16.10.2017, 09.00 Uhr

"Tatort" aus Stuttgart in der Wiederholung: Stefan Aust kritisiert RAF-"Tatort" aus Stuttgart als Propaganda

Der "Tatort: Der rote Schatten" führt die Stuttgarter Ermittler Lannert und Bootz zurück zum Deutschen Herbst und der Todesnacht von Stammheim. Lohnt sich die Wiederholung bei diesem Zeitgeschichts-Krimi?

Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) erreichen den Tatort. Bild: SWR/Julia von Vietinghoff

Der "Tatort: Der rote Schatten" (15. Oktober, 20.15 Uhr, das Erste) führt die Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) und damit auch die Zuschauer zurück in das Jahr 1977. Denn der aktuelle Fall hat seine Wurzeln im sogenannten Deutschen Herbst. Lohnt sich das Einschalten?

"Tatort: Der rote Schatten" verpasst? Stuttgart-Krimi in der Wiederholung sehen

Sie haben den aktuellen "Tatort" verpasst? Kein Problem, denn das Erste wiederholt den spannenden Krimi in der Nacht vom 16. zum 17. Oktober 2017, um 00.35 Uhr. Aber auch der Ableger-Sender vom ARD ONE strahlt "Tatort: Der rote Schatten" als Wiederholung aus, und zwar am 15. Oktober 2017, um 21.45 Uhr und in der Nacht zum 16. Oktober 2017, um 00.40 Uhr. Fans der ARD-Mediathek werden hingegen enttäuscht. Der aktuelle "Tatort" aus Stuttgart wird dort nicht als kostenloses Video on Demand zur Verfügung gestellt.

"Tatort: Der rote Schatten" am 15. Oktober - Darum geht's

40 Jahre liegen der "Deutsche Herbst" und "die Todesnacht von Stammheim" zurück. Dennoch beeinflussen die Folgen dieser traumatischen Zeit den aktuellen Fall der Kommissare Lannert und Bootz. Marianne Heider kam angeblich bei einem Badewannenunfall ums Leben. Ihr Ex-Mann Christoph Heider (Oliver Reinhard) glaubt jedoch, dass sie von ihrem aktuellen Lebensgefährten Wilhelm Jordan (Hannes Jaenicke) ermordet wurde. Christoph Heider entführt den Leichnam, um ihn im Ausland obduzieren zu lassen. Doch er wird von der Polizei gestoppt.

Wilhelm Jordan (Elias Popp) und Astrid Frühwein (Emma Jane) bei einer Demo nach dem Tod von Holger Meins. Bild: SWR/Sabine Hackenberg

Obwohl der Todesfall von der Staatsanwaltschaft als Unfall zu den Akten gelegt wurde, glauben die Kommissare dem Ex-Mann und gehen der Sache nach. Dabei stellen sie fest, dass Wilhelm Jordan in den 1970er Jahren als V-Mann für den Verfassungsschutz gegen die RAF eingesetzt war. Ist das der Grund dafür, dass die Kommissare bei den Ermittlungen ständig auf Widerstand aus Polizeibehörde und Staatsanwaltschaft stoßen?

Und ist Wilhelm Jordan überhaupt Wilhelm Jordan? Der Mann hat eine erstaunliche Ähnlichkeit mit einem ehemaligen RAF-Mitglied, das später mit dem Verfassungsschutz zusammenarbeitete. Lannert und Bootz fragen sich, ob der Zeugenschutz selbst einen Mord umfassen würde...

TV-Kritik von Stefan Aust: Darstellung im RAF-"Tatort" ist "gefährlicher Unsinn"

Keine Frage, das ist ein "Tatort" für Zuschauer der Generation 55plus, die Zeitzeugen des sogenannten Deutschen Herbsts waren. Doch auch jüngere Zuschauer können auf jeden Fall einschalten, vielleicht sollten sie es sogar. Denn Regisseur und Zehnfach-Grimme-Preisträger Dominik Graf (65, "Die reichen Leichen. Ein Starnbergkrimi") und sein Team ordnen den komplexen Sachverhalt des bis heute relevanten Themas mit viel Archivmaterial spannend und verständlich ein.

"Tatort" aus Stuttgart als RAF-Propaganda verhöhnt

Der Journalist und RAF-Experte Stefan Aust hat die Darstellung der Todesnacht von Stammheim im Stuttgart-"Tatort" als RAF-Propaganda kritisiert. Im "Tatort" am Sonntagabend war die Frage offen geblieben, ob die Terroristen der "Roten Armee Fraktion" (RAF) sich 1977 im Gefängnis das Leben nahmen - oder doch ermordet wurden. "Es gibt keine ernstzunehmenden Zweifel daran, dass es Selbstmord war", sagte Aust der "Bild"-Zeitung. Im "Tatort - Der rote Schatten" wurde der Mord an den Gefangenen der RAF durch eine geheime Truppe inszeniert. "Das wird bei den Zuschauern hängen bleiben", kritisierte Aust, Autor des Buches "Der Baader-Meinhof-Komplex". "Ich halte das für sehr problematisch. Das ist RAF-Propaganda."

Astrid Frühwein (Heike Trinker) bei einem Überfall auf einen Geldtransporter. Bild: SWR/Julia von Vietinghoff

Lohnt sich das Einschalten des "Tatort" aus Stuttgart?

Einschalten sollte man, "weil es elementarer Bestandteil der bundesrepublikanischen Geschichte ist", sagt auch Episoden-Hauptdarsteller Hannes Jaenicke (57, "Im Einsatz für ...", "Allein unter...") im Interview mit spot on news. Bis heute seien die Folgen spürbar, findet er: "Der Kampf gegen den Nazi-Mief, das 50er-Jahre-Spießertum und seine Heimatfilme, und das Abdriften dieses Kampfes in die Kriminalität und den Terrorismus. Die hysterische Angst vor 'Linksradikalen' rührt aus dieser Zeit, und hat dazu geführt, dass Deutschland bis heute auf dem rechten Auge sehr schlecht sieht. Siehe NSU und AfD...", so Jaenicke.

Zu den Todesumständen der RAF-Mitglieder Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in jener Nacht im Oktober 1977 in ihren Zellen im Gefängnis Stuttgart Stammheim gibt es viele Theorien und Verschwörungstheorien. Die Krimimacher stellen die wesentlichen Aspekte und Argumente dar. Was dabei herauskommt, erinnert an den Investigativen Spielfilm "Der blinde Fleck" (2013) über das Oktoberfest-Attentat im September 1980. Nach der Ausstrahlung wurden die Ermittlungen wieder aufgenommen...

Kleine Randnotiz: Oberstaatsanwalt Lutz wird gespielt von Friedrich Mücke (36, "Unter der Haut"). Eingefleischten "Tatort"-Fans dürfte der Berliner als Teil der sogenannten "Baby-Kommissare" bekannt sein, wie das junge Erfurter Team etwas despektierlich genannt wurde. Mücke, Alina Levshin (33, "Kriegerin") und Benjamin Kramme (35) strichen nach nur zwei Folgen (2013/2014) wieder die Segel. Nun feiert immerhin Mücke eine Art Mini-Comeback im Kult-Krimi.

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mag/news.de/dpa

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