«Günther Jauch» «Die Google-Debatte gehört an den Biertisch»

Springt in der Debatte um dumm machendes Internet auf den falschen Zug: Günther Jauch. (Foto)
Springt in der Debatte um dumm machendes Internet auf den falschen Zug: Günther Jauch. Bild: dpa

Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Was passiert, wenn Günther Jauch darüber debattiert, ob das Internet mit Google, Facebook und World of Warcraft dumm macht? Die Phrasendrescher kriechen aus ihren Löchern und beweisen - nicht ganz überraschend - dass es nicht darum geht, ob das Internet dumm macht.

Wenn man das Internet nutzt, denke man nicht nach, sondern lasse den Computer machen. Oder besser: Der Computer nehme uns jede geistige Arbeit ab. Wir klickten uns damit das Gehirn weg. Wenn der Ulmer Psychiater und Buchautor Manfred Spitzer eines kann, dann provokante Phrasen wie diese dreschen. Und obendrein wild zu pauschalisieren.

Rückendeckung gibt es für die zugespitzten Thesen von Christoph Hirte, der als Zaungast einräumt, seinen Sohn ans Internet verloren zu haben. Weil dieser das - laut Jauch - «berühmte und berüchtigte» World of Warcraft exzessiv spielte. Dass er als Vater von dieser Entwicklung kaum etwas mitbekommen habe, verkommt dabei fast zur Randinformation.

Das vermeintliche Kreuzfeuer bleibt aus. Brav tauscht die mit Wissenschaftsjournalist Rangar Yogeshwar und Fernsehmoderatorin Petra Gerster journalistenlastig und mit dem Kinder- und Jugendforscher Hans Peter Jantke obendrein sachlich besetze Runde höflich Familienerfahrungen darin aus, wie viele Stunden die eigenen Kinder vor dem Computer verbracht hätten oder ob sie bei Facebook angemeldet seien.

Günther Jauch
Der bübchenhafte Schelm
Der bübchenhafte Schelm (Foto) Zur Fotostrecke

Die krude Idee der programmierten Sucht

Erst als Spitzer auf Jauchs Frage, warum Menschen eigentlich abhängig vom Computer würden, behauptet, Computerspiele seien so programmiert, dass man abhängig werde, kommt Schwung in die Sache. Es gebe sogar ein Handbuch, wie Computerspiele süchtig machend programmiert würden. World of Warcraft hab das sehr gut umgesetzt. Dies würden eine Viertelmillion Computerabhängige in Deutschland schließlich beweisen, die einfach vom Computer nicht lassen könnten. Dass die übrigen mehr als 60 Millionen Bundesbürger, die eben nicht abhängig sind, diese These ganz und gar nicht stützen, ignoriert Spitzer geflissentlich. Die Frage, warum bei ihnen die Suchtprogrammierung nicht wirke, bleibt unbeantwortet.

Spitzers Tunnelblick bringt aber zumindest den Kinder- und Jugendforscher Hans Peter Jantke in Fahrt. Die krude These, man wisse, wie süchtigmachende Spiele programmiert würden, sei schlicht falsch und Spitzer habe weder ein solches Handbuch in der Hand gehabt, noch wisse er, wovon er da rede.

Und dann bleibt die Debatte auf dünnem Eis. Vor allem in der Frage der Computersucht. Denn dafür gibt es bis heute keine tragfähige wissenschaftliche Definition. Rangar Yogeshwar macht das Problem ganz deutlich: Zwar gebe es suchtfördernde Elemente in Spielen wie World of Warcraft. Etwa die Tatsache, dass das Spiel nie endet; dass die Spielentwicklung weitergeht, wenn man als Spieler selbst nicht eingeloggt ist; dass die Spieler in Gemeinschaften mit anderen Spielern Verpflichtungen eingingen und deshalb ein gewisses Verantwortungsgefühl angesprochen werde. «Doch wir leben in einer Zeit, in der man permanent ‹on› ist. Deshalb sind wahrscheinlich alle Geschäftsleute süchtig, weil sie in Warteräumen ständig nur aufs Handy gucken. Und alle Sportler in London sind wahrscheinlich auch süchtig, weil sie bei Olympia mit ihrem Handy ins Stadion gingen», bringt Yogeshwar einen Zwiespalt auf den Punkt.

Altbackenheit gegen Moderne, Lexikon gegen Internet

Weil die Diskussion hier gegen eine Wand fährt, wechselt Jauch zum Googeln. Und gibt Spitzer damit neuerlich eine Steilvorlage: Denn auch Googeln sei problematisch, weil Kinder heutzutage ja bei jeder Frage wissen, das können sie googeln. Schließlich hätten - unbenannte - Wissenschaftler bewiesen, dass beim Googeln weniger an Wissen hängen bleibt, als es selbst nachzuschlagen. Copy-and-Paste-Wissen werde im Gehirn flacher verarbeitet. Doch gerade für den Lernerfolg sei die tiefergehende Verarbeitung notwendig, das Wissen, was man mit dem Ergebnis macht.

Dass Jauch sich wenige Sekunden später selbst als Bequemlichkeitsdummchen outet, weil er sich dank Handy im Vergleich zu früher nur noch 5 statt 20 Telefonnummern merken könne, hilft Spitzers Platitüden allerdings nicht. Selbst Petra Gersters kluger Einwurf, wer sich etwas aufschreibe, könne sich Wissen besser aneignen, verliert im Internetzeitalter schnell an Bedeutung. Denn das Internet bietet eine Vielzahl von Informationen, und diese aktuell. Im Gegensatz zu den einst gedruckten Lexika, die oft auch noch völlig überholt waren. Die Debatte um verdummendes Googeln möchte Jantke deshalb am liebsten an den Biertisch verbannen.

Das es trotz allem im Internet auch viel Informationsmüll gibt, ist unbestritten. Spitzers Einwand, wer gut googeln wolle, bräuchte vernünftiges Vorwissen, um die Spreu vom Weizen zu trennen, ist deshalb zur Abwechslung ein vernünftiges Argument. Dass vernünftiges Vorwissen aber nur möglich ist, wenn Unterricht bis zum Abitur ohne Google stattfinden müsse, kann als Ansicht realitätsferner nicht sein.

Der brave Mensch und der böse Computer

Um die Debatte dann darauf zuzuspitzen, dicke Kinder sind computersüchtig und dünne gebildet, reicht es. Und um Petra Gerster auf das Vorurteil einzuschießen: Den Klugen macht der Computer klüger, den Dummen macht er dümmer. Dass es schließlich Hans Peter Jantke ist, der die Moderatorin vom Glatteis des Schwarz-Weiß-Denkens holt, spricht Bände. Doch seine Erkenntnis, dass es eigentlich nicht der Computer ist, der zwischen Dummheit und Klugheit entscheidet, geht in Jauchs Runde inzwischen unter. Gleiches gilt beinahe für Jantkes Satz, dass man sich nicht einbilden dürfe, dass der Computer in den nächsten Jahre aus dem Leben der Menschen verschwinde.

Und mit der Jauchschen Rückblende, auf den vom Menschen schon immer ängstlich verweigerten Fortschritt, der am Ende doch nicht überall geschadet habe, wirkt die Sendung endgültig von vorn bis hinten inszeniert. Dass man - von Spitzer gekontert - Atombombe und Röntgenstrahlung nun nicht gerade als erwünschten Fortschritt bezeichnen könne, belegt zwangsläufig, dass der Psychiater und Buchautor vor allem eines will: pompös auffallen.

Doch der pauschalisierende Mediziner bekommt noch einen Dämpfer und Jauchs Diskussionsrunde ihr fehlendes Kreuzfeuer. Das Positivbeispiel einer Berliner Grundschule, die Smartboards an- und Kreidetafeln abgeschafft hat, zeigt: Digitale Medien können neue Lernwege eröffnen und Schüler fürs Lernen begeistern. Schulleiter Jens Hases Prinzip «Wir müssen die Kinder auf ihre Zukunft und nicht auf unsere Vergangenheit vorbereiten», versucht Spitzer damit zu kontern, dass die Kinder am Smarboard ja nur hin- und herschieben müssen. Doch Hase schlägt mit dem Wissen und der Erfahrung zurück, dass die Kinder Zahlen und Buchstaben auch an einem Smartboard nicht zuordnen könnten, wenn sie vorher nicht darüber nachdenken würden.

Am Ende einer Sendung über die Gefahren des Internets bleibt aber - wieder einmal - nicht mehr als die Erkenntnis: Kinder müssen ans Internet herangeführt werden. Und die Eltern müssen einen Blick darauf haben, wie ihre Kinder mit dem Internet umgehen.

Die eigentliche Frage, warum wir Menschen nämlich so abhängig vom Computer sind, hat Jauchs Runde jedoch zielsicher umschifft. Oder steht Ihr Computer hinter Ihnen und zwingt Sie, ihn täglich einzuschalten?

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kls/news.de

Leserkommentare (11) Jetzt Artikel kommentieren
  • Michel1966
  • Kommentar 11
  • 10.09.2012 09:54

Gab es nicht die gleiche Diskussion schonmal über das fern sehen? Und wieso wird das thema über Fernsehen und Internet verbreitet? Schizophrene Welt ;-))

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  • hpklimbim
  • Kommentar 10
  • 09.09.2012 10:43

Funktionsprinzip der EDV: Shit in - shit out! Ableitung zu Google: Wenn Google sein EDV-Programm nur mit Halb- und Unwahrheiten füttert, kann es auch nur Halb- und Unwahrheiten verbreiten. Wenn dann noch hirnlose oder geistig verirrte oder wirre Datenfütterer an den Tastaturen sitzen, ist das Chaos perfekt. Ob gewollt oder ungewolt, ob vorsätzlich oder irrtümlich spielt keine Rolle! Die möglichen Ergebnisse bis hin zum Atomkrieg sind bedenklich. Darunter muss dann auch rein zwangsläufig die Menschenwürde einschließlich dem Persönlichkeitsrecht leiden. Einfach grauenhaft!

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  • Susi78
  • Kommentar 9
  • 04.09.2012 08:49

Es ist wie mit anderen Dingen auch: in einem gewissem Mass ist es förderlich und wenn es übertrieben wird, wird es ungesund. Da muss schon jeder sein eigenes Mass finden. Und wer sein Seelenheil und die Erfüllung seines Lebens in Onlinespielen wie WoW sucht hat, meiner Meinung nach, ganz andere Probleme. Unsere Kinder werden wir wohl kaum gänzlich vor dem Pc und dem Internet "schützen" können....aber wir können sie aufklären und ihnen den richtigen Umgang damit beibringen.

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