«Wallraff deckt auf» Mr. Undercover klagt Paketdienste an

Günter Wallraff
Mr. Undercover
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Von news.de-Redakteur Martin Walter
16 Stunden Knochenarbeit für einen Dumpinglohn von 3 Euro pro Stunde. Günter Wallraff deckt in seiner neuesten Reportage die Missstände beim Paketdienst GLS auf. Moderne Sklavenarbeit als Auswuchs der versandkostenfreien Lieferung.

Bild-Redakteur, Kumpel unter Tage oder türkischer Gastarbeiter: Günter Wallraff hat viele Gesichter. Der 69-Jährige ist die lebende Legende des deutschen Undercover-Journalismus. Sein neuestes Projekt hat Wallraff bis zur Erstausstrahlung im TV geheim gehalten. Um zu vermeiden, dass die Sendung vom betroffenen Unternehmen schon im Vorfeld verhindert wird, wie er selbst sagt. Getroffen hat sein Bannstrahl den Paketdienst GLS, seines Zeichens drittgrößter deutscher Paketkonzern mit europaweitem Netz. 

Den Bart rasiert, Hornbrille auf der Nase und eine graue Wollmütze auf dem Kopf. Wallraff verjüngt und verwandelt sich in einen namenlosen Paketboten und taucht in ein neues Leben ein. Erkannt wird der Enthüllungsjournalist während seiner gesamten Recherche nicht. Doch was dabei auf ihn zukommt, konnte sich Wallraff laut seinen eigenen Worten nicht vorstellen.

«Das ist kein Leben, das ist eine Tortur»

Anders als bei den meisten seiner Reportagen steigt der Enthüllungsjournalist nicht selbst als Angestellter des Unternehmens ein, sondern begleitet mehrere Ausfahrer. Auch zu zweit ist der Job ein hartes Brot. Andreas Fischer (28), dem Wallraff eine Woche lang assistiert, zieht ihn seit vier Jahren durch.

Gemeinsam mit ihm steht Wallraff ab fünf Uhr am Laufband des GLS-Logistikzentrums. Pakete sortieren. Zwei Stunden Zeit bleiben, dann geht es mit dem Sprinter auf die Straße. Zwölf bis vierzehn Stunden nonstop sind die Regel, vor Weihnachten bis zu 16. Und das in einem echten Knochenjob. 

Etwa fünfmal am Tag hebt man jedes Paket an, erzählt Fischer seinem Adjutanten. Das täglich gestemmte Gewicht bewegt sich in der Größenordnung von mehreren Tonnen. «Über den Tag hin ein kleiner Laster», vergleicht Fischer. Kraftsport unter erschwerten Bedingungen: Pausen gelten bei den Fahrer praktisch als unmöglich, sie verzögern nur den Feierabend. Selbst der Toilettengang wird möglichst unterdrückt. Und alles für einen Stundenlohn von teilweise gut 3 Euro. 

Fischer ist kein Einzelfall. Wallraff begleitet mehrere Fahrer zu verschiedenen Jahreszeiten auf ihren Touren. Und erlebt Bedingungen, bei denen auch der fitte Journalist körperlich schnell an seine Grenzen stößt. «Wer das längere Zeit aushält, das ist ein Hochleistungssportler», sagt er. «Das ist kein Leben, das ist letztlich eine Tortur.» 

Hohn und Spott für die Ausgebeuteten

Hinzu kommen die täglichen Albträume jedes Postboten: Hochhäuser, Kunden, die kein Deutsch sprechen und gängelnde Polizisten. Eine Uhr am Bildschirmrand verdeutlicht, unter welch unglaublichem Zeitdruck die Fahrer stehen. Geht es nicht schnell genug, macht die Zentrale Druck. 

Doch skandalös sind nicht nur die Arbeitsbedingungen der Arbeitnehmer, sondern die Struktur des ganzen Unternehmens. GLS kassiert ab, stiehlt sich aber aus der Verantwortung, wie Wallraff verdeutlicht. Diese müssen Subunternehmern tragen, rekrutiert meist unter den Fahrern. Die Schröpfung dieser zwischengeschalteten Unternehmer hat bei GLS System. Der Konzern treibt seine Beschäftigten reihenweise in die Insolvenz, wie Betroffene berichten. 

Wirklich menschenverachtend wird es, als Wallraff einen Managementbewerber mit versteckter Kamera in ein Vorstellungsgespräch bei GLS schleust. «Die Leute sind dafür geboren», verharmlosen die Personaler die Arbeitsbedingungen. Vor allem sei es aber ärgerlich, dass keine vernünftigen Fahrer zu finden sind. «Wir kriegen gerade echt nur noch das Pack», eröffnet einer der Verantwortlichen redselig.

Hohn und Spott auf dem Rücken der Ausgebeuteten setzen den Missständen die Krone auf. Stellung will das Unternehmen bei seinem Besuch dennoch nicht beziehen, auch einer Konfrontation bei Stern TV geht GLS aus dem Weg. Dort lässt sich nur ein Vertreter von Hermes blicken. Besser sind die Bedingungen bei der Konkurrenz allerdings auch nicht.

So behält Günter Wallraff das Schlusswort und hält Zuschauern und Gesellschaft mit seiner neuesten Undercover-Recherche einmal mehr den Spiegel vor das Gesicht: Die Sklavenarbeit der Paketboten ist auch ein Resultat der Verbraucherwünsche - der Preis für versandkostenfreie Lieferung.

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ham/news.de

Leserkommentare (43) Jetzt Artikel kommentieren
  • anti gls
  • Kommentar 43
  • 29.09.2014 15:47

ich muss für mein SUB Unterschrieften fälschen und das machen alle ...standart...

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  • katharina
  • Kommentar 42
  • 06.05.2014 16:25

Hoffentlich gibt es schon im Hintergrund Nachfolger, wenn G. W. eines Tages aus Altersgründen aufhört, denn es wird gewiss nicht besser mit den Zuständen hier bei uns. Was ich nicht nachvollziehen kann, ist, das es immer noch Menschen gibt, die sich soetwa antun und für einen "Sklavenlohn" arbeiten. Dann doch lieber zum Amt, da kommt das Geld pünktlich und unterm Strich ist es netto sogar eventuell mehr, zumindest für eine Zeit. Im übrigen mag mehr verdienen, wenn man Mobile Toiletten reinigt, zwar nicht jedermanns Sache, aber dafür ist der Lohn besser.

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  • Etkin Salih
  • Kommentar 41
  • 24.10.2012 02:38

Es Tut mir sehr leid das das schreiben musste aber ich möchte ehrliche antwort für meine schreiben haben.Ich war bis vor kurzer seit in GLS Karlsruhe als reinigungs firma beschäftigt.Als ich mich von meine freundin getrennt habe wurde ich gekündigt dann hat mir meine ex geschrieben das Sie mit dem Chef von Gls schlafen musste das Sie den auftrag bekommen konnte.Ich bin volle wutt wenn jemand von Gls nichts unternehmt dann werde ich aber richtig was unternehmen.Ich bitte Sie was zu unternehmen.(ich habe beweiße in der hand)

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