Lars Eidinger: Lars Eidinger: "Auch ich schau mir viel Schrott im Fernsehen an"

Schauspieler Lars Eidinger ist ein gefragter Mann, denn er ist nie in "Schokoriegel"-Produktionen zu sehen. Das muss man zunächst nicht verstehen, im Interview über seinen neuen Film "Der Prediger" hat er es aber erklärt.

Schauspieler Lars Eidinger beim Fototermin zum Deutschen Fernsehpreis 2013 Bild: ddp images

Eine wahre Geschichte: Würden Sie einem inhaftierten Mörder glauben? Dieser Frage muss sich der Referent des Bischofs im TV-Drama "Der Prediger" (5. Februar, 20.15 Uhr, Das Erste) stellen und gerät darüber selbst in eine Glaubenskrise. Den fundamentalen Zweifel löst ein Mann aus, der vor Jahren eine junge Frau getötet haben soll und dafür in Haft sitzt. Nun will er Theologie studieren und dafür den Segen des Bischofs... Harter Tobak und damit wie gemacht für die beiden Charakterdarsteller Lars Eidinger (38, "Alle anderen"), Vater einer Tochter, und vierfach-Dad Devid Striesow (40, "Blaubeerblau").

Wie er entscheiden würde, ob er verzeihen könnte, und was mit Menschen passieren sollte, die Eltern das Kind wegnehmen, hat Lars Eidinger der Nachrichtenagentur spot on news erklärt. Ebenfalls verraten hat der gebürtige Berliner, ob er sich einen Umzug nach Hollywood vorstellen könnte und wie wichtig ihm die Quote ist - hier kommt dann übrigens auch der Schokoriegel wieder ins Spiel.

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Herr Eidinger, Referent Dr. Ralf Remberg (Devid Striesow) muss den Fall Jan-Josef Geissler (Lars Eidinger) untersuchen und seinem Bischof Blum (Erwin Steinhauer) eine Empfehlung aussprechen, ob der dem verurteilten Mörder seinen Segen zu dessen Theologie-Studium geben soll. Wie hätten Sie an Rembergs Stelle entschieden?

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Video: spot on news

Lars Eidinger: Ein ziemlich wichtiger Moment in dem Film ist, wenn der Geissler den Remberg fragt, also ich den Devid: "Könnten Sie mir denn verzeihen, wenn ich Ihre Tochter getötet hätte?" Das bringt den Konflikt auf den Punkt, weil es relativ einfach ist, über Themen wie Schuld und Vergebung abstrakt zu philosophieren. Aber wenn mir jemand konkret die Frage stellt, ob ich ihm verzeihen würde, wenn er meine Tochter umgebracht oder ihr etwas angetan hätte, würde ich sagen: "Auf gar keinen Fall!"

Das ist verständlich.

Eidinger: Ja, aber es ist auch genau der Moment, in dem Religion greifen müsste, weil sie über das erhebt, was gesellschaftlich als Moral definiert wird und dem Menschen noch mehr Größe abverlangt. Der Satz, den Pfarrer Klaus Spori (Götz Schubert) sagt, trifft das ganz besonders gut: "Liebe mich, wenn ich es am wenigsten verdient habe, denn dann brauche ich es am meisten."

Eine echte Erkenntnis steckt auch in Ihrem Monolog am Schluss, in dem Ihre Figur erklärt, warum sie so lange mit dem Mädchen zusammengeblieben sind, das doch so wenig zu ihm gepasst hat. Warum sagen Männer das so ungern?

Eidinger: Ich glaube eher, dass Männern das oft nicht bewusst ist, weil sie nicht selbstreflektiert genug sind. Geissler hat im Gefängnis zu Gott gefunden, aber nicht weil ein Engel durchs Fenster geflogen ist. Er hat in sich selbst etwas entdeckt, es offen gelegt und verstanden. Diese Form der Reflexion und Erkenntnis hat er im Gefängnis gewonnen. Vorher hätte er das so nicht formulieren können, auch nicht dieser Frau gegenüber.

Besonders tragisch ist die Stelle, an der der Referent des Bischofs (Striesow) zu Geissler sagt: "Ich wünschte, Sie hätten Gott früher getroffen." Und er antwortet: "Ich auch." Kann man dann verzeihen?

Eidinger: Ja. Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich eigentlich kein Problem damit, wenn solche Menschen ihr Leben lang eingesperrt sind. Ich finde es unmöglich zu verzeihen, wenn man jemanden tötet. Vor allem wenn man Eltern das Kind wegnimmt. Da hätte ich kein Erbarmen.

Wie gefährlich ist so ein intelligenter Mensch wie Geissler, gerade weil er Menschen so manipulieren kann?

Eidinger: Geissler ist sensibel, sensitiv und kann Menschen gut lesen. Dass er darüber eine Macht entwickelt und die Mitmenschen manipulieren kann, finde ich interessant. Man könnte das ja auch für etwas Gutes nutzen. Weil er diese Mechanismen kennt, ist diese Figur so vielschichtig und so seltsam diffus.

Also toll zu spielen?

Eidinger: Auf jeden Fall. Beim Spielen habe ich mich immer darauf konzentriert, dass es die erste offensichtliche Ebene gibt, auf die sich der Dialog konzentriert. Es gibt aber immer auch die andere Ebene, auf der Geissler parallel genau überlegt, welche Informationen er dem anderen gibt und auf der er auch ständig überprüft, wie Remberg mit den Informationen umgeht.

Der Film ist anspruchsvoll. Wie sehr interessieren Sie sich für die Quote?

Eidinger: Natürlich interessiert mich die Quote, auch im Theater ist die Quantität ein entscheidender Faktor. Kein Mensch spielt gerne vor einem halbleeren Saal Theater. Ich verstehe aber auch immer mehr, dass eine große Verantwortung und Macht beim Zuschauer liegt, dass sich die Zuschauer dessen aber gar nicht so bewusst sind. Wenn es keiner guckt, wird es auch nicht produziert.

Sollte man sich beim TV-Angebot also gar nicht so sehr nach dem Geschmack der Masse richten?

Eidinger: Wenn ich den Leuten eine Karotte und einen Schokoriegel hinlege, werden die meisten zur Schokolade greifen, unterstelle ich jetzt einfach mal (lacht). Klar, auch ich schau mir viel Schrott im Fernsehen an, das Dschungelcamp zum Beispiel aus reinem Voyeurismus, obwohl ich es eigentlich zynisch finde. Zu viel auf den Geschmack der Masse zu geben, finde ich allerdings gefährlich, weil sich die Masse nicht als Qualitätsgarant oder als Instanz, die richtige Entscheidungen trifft, erwiesen hat. Im Gegenteil, die Masse hat eigentlich immer Fehler gemacht.

Sie hatten unlängst ein Casting in St. Petersburg. Wie sehr reizt Sie der internationale Film?

Eidinger: Natürlich gibt es tolle internationale Filmemacher, das ist schon reizvoll. Trotzdem ist es nicht mein oberstes Ziel, nach Hollywood zu gehen, weil mir die Konsequenzen sehr wohl bewusst sind. Ich bin schon auch sehr glücklich mit meiner Familie in unserer Wohnung in Berlin. Es wäre ja naiv zu denken, ich drehe in Hollywood und sonst bleibt alles wie es ist.

Könnte die Musik mal ein Schwerpunkt werden?

Eidinger: Och, wenn mir mal alle Haare ausgefallen sind, dann konzentriere ich mich auf Regie und Musik (lacht).

Was glauben Sie, welcher Regie-Typ Sie wären: Würden Sie die Schauspieler laufen lassen oder sehr genau anweisen?

Eidinger: Ich habe ja an der Schaubühne schon "Die Räuber" und "Romeo und Julia" inszeniert. Allerdings würde ich gerne mal in meiner eigenen Inszenierung mitspielen. Das hat den einfachen Grund, dass es Sachen gibt, die ich gerne ausprobieren würde, wo ich aber noch nicht den Ort und den Raum gefunden habe, das so zu zeigen.

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