Der blinde Fleck: Benno Fürmann: "Ich war noch nie auf dem Oktoberfest"

Ein Film, der bewegt: "Der blinde Fleck - Das Oktoberfestattentat" könnte "späte Gerechtigkeit für uns alle" bedeuten, findet Benno Fürmann.

Benno Fürmann als Ulrich Chaussy

Bild: BR/diwafilm/Markus S. Thiel/spot on news

Was die Einschaltquoten angeht, musste sich der historische Kriminalfall zwar den aktuellen Fällen geschlagen geben, insgesamt feierten die öffentlich-rechtlichen Sender aber einen Erfolg: Das ZDF holte sich am Mittwoch mit "Aktenzeichen XY...ungelöst" vor dem Ersten den Tagessieg. Im Ersten gab es einen Themenabend, der mit dem Film "Der blinde Fleck - Das Oktoberfestattentat" startete. Darin ging es auch um das Lebenswerk des Journalisten Ulrich Chaussy. Der sei "ein zutiefst inspirierender Mensch", urteilt einer, der es wissen muss: Benno Fürmann (43) verkörperte den BR-Mann im Film. Mehr über den Reporter, der nie aufgegeben hat, den Finger in die blutige Wunde zu legen, erzählt der Schauspieler im Interview mit spot on news.

Wie haben Sie das Oktoberfest-Attentat damals erlebt?

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Benno Fürmann: Ich muss ehrlich sagen, an das Oktoberfest-Attentat hatte ich nur noch eine ganz wage Erinnerung - zu lange her, zu klein gewesen damals. Umso erstaunter und entsetzter war ich dann, von der Größe der Katastrophe und den katastrophalen Umständen in der Aufarbeitung zu erfahren.

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Video: spot on news

Welchen Einfluss hatte das Attentat in den folgenden Jahren auf Ihre Oktoberfest-Besuche?

Fürmann: Ich war noch nie auf dem Oktoberfest und werde es auch nach Möglichkeit in diesem Leben nicht besuchen. Große Menschenansammlungen sind nicht meine Lieblingsumgebung.

Was halten Sie davon, dass die Ermittlungen zum Attentat wieder aufgenommen wurden?

Fürmann: Ich finde es großartig, welche neue Dynamik die Ermittlungen in letzter Zeit bekommen haben. Damals wurde anscheinend schamlos gemauert und Ermittlungen vor einem politischen Hintergrund manipuliert. Dass nun eventuell neue Wahrheiten und glaubhaftere Ergebnisse ans Licht kommen, bedeutet unter Umständen späte Gerechtigkeit für die Angehörigen, für Ulrich Chaussy und letztendlich für uns alle.

Wie viel Anteil daran hat der Film "Der blinde Fleck"?

Fürmann: Ich denke, der Film und die Öffentlichkeit, die er erreicht hat, haben eine immense Wirkung gehabt: Je mehr Menschen hinschauen, je publiker Missstände werden, desto stärker wird der Druck auf gewisse Organe. Und natürlich sind die Menschen, die damals politische Interessen verfolgt und dafür gesorgt haben, dass Ergebnisse der Ermittlungen manipuliert wurden, nicht mehr im Amt. Das heißt, die Angst um die eigene Haut, den eigenen Posten ist nicht mehr ein die Aufklärung verhindernder Faktor.

Welchen Einfluss haben die Medien generell?

Fürmann: Einen großen. Damals wie heute haben gewisse Medien politische Mächte gestützt.

Im Zusammenhang mit den Ermittlungsfehlern von damals und auch im aktuellen NSU-Prozess heißt es immer wieder, Deutschland sei auf dem rechten Auge blind. Was halten Sie davon?

Fürmann: Ich denke schon, dass staatliche Organe auf dem rechten Auge oft blind sind, da sie unter Umständen oft weniger Probleme mit rechtem als mit linkem Gedankengut haben. Das rechte Lager befürwortet eine Politik der harten Hand, mehr Kontrolle, weniger Zuzug etc. All das ist sicherlich auch auf der Agenda von staatlichen Organen zu finden, die gerne kürzeren Prozess machen würden, Vorratsdatenspeicherung befürworten und noch weniger Transparenz der Geheimdienste anstreben.

Letztendlich geht es um den Umgang mit Geheimdiensten?

Fürmann: Genau. Wie schaffen wir es, dass staatliche Organe kontrolliert werden. Quellenschutz darf nicht permanent als Totschlag-Argument gegen jegliche Transparenz instrumentalisiert werden. Es kann nicht sein, dass Gewaltakte durch Grauzonen der Informationsdienste geschützt und im schlimmsten Fall unterstützt werden. Sind die Menschen, die vom Staatsschutz Geld kassieren, in erster Linie Nazis oder Informanten - diese Frage ist immer wieder spannend. Wenn ein Geheimdienst, ein Staatsschutz nicht mehr den Staat schützt, sondern demokratische Strukturen umgeht, stimmt etwas nicht.

Warum gibt es in einem Land mit unserer Vergangenheit trotzdem immer wieder rechte Tendenzen, Stichwort Pegida?

Fürmann: Weil einfache Antworten immer super klingen. Komplizierte Zusammenhänge auf ein überschaubares Stammtischniveau zu bringen, ist natürlich irre angenehm, da einfach. Du hast dann einen Schuldigen und somit ein Ventil für Deinen Ärger und gut ist's.

Was finden Sie in diesem Zusammenhang wichtig?

Fürmann: Ich glaube nicht, dass unsere, im europäischen Pro-Kopf-Verhältnis magere, Aufnahme von Flüchtlingen der Grund für die steigende soziale Ungerechtigkeit ist. Sondern diese Menschen sind oft in starkem Maße ein Opfer davon. Hysterische Angst vor Überfremdung und Schreie nach einer deutschen Leitkultur sprechen Bände in Bezug auf ein schwaches Selbstbewusstsein. Und da, wo man das Andere nicht kennt, ist bekanntlich die Angst davor am größten. Wie man sich freiwillig einer persönlichen Beschränkung unterwirft, anstatt eine Erweiterung anzustreben, ist mir schleierhaft.

Im Film spielen Sie einen Journalisten. Wie war es, die Seiten zu wechseln?

Fürmann: Ulrich Chaussy ist ein investigativer Journalist, wie er im Buche steht, jemand der beharrlich seinem Thema nachgeht und ein zutiefst inspirierender Mensch. Was will man mehr als Schauspieler, als einen Menschen spielen zu dürfen, der einen sehr starken Antrieb hat, gepaart mit einem starken Unrechtsbewusstsein und einer unkorrumpierbaren politischen Geisteshaltung.

Welchen Unterschied macht es für Sie, einen realen und lebenden Menschen zu spielen?

Fürmann: Ich habe nicht versucht, Ulli in Gestik und Art zu imitieren, vielmehr wollte ich eine durch ihn inspirierte Filmfigur kreieren, die auf Zusammenhänge stößt und bei den Ermittlungen immer noch fassungsloser wird, wie massiv die Geheimdienste politische instrumentalisiert wurden, um die Wahrheit zu verschleiern.

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Fürmann: Ich habe mich im Vorfeld dafür sehr gerne und sehr intensiv mit Ulli getroffen und es war ein leichtes, mich anstecken zu lassen von diesem Mann, der über Jahrzehnte nicht locker gelassen und der Politik auf die Finger geklopft hat und nun hoffentlich späte Gerechtigkeit erfahren wird.

spot on news

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