Kachelmann bei Jauch «Ich war das Rehlein auf der Autobahn»

Prozess
Freispruch für Kachelmann

Ina BongartzVon news.de-Redakteurin
Zum ersten Mal seit seinem Freispruch nach dem Vergewaltigungsvorwurf hat sich Wettermann Jörg Kachelmann im TV bei Günther Jauch zu seinem Fall geäußert. Angriffsbereit und mit teils haarsträubenden Theorien erklärte er seine Sicht der Dinge.

Wie im «Blutrausch» seien Staatsanwaltschaft und Medien hinter ihm her gewesen. Jörg Kachelmann sitzt gemeinsam mit seiner Ehefrau Miriam bei Günther Jauch in der Talkshow am Sonntagabend und spricht zum ersten Mal im deutschen TV über seine Sicht auf die Verhaftung und den Prozess wegen Vergewaltigung 2010 und seinen Freispruch im Juni 2011.

Der ehemalige Wettermoderator geht nun voll in die Offensive. Anfang der vergangenen Woche ist sein Buch Recht und Gerechtigkeit erschienen. Auf der Frankfurter Buchmesser hält er Lesungen und verbreitet - auch bei Jauch - seine Botschaft: «Ich bin Opfer einer Falschbehauptung.»

Sein Privatleben sei kurz vor dem Prozess zwar «etwas kompliziert» gewesen, das mache ihn aber noch lange nicht zu einem Vergewaltiger. «Ich war das Rehlein auf dem Mittelstreifen der Autobahn.» So beschreibt sich Jörg Kachelmann als Häftling in Mannheim. Richter, Staatsanwaltschaft, Medien und Claudia D. - einfach alle hätten es 2010 auf ihn abgesehen gehabt. 

«Frauen haben ein Opfer-Abo»

Nun ist er zurück und will eine Diskussion anstoßen. Eine darüber, dass Frauen in seinen Augen ein «Opfer-Abo» haben: Ihnen werde von vornherein geglaubt, wenn sie eine Straftat anzeigen. Kachelmanns Äußerungen strotzen nur so vor haarsträubenden Verallgemeinerungen. Es gebe gar einen Trend bei Frauen, Falschaussagen gegen Männer zu machen, um ihnen zu schaden.

Ein angeblicher Trend, den Kachelmann nicht belegen kann. Denn seine Annahmen passen nicht nur nicht zu den Fakten. Sie vorverurteilen obendrein all jene Frauen, die eine Vergewaltigung anzeigen. Obwohl Jörg Kachelmann ja genau diese Vorverurteilungen in seinem Fall kritisiert.

Günther Jauch lässt eine Vertreterin des Bundesverbands «Frauen gegen Gewalt» zu Wort kommen, die aus ihrer täglichen Arbeit berichtet, dass dieser angebliche Trend zu mehr weiblichen Falschaussagen, den Kachelmann glaubt zu erkennen, schlichtweg nicht existiert.

Von Kachelmann für Kachelmann

Immer wieder wird klar: Kachelmann folgt seinem ganz eigenen Rechtsverständnis. Das wird deutlich, als Jauch ihn darauf aufmerksam macht, dass er per Unterlassungserklärung nicht behaupten darf, Claudia D. habe eine Falschbehauptung aufgestellt. Natürlich dürfe er das sagen, da es die Wahrheit sei, poltert Kachelmann. Denn: «Das Gericht war damals nicht dabei. Es gab nie Gewalt in meinem Leben.» Im Prozess stand auch am Ende Aussage gegen Aussage.

Aber Kachelmanns Unschuld ist mit dem Freispruch nicht bewiesen worden, beharrt Jauch. Es hieß im Urteil «in dubio pro reo», die Schuld kann nicht zweifelsfrei bewiesen werden, ebensowenig wie die Unschuld. Dieser Zusatz mache seinen Freispruch zu einem zweiter Klasse und sei ein grober Fehler des Mannheimer Gerichtes, urteilt Kachelmann.

Als Günther Jauch noch zwei Juristen und einen Journalisten zur Runde bittet, ändert sich das Auftreten Kachelmanns. Im Verteidigungs-Talk überlässt er die meiste Zeit seiner Frau das Reden, gibt sich betont unemotional. Miriam Kachelmann hatte sich gegen heftige Kritik zu wehren. Vor allem gegen Hans-Herman Tiedje, den ehemaligen Chefredakteur der Boulevard-Blätter Bild und Bunte.

Freispruch
In dubio pro Kachelmann
Video: news.de

Zwischen Tiedje und Kachelmann herrscht pure Abscheu. Tiedje ist bis heute nicht von der Unschuld Kachelmanns überzeugt: «Sie sagen, Ihr Privatleben sei damals kompliziert gewesen? Ihr Leben war bisher eine große Lüge. Warum sollten wir Ihnen jetzt glauben?» Dass ausgerechnet eine einstiger Bild- und Bunte-Chef die Moraldebatte eröffnet, ist an Unverschämtheit und Kaltschnäuzigkeit kaum zu überbieten. Ja, wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er dann die Wahrheit spricht. Aber wenn wir schon in der Welt, der Sprichwörter angekommen sind, gilt auch: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.

Doch Tiedje sitzt in der Jauch-Runde stellvertretend für den Fehler, den sehr viele Medien während des Kachelmann-Prozesses begangen haben: die pure Vorverurteilung ohne Rücksicht auf Fakten. Ohne jeden Willen zu Mäßigung. Ein von der Allgemeinheit als unmoralisch erachteter Lebenswandel oder schlechter Charakter sind juristisch nicht strafbar und gehören daher nicht öffentlich angeprangert. Ein Frauenheld ist nicht gleich auch ein Vergewaltiger.

Dass die Medien überhaupt etwas zu berichten hatten und somit diesen unvergleichlichen Distanzbruch begehen konnten, war im Fall Kachelmann das Verschulden der ermittelnden Staatsanwaltschaft, die geheime Verfahrensunterlagen an die Presse gegeben hatte. Damit wurde der Hetzkampagne Tor und Tür geöffnet.

Soll der Staat haften?

Gerhart Baum, Rechtsanwalt und ehemaliger Bundesinnenminister, sprach sich darum bei Jauch dafür aus, dass der Staat haften müsse, wenn jemandem, wie im Fall Kachelmann, ein solcher Schaden aufgrund des Fehlverhaltens der Staatsanwaltschaft entstanden ist. In diesem Fall müsse die Pressefreiheit hinter den Persönlichkeitsrechten des Betreffenden zurückstehen.

«Gibt es im Fall Kachelmann abschließend nur Verlierer?» will Jauch von Jörg Kachelmann wissen. Schließlich hätten sowohl er als auch Claudia D. eine Tortur durchleben müssen, die Staatsanwaltschaft und das Gericht in Mannheim haben ebenso an Ansehen verloren, wie die deutsche Medienlandschaft insgesamt.

Nein, es gebe ganz klar eine Gewinnerin, sagt Kachelmann: «Diese Frau wollte mir schaden. Und das hat sie geschafft.» Er werde sich dafür einsetzen, dass «Falschanschuldigerinnen» wie sie juristisch belangt werden.

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kls/news.de

Leserkommentare (52) Jetzt Artikel kommentieren
  • Allerhand
  • Kommentar 52
  • 24.10.2012 14:42
Antwort auf Kommentar 48

Dieses vorbehaltlose Einfordern einer Entschädigung des Steuerzahlers für diese Person Kachelmann könnte einen echt aufregen! Das er sich völlig hat gehen lassen und reihenweise Frauen ausgenutzt hat, ist in jedem Fall bewiesen. Auch wenn das keine "Straftat" ist. Wulff wird wohl aus Mangel an Beweisen (wurde alles rechtzeitig vernichtet) ebenfalls freigesprochen werden und kann seine Millionen Rente vom Steuerzahler behalten. Dennoch gilt, wer in der Öffentlichkeit steht hat, aus seiner Vorbildfunktion heraus, höhere moralische Anforderungen zu erfüllen, als jeder andere!!

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  • Allerhand
  • Kommentar 51
  • 24.10.2012 14:31
Antwort auf Kommentar 50

Ja genau die 3 gehören tatsächlich hierher. Paßt wunderbar. Und Sie beweisen dass im Volk ein gutes Gefühl für unehrenhaftes Verhalten bei öffentlichen Personen besteht. Kachelmann beweißt sich das selbst mit seiner jetzigen Schmierenkomödie, Guttenberg hats genauso versucht und sein Comeback aus purer Uneinsichtigkeit mit allen Mitteln versucht (Buch wie Kachelmann, EU-Job) und Wulff mit seiner Mitnahme Schnäppchenjäger Mentalität bis zum bitteren Schlußpunkt seiner Einforderung aller BuPrä Rentenleistungen (völlig unverdient) und natürlich ebenfalls Buch (Frau Wulff).

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  • Nightflight
  • Kommentar 50
  • 18.10.2012 06:55

Ich bin sicher kein Kachelmann Fan. Fakt ist jedoch, dass er erfolgreich war in seinem Job und sich allein von daher hervorragend als Treibjagdopfer für alle weniger vom Schicksal Begünstigten eignet! Nur mal angenommen, seine Darstellungen entsprächen halbwegs der Wahrheit, ist sein heutiger Zorn mehr als verständlich! Und, unabhängig von Schuld oder Unschuld: Wirklich unerträglich sind die in diesem Land mittlerweile unverblümt von Mensch und Medien ausgetragenen Hetzjagden auf entsprechende Personen des öffentlichen Lebens wie zuletzt aufhören auf Wulff, zu Guttenberg etc. Das ist unwürdig!

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