Fernsehen Vom «Millionenspiel» zu «Wetten, dass..?»

Vom «Millionenspiel» zu «Wetten, dass..?» (Foto)
Vom «Millionenspiel» zu «Wetten, dass..?» Bild: dpa

An einem kühlen Spätwinterabend im März 1971 hatten es sich an die 20 Millionen Menschen vor ihren Fernsehern gemütlich gemacht, um die spektakuläre ZDF-Show «Wünsch Dir was» mit dem coolen Moderatoren-Paar Vivi Bach und Dietmar Schönherr zu gucken. Denn die beiden verstanden etwas von Nervenkitzel.

Berlin (dpa) - An einem kühlen Spätwinterabend im März 1971 hatten es sich an die 20 Millionen Menschen vor ihren Fernsehern gemütlich gemacht, um die spektakuläre ZDF-Show «Wünsch Dir was» mit dem coolen Moderatoren-Paar Vivi Bach und Dietmar Schönherr zu gucken. Denn die beiden verstanden etwas von Nervenkitzel.

Und dann geschah das Unglaubliche: Bei einem der knallharten «Challenges» (so würde der TV-Wettkampf heute genannt) wurde ein Auto mit einer Familie in einem Studiopool zu Wasser gelassen. Die Frau konnte die Beifahrertür nicht öffnen, bekam Panik. Ein Froschmann rüttelte an der Tür und rettete die Frau, die lange unter den Folgen des Unfalls litt.

Parallelen zum schlimmen Unfall bei «Wetten, dass..?» vom Samstagabend sind nicht zu übersehen, wenn auch heute einiges anders ist als vor knapp vier Jahrzehnten. Damals existierte noch kein Privatfernsehen, das ZDF musste nur gegen die ARD bestehen. War das gefährliche Spiel zulässig? Auf den ersten Blick vielleicht nicht. Doch das ZDF war noch recht jung, musste sich immer noch gegen die ARD durchsetzen. Das TV selbst stand wie viele andere gesellschaftliche Bereiche damals nach der Studentenrevolte in einer Rechtfertigungskrise und musste sich neu definieren. Auch übers Risiko.

Der große Unterschied zu heute: Während das ZDF 1970 angriff, muss es sich heute verteidigen. «Wetten, dass..?» ist die letzte Bastion der guten, alten Show und muss dem Wettbewerb gegen die Newcomer trotzen, weil es andere, neue Formate im öffentlich-rechtlichen TV nicht entscheidend geschafft haben, den Privaten Paroli zu bieten. Keine Ratesendung, keine Volksmusik, keine Spielshow.

Die neuen Parameter am Samstagabend entwickelten die Privatsender: RTL führte die Castingsendungen «Deutschland sucht den Superstar» und «Das Supertalent» ein - keine eigenen Erfindungen zwar, aber international erprobt. Clevere Formate jedoch, weil sie mit weniger Action und Härte auskommen, aber auf Bauchkribbeln und Voyeurismus setzen und Träumen und Fantasien freien Lauf lassen.

Eine eigene Liga bespielt Stefan Raab. Der ProSieben-Entertainer erdachte sich TV-Schlager wie «Schlag den Raab», die «Wok-WM» oder sein «TV total Turmspringen» - auch keine ungefährlichen Angelegenheiten, bei denen es häufig rasant zugeht. Aber mehr als einen Nasenbeinbruch oder eine Gehirnerschütterung bei Raab sowie kleinere Verletzungen bei prominenten Kandidaten im Wok oder auf dem Sprungturm gab es bislang (glücklicherweise) nicht.

Die große Familien-Unterhaltung, einst von ARD und ZDF mit den Urvätern Peter Frankenfeld, Hans-Joachim Kulenkampff oder Hans Rosenthal salonfähig gemacht, liegt schon längst in den Händen der kommerziellen Konkurrenz. Die Domäne der Öffentlich-Rechtlichen ist weggebrochen.

Doch zumindest das ZDF scheint nicht aufgeben zu wollen - getreu der sportlichen Devise: schneller, höher, weiter. TV-Autor Wolfgang Menge ahnte bereits vor 40 Jahren, wo die Entwicklung hinsteuerte. 1970 sendete die ARD sein TV-Schreckensszenario «Das Millionenspiel»: Auf einen Mann wird Jagd gemacht. Seine Häscher wollen ihn erschießen - überlebt er die Hatz, bekommt er eine Million Mark. Doch kurz vorm Zieleinlauf wird er schwer verletzt...

news.de/dpa

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