«Günther Jauch» Die blutleere Elefantenrunde

Wahlkampf in NRW
Zwischen Currywurst und Millionärssteuer
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Von news.de-Mitarbeiter Christian Vock
Die Wahlbeute in NRW ist erlegt, Zeit für die rot-grünen Gewinner ein Verdauungsschläfchen bei Günther Jauch zu machen. Das fiel so tief aus, dass man sich den leisen Krawallmacher aus der vergangenen Sendung herbeiwünschte.

Nun hat man vor der gestrigen Sendung Günther Jauch eigentlich Angst haben müssen. Angst zum einen, weil am gleichen Tag Wahlen in Nordrhein-Westfalen waren und Talkshows nach Wahlen immer bedeuten: sinnfreies Marktgeschreie von übereinander herfallenden Politikern. Und Angst zum zweiten, weil genau das in der vorherigen Sendung so geschehen ist, als zuvor Wahlen in Schleswig-Holstein waren.

Kraft bis Arnold
Die Ministerpräsidenten von NRW
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Da konnte man all das sehen und hören, weshalb der Beruf des Politikers bei Beliebtheitsumfragen noch hinter Steuerinspektoren und Managern rangiert. Die Sendung war ein einziges Profilieren, Durcheinanderkeifen und ins Wort fallen. Und als dann noch ein Zuschauer wegen seiner Zwischenrufe von Sicherheitsleuten aus dem Studio gezerrt werden musste, war das nur der krönende Abschluss einer einzigen Tumult-Sendung.

Wo sind die Piraten?

Der einzige, der mit seiner besonnenen und zurückhaltenden Art sein Gesicht in diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten waren konnte, war der Geschäftsführer der Piratenpartei, Johannes Ponader. Ausgerechnet der, den alle Anwesenden – den Moderator eingeschlossen – in die Pfanne hauen wollten, führte den Vertretern der etablierten Parteien ihr automatisiertes Profilierungsgehabe vor und zeigte so dem Zuschauer in aller Seelenruhe, warum nach Wahlen bei Polittalkshows Parteienvertreter die denkbar schlechtesten Gäste sind.

Dass Jauch es trotzdem noch einmal mit einer Wahl-Sendung gewagt hat, kann man ihm als Mut auslegen, vielleicht auch als Ideenlosigkeit oder als Kniefall vor den Mechanismen zwischen Fernsehen und Politik. Was man ihm aber nicht vorwerfen darf, ist, dass er nichts aus der vorangegangenen Sendung gelernt hätte. So war diesmal niemand von den Piraten eingeladen, die in Nordrhein-Westfalen immerhin fast acht Prozent erhielten. So konnte schon einmal ein Herr Ponader mit seiner Ruhe keine Unruhe stiften.

Keine Lust auf Angriff

Wenig Aggressivitätspotenzial lieferten zudem die Wahlergebnissen, die so eindeutig waren, dass sich diesmal nicht, wie nach Wahlen eigentlich üblich, plötzlich jede Partei zum eigentlichen Wahlsieger erklären konnte.

Die Wahlergebnisse waren diesmal sogar so eindeutig, dass sich die klaren Gewinner Rot-Grün mit dem Sieg im Rücken entspannt geben konnten. Da blitzten bei Jürgen Trittin und Sigmar Gabriel, die sonst kaum um einen markigen Spruch in Richtung Gegner verlegen sind, nur selten Kampfgeist oder gar Häme auf. Nur Philipp Rösler schaffte es irgendwie den ganzen Abend nicht - obwohl Gewinner - auch wie einer auszusehen.

Und die CDU? Dank der niederschmetternden Niederlage wirkte Ursula von der Leyen eher wie eine Pflichtverteidigerin, die einen bereits geständigen Täter raus boxen muss. Dementsprechend lau gerieten ihre Versuche, dem Wahldebakel noch irgendetwas Glanzvolles abzugewinnen. Hier keine Angreifer, dort keine Verteidiger - vergleichsweise zahm gerieten dementsprechend die 60 Minuten. Die Chance also, vielleicht doch einmal inhaltlich die Wahl zu diskutieren, ohne, dass es wieder in allzu viel Gezeter endet.

Die sechs Erkenntnisse, die dabei herauskamen, waren zwar nicht unbedingt neu, aber für eine Talkshow, als Elefantenrunde angekündigt, nach einer Landtagswahl gar nicht mal wenige. Hier ein kurzer Überblick:

Erkenntnis 1: Wahlen gewinnt nicht unbedingt der mit den besten Inhalten, sondern der Charismatischste mit der größten Glaubwürdigkeit.

Erkenntnis 2: Nicht jede verlorene Wahl der CDU kann man Angela Merkel ankreiden.

Erkenntnis 3: Der europäische Fiskalpakt darf nicht nur Schulden begrenzen, er muss auch mit einem Wachstumspakt verknüpft werden. Beim «Wie» gibt es noch offene Detailfragen.

Erkenntnis 4: Um die spannende Antwort, warum die FDP als einzige Partei eine Transaktionssteuer blockiert, kam Philipp Rösler dank des konsequenten Verzichts auf Nachfragen von Günther Jauch herum.

Erkenntnis 5: Hannelore Kraft wird wohl (vorerst) nicht Kanzlerkandidatin der SPD.

Erkenntnis 6: Die Piraten können doch besser Internet als die Grünen.

Der Weg zu diesen Erkenntnissen war für den Zuschauer über weite Strecken dann aber doch recht ermüdend. Selbst Günther Jauch war angesichts der Friedfertigkeit seiner Gäste für echtes Nachbohren nicht in der Stimmung. So bleibt nach 60 Minuten das Fazit, dass es zwar keinen Tumult wie beim letzten Mal gab, eine so blutleere Nach-Wahl-Sendung aber auch niemand braucht. Wo ist nur Herr Ponader, wenn man ihn braucht?

rut/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • heinrichIV
  • Kommentar 1
  • 15.05.2012 13:13

Warum sollte die Landtagswahl in NRW alle Bundesbürger interessieren, frag ich mich. Und jedesmal gleich Rückschlüsse auf eine Bundestagswahl zu machen ist nicht gerechtfertigt. Ja gar gleich eine neue SPD-Bundeskanzlerin ins Spiel zu bringen, ist Blödsinn. Und für eine charismatische Figur halte ich Frau Kraft schon gar nicht. Lediglich für ein neues Gesicht welches als Parteisoldat letztendlich das gleiche tun wird als ihre Vorgänger...den Leuten nach dem Munde reden, aber insgeheim mit den Lobbyisten kungeln. Wo soll da der Gag sein?

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