Die Spiegel-Affäre: Warum "Die Spiegel-Affäre" so sehenswert ist

Die ARD-Produktion "Die Spiegel-Affäre" widmet sich einem der größten Polit-Skandale der Nachkriegszeit.

Sebastian Rudolph als Rudolf Augstein

Bild: BR/Wiedemann & Berg Film/spot on news

Herbst 1962: Der Kalte Krieg hat seinen Höhepunkt erreicht. Die Welt steht mit der Kubakrise - ausgelöst durch die Stationierung sowjetischer Atomraketen im Vorhof der USA - an der Schwelle zu einem alles vernichtenden thermonuklearen Schlagabtausch. Das Ende der menschlichen Zivilisation scheint nahe, doch Deutschland wird von ganz anderen Schlagzeilen beherrscht: Polizei und Bundesanwaltschaft haben am 26. Oktober in Hamburg die Räumlichkeiten des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" besetzt und suchen nach Beweisen für den Verdacht des "Landesverrats". Die bis dahin größte politische Krise der noch jungen Bundesrepublik Deutschland nimmt ihren Lauf.

Dieses bedrückende Szenario bildet die Kulisse des ARD-Thrillers "Die Spiegel-Affäre", ein Drama mit dokumentarischem Hintergrund, das die ARD heute (6.5., 20:15 Uhr) ausstrahlt. Die historische Dimension und die teilweise brillante Darstellung von moralischen und machtpolitischen Ambitionen und Obsessionen machen den Spielfilm zu einem ungewöhnlichen und überaus sehenswerten Ereignis.

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Zwei Männer bestimmen die weitestgehend authentische Handlung: Franz Josef Strauß (1915-1988), der hochbegabte CSU-Politiker und Verteidigungsminister im Kabinett von Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU), und Rudolf Augstein (1923-2002), ein junger, brillanter Journalist, Verleger und Herausgeber des Hamburger Nachrichtenmagazins "Der Spiegel", das Augstein als "Sturmgeschütz der Demokratie" versteht. Letztendlich geht es um die Frage: Wer ist der Klügste, der Anständigste und der Mächtigste im Land?

Die Schrecken des Zweiten Weltkriegs haben beide Männer geprägt: Augstein war Artilleriebeobachter im Range eines Leutnants, Strauß nahm als Oberleutnant am Russlandfeldzug teil. Beide sind nach 1945 von einem Gedanken beseelt: Nie wieder soll von deutschem Boden ein Krieg ausgehen! Das ist aber auch schon die einzige Gemeinsamkeit.

Während Strauß (gespielt von Francis Fulton-Smith) angesichts seiner Furcht vor einer kommunistischen Übermacht nach der Devise "Lieber tot als rot" denkt und am liebsten auch handeln würde, hat Augstein (Sebastian Rudolph) die Maxime: "Weg mit den Verkrustungen des Obrigkeitsstaates." Der ebenso hellsichtige wie zynische Journalist fürchtet zudem den Machthunger des bayrisch-barocken Instinktmenschen Strauß, der sich seiner politischen Brillanz durchaus bewusst ist und weitaus höhere Ziele hat.

Es kommt 1957 zu einem denkwürdigen Abend in Hamburg. Augstein will Strauß kennenlernen und hat ihn zu einem Meinungsaustausch in sein Haus eingeladen. Von der "Spiegel"-Redaktion sind Verlagsleiter Hans Detlev Becker (Johann von Bülow), Chefredakteur Claus Jacobi (Franz Dinola) und der schnauzbärtige Ressortleiter Leo Brawand (Max Hopp) anwesend. Die Vokabel "Meinungsaustausch" ist für das Treffen eine schmeichelhafte Umschreibung, hier übertreibt der Film keineswegs.

Es wird ein wüstes Gelage, Strauß flirtet ein bisschen mit Augsteins zweiter Ehefrau Katharina (Gesine Cukrowski) und lässt sich vom Gastgeber regelrecht abfüllen. Man trinkt Dujardin, einen Weinbrand, der gerade in Mode ist. Strauß wird immer betrunkener und räsoniert über eine neue Strategie der Bundeswehr, der er vorsteht. Er strebt die atomare Bewaffnung der deutschen Streitkräfte an, will "zur Abschreckung" den Finger am nuklearen Drücker haben. Am Ende fällt er in die Flaschenbatterie und verlässt schimpfend das Haus. Augstein lächelt sybillinisch: Er, der große, unbestechliche Journalist, hat den wahren Strauß enttarnt. Und er gibt die Parole aus: "Dieser Mann ist gefährlich. Er darf niemals Kanzler werden." Das ist nicht nur eine Feststellung, sondern auch ein Auftrag an die Redaktion. Von da an wird Strauß zur Zielscheibe des Magazins.

Regisseur Roland Suso Richter zeichnet in seinem Film das Bild eines polternden, hinterfotzigen, aber auch "treudeutschen" ("Die Zeit") Strauß, den Francis Fulton-Smith brillant darstellt. Dieser Mann will mit aller Energie an die Macht, weil er sich für den Besten hält. Er hat aber auch Momente der Rührseligkeit und Schwäche, beispielsweise wenn sich er sich an der Schulter seine Frau Marianna (Franziska Schlattner) ausweint und ihr sagt, er wolle nicht mehr. Oder als er beinahe verzweifelt versucht, Augstein zur Rede zu stellen, was er eigentlich gegen ihn habe, und der ihn kühl und wortlos abblitzen lässt. Dagegen ist Richters Augstein ein Egoist und selbstverliebter Zyniker, der kaum Widerspruch duldet. Ein Mann, der diesen Kleinkrieg gewinnen will, koste es, was es wolle.

Zum Showdown kommt es, als im Herbst 1962 der "Spiegel" mit einer Titelgeschichte über die Bundeswehr unter der Überschrift "Bedingt abwehrbereit" an den Kiosken ausliegt. Der stellvertretende Chefredakteur Conrad Ahlers (David Rott) hat jahrelang an der Story recherchiert, und als sie erscheint, tobt Augstein, wie langweilig und nichtssagend das Ergebnis sei. Doch im Verteidigungsministerium rumort es, schnell macht der Vorwurf die Runde, der Artikel sei "Landesverrat". Strauß sieht seine Chance gekommen, mit Augstein und seinem "Spiegel" abzurechnen.

Ab 26. Oktober 1962 stürmt Bundesanwalt Siegfried Buback (Alexander Held) mit Polizisten das Pressehaus. Gegen die "Spiegel"-Leitung ergehen Haftbefehle, Augstein bleibt über 100 Tage hinter Gittern, und Deutschland steht Kopf wegen der eklatanten Verletzung der Pressefreiheit. Der Skandal kostet Strauß den Kopf. Es kommt zur Regierungskrise, fünf FDP-Minister, Strauß und später (1963) Bundeskanzler Adenauer treten zurück. Und Augstein triumphiert: Er hat gewonnen!

Dass Regisseur Richter den legendären "Spiegel"-Herausgeber als notorischen Frauenhelden darstellt, entstammt nicht seiner Fantasie. Tatsächlich war Augstein "gut unterwegs", wie Freunde und Kollegen noch heute versichern. Obwohl Augstein fünfmal verheiratet war, so schreibt Biograf Peter Merseburger, sei er "für feste Beziehungen ungeeignet." Zur Zeit der Spiegel-Affäre hatte er ein Verhältnis mit der literarischen Übersetzerin Maria Carlsson (Nora von Waldstätten), die auch von 1968 bis 1970 seine dritte Ehefrau ist.

Dieser Verbindung entstammt die Tochter Franziska Augstein (49), die heute bei der "Süddeutschen Zeitung" arbeitet und als eine der renommiertesten Journalistinnen Deutschlands gilt. Maria Carlsson brachte während ihrer Beziehung mit Augstein auch einen Jungen zur Welt, den der "Spiegel"-Herausgeber als seinen Sohn anerkannte. Tatsächlich ist der Schriftsteller Martin Walser (87) der biologische Vater des Publizisten Jakob Augstein (46), der als Kolumnist für den "Spiegel" schreibt und Verleger und Chefredakteur der Wochenzeitung "Freitag" ist.

Was ist aus den Hauptbeteiligten der Spiegel-Äffäre geworden? Strauß wurde vier Jahre später Bundesfinanzminister in der Großen Koalition von CDU und SPD. An seinem großen Ziel, Regierungschef zu werden, scheiterte er als Kanzlerkandidat der Union bei der Bundestagswahl 1980. Von 1978 bis zu seinem Herztod 1988 war er bayerischer Ministerpräsident.

Konrad Adenauer lebte nach seinem Rücktritt als Bundeskanzler noch vier Jahre als grollender Alter in Rhöndorf am Rhein und starb 1967 im Alter von 91 Jahren. Rudolf Augstein blieb bis zu seinem Tod 2002 der mächtigste und einflussreichste Publizist Deutschlands. Conrad Ahlers wurde Regierungssprecher (1969-1972) unter Kanzler Willy Brandt und starb 1980 mit 58 Jahren an einem Herzinfarkt. Bundesanwalt Siegfried Buback wurde am 7. April 1977 in Karlsruhe von RAF-Terroristen erschossen.

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