Moritz Bleibtreu: Ferdinand von Schirach: Wenn Langeweile zur Kunst wird

Ferdinand von Schirach stand als Anwalt bei aufsehenerregenden Prozessen im Rampenlicht, heute ist er ein gefeierter Autor - das ZDF zeigt nun mit "Schuld" die Serienfassung seines zweiten Buches.

Hält sich lieber aus der Öffentlichkeit raus: Ferdinand von Schirach

Bild: ddp images/spot on news

Er liebt die Einsamkeit und blüht darin auf. Und er hasst Partys, das Laute, das Schrille, das gequält Lustige: "Wenn ich zum Beispiel zu einer offiziellen Einladung muss, ist mir alles daran unangenehm: die Fotografen, das Händeschütteln, der Smalltalk, die Herrenwitze, die getrüffelten Spaghetti vom Flying Buffet. Alles ist zu laut, zu bunt, zu stark parfümiert. Männer umarmen sich heute gerne und hauen sich dabei auf die Schulter. Ich mag keinen Körperkontakt mit Fremden", sagte von Schirach dem SZ-Magazin.

Da spricht einer, für den ein öffentliches Leben eine Qual sein muss, der er freilich nicht vollends entrinnen kann, denn dieser Mann - Ferdinand von Schirach (48) - ist einer der bekanntesten Strafverteidiger und einer der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller obendrein. Und er ist der Autor der hochgelobten ZDF-Serie "Schuld" mit Moritz Bleibtreu in der Hauptrolle. Der Sechsteiler basiert auf Schirachs zweitem Buch, das den gleichen Titel trägt.

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Anwalt bei spektakulären Prozessen

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Ferdinand von Schirach hat bei aufsehenerregenden Verfahren den BND-Spion Norbert Juretzko sowie Günter Schabowski, ein ehemaliges Politbüromitglied der DDR, als Anwalt vertreten. 2009 erschien sein erstes Buch "Verbrechen", das 54 Wochen in der "Spiegel"-Bestsellerliste blieb und ebenfalls vom ZDF verfilmt wurde.

Sein in den USA hochgelobter Roman "Der Fall Collini" thematisiert die NS-Verbrechen, ein Stoff, der zum Familienerbe der von Schirachs zählt. Der Großvater Baldur von Schirach war als NS-Reichsjugendleiter eine der bekanntesten Nazi-Größen und bis 1966 Insasse der Kriegsverbrecher-Haftanstalt Berlin-Spandau.

Ferdinand von Schirach wurde 1964 in München geboren und wuchs in einer großbürgerlichen Familie auf. Sein Vater Robert von Schirach war ein bekannter Kaufmann, die Großmutter Henriette von Schirach Schriftstellerin. Auch seine Cousine Ariadne von Schirach ist eine bekannte Autorin.

Literatur-Star wider Willen

Nach seinem literarischen Debüt avancierte der Berliner Jurist zum international gefeierten Star der deutschen Literatur, was ihm überhaupt nicht behagte. In einem Interview sagte er, ihn interessiere der Literaturbetrieb überhaupt nicht, die meisten Schriftseller und Feuilletonisten würden ihn ohnehin als "Fremdkörper in ihrer Welt" sehen.

Er lebt und arbeitet in Berlin, ein für ihn idealer Tagesablauf sei immer gleich, wie er der Wiener Zeitung "Standard" erzählte: "Ich stehe auf, frühstücke im Café, gehe in meine Wohnung, in der ich schreibe, schreibe, mache Mittagsschlaf, danach mache ich Korrespondenz, gehe Abendessen und früh ins Bett."

Zeit zum Schreiben als Luxus

Er spiele kein Golf, gehe nicht auf Partys und werde niemals eine Yacht kaufen. "Zeit zum Schreiben zu haben, ist ein großer Luxus, das weiß ich natürlich. Aber das ist schon alles... Ich reise nicht mehr gerne, jeder Flug erinnert doch an Massentierhaltung, vor den Schaltern sind inzwischen Gatter aufgestellt. Außerdem langweilt mich der Strand, zu viel Sand überall und meistens zu heiß."

Ein oder zwei Mal in der Woche geht er in seine Kanzlei, sagte er in einem Interview dem Magazin der "Süddeutschen Zeitung": "Ich habe noch einige Beratungsmandate und spreche gerne mit den Kollegen. Hobbys habe ich keine, ich mag schon das Wort nicht. Ach ja, ich gehe gerne spazieren, auch das sehr langsam. Bei Goethe steht, man müsse nur langsam durch die Straßen gehen, schon nehme man die Welt und die Menschen anders wahr. Es stimmt. Probieren Sie es aus."

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