«Tatort» aus Kiel Der Feind lauert in deiner Wohnung

Der neue Tatort «Borowski und der stille Gast» spielt mit einer Urangst der Menschen: auf Schritt und Tritt von einem Unbekannten ohne Gesicht beobachtet zu werden; du siehst ihn nicht, aber du spürst, dass der ungebetene Gast wieder zu Besuch war, in deiner Wohnung.

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Irgendwann platzt Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) der Kragen. Ein letztes Mal streichelt er seinem geliebten braunen Passat Kombi 32b übers Armaturenbrett, dann steigt er aus, richtet seine Waffe auf die Kühlerhaube und drückt ab; der Gnadenschss für den treuen Braunen. Der Youngtimer, mit dem der Kieler Tatort-Ermittler seit Jahren auf Verbrecherjagd geht, war schon lange altersschwach.

Im neuen Tatort aus Kiel, «Borowski und der stille Gast» (20.15 Uhr/ARD), gibt der Wagen endgültig seinen Geist auf. Wie im Western richtet Borowski seinen altersschwachen «Braunen» hin. «Das Auto war längst fällig, es hat genervt», sagt Drehbuchautor Sascha Arango.

Der Eindringling benutzt die Zahnbürste seiner Opfer

Der Abschied von seinem VW Passat ist eine der wenigen vergnüglichen Szenen des neuen Borowski-Tatorts, in dem ansonsten eine düstere und spannungsgeladene Stimmung vorherrscht. Eine Art Film noir von der Förde. Eröffnet wird der Thriller von dem verzweifelten Notruf einer Frau. «Er kommt einfach durch die Wand. Er ist wieder in meiner Wohnung», lauten ihre letzten verständlichen Worte. Doch als die Beamten endlich in die sorgsam verriegelte Wohnung eindringen, ist die Frau längst tot. Die Tür wurde von außen abgeschlossen. Überall in der Wohnung finden sich verwischte Griffspuren. Der Täter trug also Handschuhe. Die Ermittler stehen vor einem Rätsel: Ging der Mörder bei seinem Opfer ein und aus?

Sascha Arango, der bereits zum vierten Mal das Drehbuch für einen Borowski-Krimi schrieb und Regisseur Christian Alvart, der zum zweiten Mal bei einem Kieler Tatort Regie führte, lassen die Zuschauer nicht lange im Dunkeln tappen. Schon in der nächsten Szene macht es sich der «stille Gast» Kai Korthals, überragend manisch verstörend gespielt von Lars Eidinger, in der Wohnung der Prostituierten Roswitha Kranz (Peri Baumeister), einer überforderten und drogenabhängigen Mutter, gemütlich. Er legt eine Sinatra-CD ein und öffnet ihre Briefe. Und putzt sich mit ihrer Zahnbürste seine Zähne.

Korthals, der als Paketzusteller arbeitet, beginnt zwar zu stottern, wenn er den von ihm ausgewählten Frauen gegenübertritt. Doch er will ihnen trotzdem nahe sein. Er nistet sich in ihren Wohnungen ein und macht ihnen Geschenke. Auf der Couch klappt er seinen Laptop auf und informiert sich über Borowskis junge Kollegin Sarah Brandt (Sibel Kekilli). Sie war ihm kurz zuvor am Tatort aufgefallen, als sie eine Sendung für die Ermordete entgegennahm.

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Borowski erfährt von der Krankheit seiner Kollegin

Überhaupt rückt die Computerspezialistin in diesem Tatort in den Mittelpunkt. Seit nunmehr drei Folgen unterstützt sie den kauzigen Borowski. Brandt ist Epileptikerin, konnte ihre Krankheit aber bislang geheim halten. Doch nun erleidet sie nach einer hitzigen Diskussion vor den Augen ihres Vorgesetzten einen Anfall. Borowski fängt sie auf und trägt sie in sein Büro. Der Kommissar ist erschüttert und nimmt wie immer kein Blatt vor den Mund. «Sie sind arbeitsunfähig», bescheidet er ihr. «Ich hab's im Griff», kontert Brandt und bittet ihn, sie nicht zu verraten. Und tatsächlich, Borowski hält vorerst dicht.

Auch die Männerfreundschaft zwischen Borowski und seinem Chef Roland Schladitz (Thomas Kügel) wird auf die Probe gestellt. Als Schladitz mal wieder Stress mit seiner Frau hat und bei seinem Kollegen Unterschlupf sucht, bricht es aus Borowski heraus. «Ich sehe jeden Tag Leichen und Zerhacktes und Hirn auf dem Teppich», schreit er. «Alle kommen zu mir. Was wollen alle von mir?»

Der psychisch Gestörte kommt Co-Kommissarin Sarah Brandt immer näher

Korthals hat inzwischen Kranz' kleinen Sohn entführt. Wieder fehlt von dem Einbrecher jede Spur. Während die Ermittler noch versuchen, sich aus den spärlichen Indizien ein Bild von dem Mörder zu machen, kommt der psychisch gestörte Mann Brandt immer näher.

«Borowski und der stille Gast» entwirft mit eindringlichen Bildern ein Psychogramm des Täters. Dank der überzeugenden Darsteller braucht der Film wie jede Borowski-Folge keine Action-Szenen, um die Zuschauer zu fesseln. Anschauen lohnt sich und wer nichts verpassen will, sollte die Fernbedienung bis zur Schlusssequenz aus der Hand legen.

Tatort: Borowski und der stille Gast, Sonntag, 9. September 2012, 20.15 Uhr, Das Erste

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kru/wam/news.de/dapd

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