trösten, wenn wieder einer dieser Orte schließen musste. Es gab ja noch andere», heißt es in einer Erklärung, die auch die Künstler Wladimir Kaminer und Judith Hermann unterzeichnet haben.

Trotzdem, so betont Visit-Berlin-Geschäftsführer Burkhard Kieker, gingen in der Hauptstadt noch lange nicht die Lichter aus. «Clubs machen zu, aber es machen auch ständig welche auf.» Das sei das Wesen Berlins. Das Nachtleben ziehe vom durchsanierten Prenzlauer Berg nach Moabit. «Es gibt unendlich viele Ecken, die man noch finden kann.»

Glück hatte das «ADS», früher «Maria am Ostbahnhof». Es war schon so gut wie zu - jetzt wird doch noch mindestens ein Jahr getanzt. Überraschend, sagt Betreiber Ben de Biel. Der Investor, der ein Hotel und Wohnungen errichten wollte, hat Schwierigkeiten. Das eigentliche Problem, meint de Biel, sei auch gar nicht der Platz in der Stadt, sondern «ob wir gewünscht sind». Berlin habe noch nicht verstanden, was es an seinen Clubs habe.

news.de/dpa

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