Fernsehen Ins A Kromminga macht Kunst über das 3. Geschlecht

Ins A Kromminga malt sich die eigene Lebensgeschichte von der Seele. Kromminga zeichnet ein kleines Mädchen mit haarigen Beinen, das gerade mit Handgranaten auf ein Krankenhaus zielt.

Ins A Kromminga macht Kunst über das 3. Geschlecht (Foto)
Ins A Kromminga macht Kunst über das 3. Geschlecht Bild: dpa

Frankfurt/Main (dpa) - Ins A Kromminga malt sich die eigene Lebensgeschichte von der Seele. Kromminga zeichnet ein kleines Mädchen mit haarigen Beinen, das gerade mit Handgranaten auf ein Krankenhaus zielt.

Oder Toilettenschilder für Frauen, Männer und Behinderte. Darüber die Frage: «Das 3. Geschlecht?» Kromminga (40) ist intersexuell, also von Geburt an weder Frau noch Mann. In erster Linie ist sie_er aber ein_e spannende_r Künstler_in. In der Galerie Wolfstaedter in Frankfurt hängt noch bis zum 4. Dezember Krommingas Ausstellung «Public Interest». Kromminga wurde im ostfriesischen Emden geboren, studierte in Bremen und den USA und lebt in Berlin.

Die Unterstrich-Schreibweise steht für das Dazwischen, den undefinierten, auch juristisch nicht anerkannten Raum. Kromminga meint, man könne auch abwechselnd von «er» und «sie» sprechen. «Wenn jemand ständig "sie" sagt, beschwer' ich mich schon mal: So, bitte jetzt zweimal "er".» Kromminga gehört auch zu den Intersex- Aktivisten, seine faszinierende Kunst ist zwar anklagend, aber nie krawallig oder unerträglich. «Ich möchte ja auch vermitteln und sympathisch werben für das Thema - dass sich Menschen fragen: "Was hab' ich damit zu tun? Wieso sollte ich mich damit beschäftigen?".»

Ja, sie habe auch «bösere Ideen», setze diese aber möglichst humorvoll um. Krommingas kritische Reflexion der medizinischen Normierungspraxis intersexueller Kinder spiegelt sich zum Beispiel in einer «Prader»-Handtasche (2009) wider: Auf die Handtasche voller Haarbüschel sind kleine variierende Geschlechtsorgane gezeichnet. Andrea Prader war ein Schweizer Kinderarzt und Endokrinologe. Die grafische Skala der sogenannten Praderstufen wird heute noch als Klassifizierung nicht-normgerechter Genitalien verwendet.

Viele der Bilder aus Aquarell, Tusche, Bleistift oder Kohle zeigen romantisch-ironische Bildwelten von geschlechtsüberschreitenden Wesen zwischen Mensch und Alien (etwa Darth Vader aus «Star Wars») oder auf Jahrmärkten vorgeführten «Wolfsmenschen». Auch die Geschichte von Hermaphroditus und der Nymphe Salmakis aus Ovids «Metamorphosen» taucht bei Kromminga auf. Thema ist die Entstehung des Hermaphoditen.

Schwulen- und Lesben-Kunst gilt fast als extra Genre. Kunst, die vor allem Intersexualität thematisiert, ist dagegen neu. Kromminga fällt neben sich auf Anhieb nur der Fotograf Del LaGrace Volcano ein.

Krommingas Installationen aus an Wülste erinnernder Wandbemalung und dazu arrangierten erzählerischen Zeichnungen sind immer anders. «Ins ist wie ein DJ, der mit seinem Platten-Koffer zu einem Club kommt, und sich dann auf den Raum einlässt», erklärt Galerist Jürgen Georg Wolfstädter. Er betont: «Es ist keine Kunst, mit der man eine Zahnarztpraxis dekoriert. Es ist Kunst, die eine Haltung erfordert.» Und sie ist nicht kommerziell. Kromminga lebt von Stipendien, von Grafiker-Jobs, einem Lehrauftrag in Kiel und Vorträgen in den USA.

Kromminga, 1,90 Meter groß, hat im Personalausweis zwei Namen stehen. Den Geburtsnamen Insa Dagmar Elisabeth Kromminga, und auf der Rückseite den Künstlernamen mit dem abgerückten A. Er betont, dass das Persönliche auch immer politisch sei: «Ich laufe ja jeden Tag in dieser Welt herum, die diese scheinbar klaren zwei Linien zieht.» Beim Interview in einem Bremer Café geht Kromminga auf die Toilette und kriegt von der Klo-Frau die Herren-Toilette zugewiesen. Die Frau scheint sich da sicher. Kromminga kann darüber lachen.

www.abject.de

news.de/dpa

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