«Günther Jauch» Thilo Sarrazin erzählt «den größten Bullshit»

Der Provokateur ist zurück. In Thilo Sarrazins neuem Buch Europa braucht den Euro nicht geht's unserer Währung an den Kragen. Bei Günther Jauch traf der Autor auf Euroverfechter Peer Steinbrück. Der ehemalige Finanzminister kritisierte Sarrazins Thesen scharf. Der große Eklat blieb dennoch aus.

Grobmaul Thilo Sarrazin: Seine markigsten Sprüche
zurück Weiter Thilo Sarrazin (Foto) Zur Fotostrecke Foto: dpa/news.de (Montage)

Es war ein ungewohntes Bild bei Günther Jauch: Nur zwei Politiker nahmen bei dem ARD-Talker zum Thema «Brauchen wir den Euro wirklich?» am Sonntag Platz. Und doch hatte es um die Sendung im Vorhinein so viel Aufhebens gegeben wie selten zuvor. Das lag vor allem an der Anwesenheit von Thilo Sarrazin, der die Nation schon vor Erscheinen seines neuen Buches Europa braucht den Euro nicht zu spalten scheint.

Demonstranten vor dem Gasometer, aus dem Jauch live sendet, wollten ihm mit Transparenten wie «Sarrazin, halt's Maul!» am liebsten den Mund verbieten. Und auch so mancher Politiker zeigte sich erbost, dass der ehemalige Bundesbankvorstand überhaupt eingeladen wurde. «Das ist so schwachsinnig, dass man darüber gar nicht diskutieren sollte. Mit Sarrazin sollte sich niemand mehr in eine Talkshow setzen», sagte etwa der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Reinhold Robbe (SPD) der Bild am Sonntag.

Grünen-Fraktionschefin Renate Künast und FDP-Generalsekretär Patrick Döring waren sich einig, dass ein solcher Gast nichts im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu suchen habe. Die ARD sah das anders und hatte als Kontrapunkt zum vermeintlichen Eurogegner Sarrazin Euroverfechter Peer Steinbrück, wie Sarrazin SPD-Mitglied, zum Streitgespräch gebeten. Er hatte das Buch Europa braucht den Euro nicht zuvor gelesen und vielen Kritikern schon mal einiges voraus.

Scheitert der Euro, scheitert Europa? Alles Quatsch!

In dem Buch stellt Sarrazin die Notwendigkeit des Euro für eine europäische Integration nicht nur in Frage, er verneint sie. Frieden, Wachstum, Beschäftigung - all das sei auch ohne eine gemeinsame Währung möglich. Und das sage er als «überzeugter Europäer», versichert Sarrazin bei Jauch. Die Einführung des Euro habe nur Scheinvorteile gebracht, «deutschen Wohlstand und Aufschwung hätte es auch ohne Euro gegeben». Das sehe man an Ländern wie Schweden und der Schweiz, die weiter mit ihren eigenen Währungen erfolgreich wirtschafteten.

Neben dieser ökonomischen habe der Euro auch seine politische Dimension verfehlt und das Gegenteil seines eigentlichen Zwecks bewirkt, nämlich ein Band des europäischen Zusammenhalts zu sein. Deshalb sei die These, dass ohne den Euro alles zusammenbrechen würde, «unfundierte Kaffeesatzleserei». Diese hatte Steinbrück zuletzt vehement verteidigt. Auch im ARD-Talk betont der ehemalige Finanzminister, dass der Euro eine tragende Säule der europäischen Integration sei, und bezeichnet einige von Sarrazins Thesen folglich als «den größten Bullshit».

So etwa, dass Europa auch ohne Euro auskomme. Dessen Abschaffung wäre vielmehr eine Katastrophe. «Dadurch würde die Integration um Jahrzehnte zurückgeworfen werden», glaubt Steinbrück. Gerade Deutschland habe eine besondere Verpflichtung, in Europa Verantwortung zu übernehmen. Man könne den Euro oder krisengeschüttelte EU-Länder daher nicht einfach fallen lassen. Gegen Sarrazins Behauptung, Deutschland wolle mit seiner Europapolitik moralische Schulden der Vergangenheit begleichen, wehrte er sich. «Europa ist viel mehr als das.»

Austritt der Griechen nur Frage der Zeit

Sarrazin stellt in seinem Buch einen Zusammenhang zwischen dem Holocaust und einer gemeinsamen Währung in Europa her, indem er sagt, europäische Staatsanleihen seien «getrieben von jenem sehr deutschen Reflex, wonach die Buße für Holocaust und Weltkrieg erst endgültig getan ist, wenn wir alle unsere Belange, auch unser Geld, in europäische Hände gelegt haben». Diese Tendenz halte er für falsch - wie überhaupt die Tendenz, die Schulden anderer Länder zu übernehmen.

Griechenland sei ein Beispiel dafür, dass der zweite vor dem ersten Schritt gemacht worden sei: Man führte eine gemeinsame Währung ohne das Fundament einer politischen Union ein. Das räche sich nun, weil die strukturellen Voraussetzungen Griechenlands eine rasche Konsolidierung nicht zuließen. Ob die Griechen aus dem Euro ausscheiden wollten, müssten sie selbst entscheiden, sagt Sarrazin. Mit Neuwahlen und einem Zahlungsstopp seitens der EU «wird sich der Austritt ganz automatisch vollziehen», ist er sich aber sicher.

Dass nicht weitergemacht werden könne wie bisher, sieht auch Steinbrück so. Dennoch gehe es nicht nur um Griechenland, sondern um Europa. Und das sei eben kein Laborversuch, sondern eine Zivilisation, zu der auch der Euro gehöre. Nicht er, sondern fehlerhaftes Krisenmanagement sei schuld daran, dass die europäische Einheit Risse bekommen habe. Lösungsperspektiven dafür biete Sarrazins Buch nicht, sondern nur eine «platte ökonomistische Analyse, der ich nicht zustimme».

Chronologie: Der Verlauf der griechischen Schuldenkrise

Sarrazin ist der Mann für das Salz in der Wunde

Trotzdem wird sich Europa braucht den Euro nicht verkaufen. Nicht nur, weil Sarrazin als Person polarisiert. Er schafft es damit erneut, einen Nerv in der Gesellschaft zu treffen. Das haben nicht zuletzt die von Jauch bemühten Umfragen zum Thema Eurokrise bewiesen. Da halten gerade einmal 47 Prozent die Einführung des Euro noch für richtig. Nur 23 Prozent wollen Griechenland in der Eurozone weiterhin unterstützen, die Mehrheit spricht sich für einen Austritt aus.

Der Vertrauensverlust in den Euro - und vielleicht auch in Europa - ist also real. Der Glaube daran, dass das Fass ohne Boden sich noch kitten lässt, schwindet. Und Sarrazin streut Salz in die Wunde, das kann er am besten. Ob er ein gefährlicher Mann sei, fragt Jauch Steinbrück zum Schluss über seinen Gesprächspartner und Parteikollegen. «Nein, er ist kein gefährlicher Mann», aber sein Buch könne schädlich werden. Deshalb sei er gegen Empörungswellen, die es noch weiter aufwerteten.

Zu spät. Die gibt es schon, nicht zuletzt durch Steinbrücks Talk mit Sarrazin. Der kann über die Kritik an seinem Buch (noch) schmunzeln. «Wenn man jemanden hasst, darf man nicht über ihn reden. Das ist die einzige Methode, wie man ihn tot kriegt», sagt er selbst. Diese Gefahr besteht derzeit nicht.

ham/news.de

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Leserkommentare (179) Jetzt Artikel kommentieren
  • Doc Orgas
  • Kommentar 179
  • 28.02.2014 13:36

Natürlich, Gunter Jauche muss "seinen Bullshit" natürlich auch noch dazu tun und dieser Typ, der zum Lachen in den Keller geht, wird sich auch hüten gegen die ARD An- weisungen zu agieren, denn auch dem (mit typ.Magister- Gehabe) sind die Tantiemen (Salär) näher als die Hose! Er solle besser bei Herrn Sarrazin um Beratung anhalten, denn auch ein Jauch könnte zusätzliche Weisheit wohl gebrauchen.

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  • Hilde
  • Kommentar 178
  • 26.08.2012 14:55
Antwort auf Kommentar 177

Kritik aus dem Hintergrund - wie clever!!!! um unangenehme Meinungen zu untergraben. Es kann nicht jeder gleich mit Worten jonglieren trotzdem darf er eine Meinung haben. Solche Kommentare finde ich uneffektiv!!!!!!!!!!!!

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  • Arsch
  • Kommentar 177
  • 10.06.2012 20:29
Antwort auf Kommentar 175

Am Anfang ist die Sprache. Groß-und Kleinschreibung. Dann die Zeichen wie das Komma! Wenn "Mpüller, K 175"dies ein wenig besser kann, ist eine Meinung im Forum möglich. Kommentar 175 war schlicht zu schlicht!

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