«Günther Jauch» Radau-TV ohne Respekt

Günther Jauch ist aus der Sommerpause zurück und hat ganz offensichtlich vergessen, wie öffentlich-rechtliches Fernsehen funktioniert. Seine Diskussion zum Thema Steuersünder mutierte zur Radaurunde, gekrönt von einer großen Peinlichkeit.

Günther Jauch : Der bübchenhafte Schelm

Will Günther Jauch die Zuschauer seiner Talkshow für dumm verkaufen? Soviel Boshaftigkeit soll ihm an dieser Stelle natürlich nicht unterstellt werden. Trotzdem: Seine Sendung am gestrigen Sonntagabend war allzu oft eher ein sensationsheischendes Theaterstück als eine ernstzunehmende Diskussion über ein gravierendes Problem. Aber der Reihe nach.

Das erste Thema der Jauchschen ARD-Talkrunde nach der Sommerpause hieß «Her mit euren Millionen - Drücken sich die Reichen?» Zu Gast waren neben einem zornigen Familienunternehmer und einem abgeklärten Steuerfahnder, auch der Schweizer Botschafter Tim Guldimann, FDP-Mann Wolfgang Kubicki, Linke-Parteichefin Katja Kipping und der NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD).

Letzter begibt sich, um Steuersünder zu entlarven, rein juristisch gesehen auf sehr dünnes Eis. Walter-Borjans kauft von dubiosen Geschäftemachern höchst umstritten CDs mit Daten von Steuerhinterziehern. Auch in der Runde von Günther Jauch wird diskutiert, ob der Kauf solcher CD überhaupt rechtens ist. Darf man eine Straftat begehen, um eine andere Straftat aufzudecken?

Wolfgang Kubicki, diesmal nicht in seiner Eigenschaft als FDP-Fraktionschef Schleswig-Holsteins, sondern als Fachanwalt für Wirtschafts- und Steuerrecht von Jauch in die Runde geladen, sieht im Ankauf dieser CDs das Risiko, sich der Anstiftung einer Straftat schuldig zu machen: «Diese moralische Impertinenz ist unerträglich. Außerdem löst der CD-Kauf in keiner Weise das eigentliche Problem», wettert Kubicki. Ring frei für wildes Durcheinanderreden und einander ins Wort fallen, bis der Zuschauer kaum noch folgen kann. Selbst Günther Jauch gelingt es nur schwerlich, Struktur in die Runde zu bringen.

Spitzensteuersatz von 100 Prozent?

Da wird vorgerechnet und mit Nullen jongliert, da werden Beispiele bemüht und wieder mit Zahlen hantiert: Die Reichen müssen auf jeden Fall noch mehr Steuern zahlen, damit Gerechtigkeit in der Gesellschaft hergestellt werden kann, sagt Linke-Parteivorsitzende Katja Kipping. Auch ein Spitzensteuersatz von 100 Prozent sei denkbar. «Völlig wahnsinnig» sei diese Idee, hält der Unternehmer dagegen. Wolfgang Kubicki warnt: «Ihr Vorschlag wird zum wirtschaftlichen Kollaps unseres Wirtschaftssystems führen.»

Zu diesem Zeitpunkt weiß der Zuschauer längst nicht mehr, worum es eigentlich geht. Um die Frage, ob Steuersünder-CDs gekauft werden dürfen? Oder darum, wie Deutschland seine Schulden abbauen kann? Oder um den Spitzensteuersatz für die Reichen, die ihre Steuern noch in Deutschland zahlen? Oder gar um das Für und Wider eines Grundeinkommens? Die Erörterung jeder einzelnen Frage könnte mühelos je eine Sendung füllen. Bei Günther Jauch geht es um alles gleichzeitig. 

Wäre nur das Thema ein wenig aus dem Ruder gelaufen, wäre  der Abend für die Zuschauer sicherlich nicht so ärgerlich verlaufen. Ein bisschen Konfusion kann auch Erkenntnisgewinn bedeuten. Doch mit einem Einspielfilm über die politischen Pläne der Linken verabschiedete sich Günther Jauch von jeglichem journalistischen Anspruch. Ganz so, als habe er vergessen, vom Stern-TV-Privatfernsehen-Modus wieder auf öffentlich-rechtlich umzuschalten.

Titel des Filmchens: «Wie angle ich mir einen Millionär?» Kitschiger Schwarz-Weiß-Film-Stil samt reingeschnittener Marilyn Monroe. Mit ironisch-amüsiertem Tonfall fasst ein Sprecher dazu die Ideen von Linke-Chefin Katja Kippling zusammen. Geradezu peinlich, wie sich der Einspieler, in dem handfeste Gegenargumente völlig fehlen, einfach nur über die Pläne der Linken lustig macht. Sollte dies ein Versuch politischer Satire gewesen sein, ist er jedenfalls kläglich gescheitert. Das können andere besser.

Und so geriet die Erkenntnis des Abends zur Enttäuschung: Steuersünder? Staatsschulden? Spitzensteuersatz? Alles unklar. Klar hingegen scheint, dass Günther Jauch seinen Gästen offenbar nicht mehr zutraut, einander mit echten Argumenten entgegenzutreten. Ganz zu schweigen vom Publikum, das sicher gern selbst entschieden hätte, wie absurd oder nicht es die Pläne von Katja Kipping findet. Alles in allem, ein äußerst schwacher Start in die neue Talkshow-Saison für Günther Jauch.

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kls/news.de

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Leserkommentare (43) Jetzt Artikel kommentieren
  • norhut
  • Kommentar 43
  • 23.08.2012 09:42
Antwort auf Kommentar 28

Zu 28 : Werter Herr Berner , leider verkennen Sie die Realität . Der eigentliche Staat als totaler Machthaber,egal wie sich dieser gerade nennt, sitzt in Berlin. Die Masse "Mensch" wird nur am Gängelband wie ein Hund geführt. Es ist jenes Abhängigkeitsverhältnis , wobei der "Hund" nur tun muß,wie der Herr sagt .Damit wir der Hund zwangsläufig ein "Familienmitglied" und der "Massenmensch" ein "Staatsmitglied" .

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  • Norbert
  • Kommentar 42
  • 22.08.2012 17:08

Es ist nicht nur bei Günther Jauch dieses Problem. Bei allen Diskusionsrunden wird so heftig durcheinander gebabbelt, dass der Zuschauer nichts mehr versteht. Und dazu kommt noch, dass der Regisseur dann auch noch den "Dreinquatscher" im Bild zeigt und nicht denjenigen, der das Wort hat. Insgesamt muß immer stärker feststellen, dass es eine SChweinerei ist, wie mit unseren Geldern - in dem Fall auch die Gebüren - umgegangen wird.

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  • ha16ns
  • Kommentar 41
  • 22.08.2012 16:47

Hey joe 54, das mit dem Krebsgeschühre kann ich nicht richtig einordnen, irgendetwas stimmt da wohl nicht. Wer so viel Unsinn von sich gibt, kann es wohl nicht besser und läuft Gefahr als Krebsgeschwür am Hintern der Gesellschaft bezeichnet zu werden. Die Cd betreffend, ich kann mich nicht erinnern, daß in Folge dieser bisher Leute bestraft worden. Hier kann ich aber auch irren, ist ja auch menschlich.

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