Internet Uni-Lernplattformen als virtueller Studi-Schreibtisch

Leipzig (dpa/tmn) - Vorlesungen anhören, Seminare besuchen, in der Bibliothek Schlange stehen - das ist Studentenleben. Doch seit die Unis Lernplattformen anbieten, wird das Studenten-Dasein virtueller. Die Angebote reichen von der Netz-Lerngruppe bis zu Twitter-Debatten.

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Uni-Lernplattformen als virtueller Studi-Schreibtisch Bild: dpa

Leipzig (dpa/tmn) - Vorlesungen anhören, Seminare besuchen, in der Bibliothek Schlange stehen - das ist Studentenleben. Doch seit die Unis Lernplattformen anbieten, wird das Studenten-Dasein virtueller. Die Angebote reichen von der Netz-Lerngruppe bis zu Twitter-Debatten.

«Italien und Frankreich sprechen sich für eine Reform des Schengen-Abkommens aus.» Was klingt wie eine Schlagzeile, ist in Wahrheit Teil eines Planspiels der Universität Leipzig: Studenten schlüpfen in die Rolle von Regierenden europäischer Länder und diskutieren aktuelle politische Fragen. Das Besondere an diesem Planspiel: Es wird per Twitter debattiert.

«Wir wollten das Seminar in den Alltag der Studenten integrieren», erklärt Politik-Professorin Rebecca Pates die Lehrmethode. Wer an dem Seminar teilnimmt, soll nicht nur zwei Stunden pro Woche über den Stoff nachdenken, sondern immer, wenn er Nachrichten liest oder hört. Über Twitter kann er Kommilitonen Ideen mitteilen - und die können sofort reagieren. Das sei der Kern des Konzepts, sagt die Dozentin: «Die Studenten sollten mehr untereinander kommunizieren.»

Das Twitter-Seminar hat auch einen eigenen Blog, in dem Studenten Berichte über Vorträge und Exkursionen verfassen können. So haben auch diejenigen etwas davon, die nicht dabei sein konnten. Und zur Vorbereitung gibt es neben Literaturlisten auch Links zu Internet-Videos mit Fachvorträgen.

Das Leipziger Seminar ist kein Einzelfall. Für Studenten gehören längst nicht mehr nur Suchmaschinen, Wikipedia oder soziale Netzwerke zum Uni-Alltag, sondern auch die Lernplattformen der Hochschulen. «Die Studierenden erwarten heute ganz selbstverständlich, dass sie zum Beispiel die Dokumente zu Vorlesungen und anderen Veranstaltungen im Netz abrufen können», sagt Michael Gerth. Er betreut das elektronische Lernen, auch E-Learning genannt, an der Uni Leipzig.

Gerth und seine Kollegen bieten Leipziger Studenten gleich zwei Plattformen: «Moodle» ist ein virtueller Klassenraum, in dem Dozenten Dokumente ablegen oder Online-Lerneinheiten anbieten können. Ergänzt wird dieses Angebot durch «Mahara», dem Netz-Pendant zum heimischen Studi-Schreibtisch, wo Studenten Dokumente anlegen und sammeln.

Mahara biete aber noch mehr, sagt Gerth: «Man kann zum Beispiel bloggen oder sich mit Kommilitonen zu einer Lerngruppe vernetzen.» Beides laufe aber eher schleppend an, auch deshalb, weil Studenten Universität und Privatleben voneinander trennten. «Lerngruppen bilden sich immer noch eher über Wohngemeinschaften und Freundeskreise und nicht im Netz.»

Trotzdem werden soziale Aspekte auf Uni-Lernplattformen immer wichtiger, sagt Elmar Schultz, bei der Hochschulrektorenkonferenz zuständig für neue Medien. «Seit ungefähr 2006 spielen Web-2.0-Komponenten im Bereich E-Learning eine immer größere Rolle.» Manche Lehrveranstaltungen haben zum Beispiel begleitende Wikis oder Blogs, auf denen Diskussionen aus dem Hörsaal fortgesetzt und vertieft werden können. Solche Elemente ergänzten das klassische E-Learning, das es in der heute verbreiteten Form seit ungefähr 2004 gebe, erklärt Schultz.

«Blended Learning» ist dabei das Zauberwort - elektronische Lehrmethoden sollen klassische Seminare und Vorlesungen nicht ersetzen, sondern sinnvoll ergänzen. Wie viel E-Learning sinnvoll ist, hängt stark vom Fach ab: «In den Ingenieurswissenschaften lassen sich Eigenschaften eines dreidimensionalen Modells am Rechner viel leichter vermitteln», sagt Schultz. An der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf können Studenten der Naturwissenschaften und Medizin ihre Grundpraktika in Physik sogar komplett am Rechner erledigen - Experimente inklusive.

«Die Studenten sehen ein Bild der Versuchsaufbaus, dass sie per Mausklick manipulieren können», erklärt der Düsseldorfer Physik-Professor Dieter Schumacher das interaktive Bildschirmexperiment. Als Feedback werden kurze Videoclips abgespielt. Das Besondere daran: Im Gegensatz zu einer normalen Videovorführung können Studenten hier auch Fehler machen und müssen im Zweifelsfall sogar ganz von vorne anfangen. «Wir wissen aus Studien, dass die Lernwirkung der Bildschirmexperimente in diesem Bereich vergleichbar ist mit Experimenten im Labor», sagt Schumacher.

Aber auch andere Fachbereiche greifen aufs E-Learning zurück. «Bei uns in Leipzig sind es die textbasierten Fächer und besonders die Sprachen, die viel mit Moodle arbeiten», sagt Michael Gerth. Welchen Stellenwert das E-Learning im Seminar habe, sei aber vor allem eine Frage des Engagements des Dozenten. Nebenher Diskussionen im Netz zu moderieren oder interaktive Lerneinheiten zusammenzubauen, bedeute erheblichen, meist unbezahlten Aufwand für den Lehrenden.

Rebecca Pates ist überzeugt davon, dass sich das Einbinden von Twitter in ihr Seminar gelohnt hat: «Die Studenten hatten viel Arbeit damit, haben sich aber auch deutlich mehr mit ihrer Rolle und dem Thema beschäftigt als sonst.»

news.de/dpa

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