Humor im TV Was gibt es da zu lachen?

Ist das deutsche TV-Programm witzig genug? Dieser Frage gingen Fernsehmacher bei einer Expertenrunde in Leipzig auf den Grund. Satiriker Jan Böhmermann trumpfte auf. Zwei hatten nichts zu lachen: der MDR und die FDP.

Comedy und Kabarett: Deutschlands größte Witzbolde

Die Humor-Versorgung läuft flächendeckend und fast rund um die Uhr. Um 1.05 Uhr begann gestern der Comedy-Tag im Fernsehen. RTL2 schickte da Matze Knop mit seiner Operation Testosteron ins Programm. Sendeschluss für Schenkelklopfer war erst um 24 Uhr, als Stefan Raab seine Zuschauer bei TV Total auf Pro7 verabschiedete. In Leipzig diskutiert man an diesem Tag trotzdem über ein womöglich existierendes Spaßdefizit im deutschen Fernsehprogramm.

Die Expertenrunde beim Medientreffpunkt Mitteldeutschland wird durchaus spaßig. Es gibt Grimassen, Zwischenrufe und ein bisschen Publikumsbeschimpfung. Ab und zu sagt aber auch jemand den gefürchteten Satz «Jetzt mal im Ernst» – und dann werden die großen Fragen des TV-Humors geklärt.

Gibt es im Fernsehen zu wenig zu lachen?

Nein. So lautet die einhellige Meinung auf dem Podium. «Der Wille zum Spaß ist sehr, sehr weit verbreitet. Für meinen Geschmack sogar zu weit», meint etwa Christian Sieh, beim NDR zuständig für das Satiremagazin Extra 3. Sogar in seriösen Politikmagazinen versuche man mittlerweile, Gags einzubauen.

Auch Jan Böhmermann kann im deutschen Fernsehen kein Spaßdefizit feststellen. «Wir haben sehr viele lustige Sendungen. Viele davon sind nicht lustig gemeint, sind aber trotzdem sehr lustig. Vor allem im MDR», witzelt der ehemalige Chefreporter der Harald Schmidt Show.

Was ist überhaupt Humor?

Das ist Geschmackssache. «Spaß ist, wenn mein Publikum lacht», lautet die passende Böhmermannsche Binsenweisheit. Er selbst kann beispielsweise bei Mario Barth lachen. «Da kriege ich Pickel», meint hingegen eine Leipziger Zuschauerin über den Humor des Berliners. Auch über die Qualitäten von Harald Schmidt («Wenn Sie ihn nicht lustig finden, liegt es niemals an Schmidt, sondern immer an Ihnen», klärt Böhmermann auf) und der Comedy-Formate im Radio («Nicht lustig», urteilt Reinhard Bärenz von MDR Sputnik) wird gestritten.

In jedem Fall lustig ist die FDP. «Wir bei Extra 3 waren sehr zufrieden mit den Ergebnis der letzten Bundestagswahl. Als Schwarz-Gelb kam und Guido Westerwelle auch noch Vizekanzler wurde, da wussten wir: Wir haben vier glorreiche Jahre vor uns», blickt NDR-Redakteur Sieh zurück. Und in noch einem Punkt herrscht Einigkeit: Die Grenzen zwischen Kabarett und Comedy lösen sich auf.

Ist das Fernsehen nun lustig?

Nein. Von Sat.1 über den Bayerischen Rundfunk bis hin zu Mario Barth: Bei aller Vielfalt lässt die Qualität zu wünschen übrig, lautet der Tenor. Womöglich drückt das Überangebot sogar auf den Spaßfaktor, vermutet Sieh: «Ein guter Witz fällt einem nicht alle zwei Minuten ein. Deshalb kann man nicht 24 Stunden Programm mit Witzen füllen.» Böhmermann glaubt, dass es besonders in den streng regulierten öffentlich-rechtlichen Anstalten schwierig sei, Spontaneität oder gar Anarchie zuzulassen, aus denen gute Pointen erwachsen: «Nichts ist der ARD fremder als Humor.»

Wer ist schuld an der Misere?

Wie immer: das Publikum, die Politiker und das Internet. Zunächst einmal lachen die Zuschauer nicht über das, worüber sie lachen sollen. «Was die Macher lustig finden, wird vom Publikum oft nicht verstanden», formuliert MDR-Mann Bärenz diese Diskrepanz.

Die Politiker werden zu Spielverderbern, weil sie sich einfach nicht mehr so gut verarschen lassen. «Es gib mittlerweile eine große Toleranz gegenüber Satire und Parodie. Diejenigen, die parodiert werden, haben endlich begriffen, dass sie es weit gebracht haben, wenn sie sogar parodiert werden», umschreibt Moderator Michael Bollinger dieses Phänomen. Sieh stimmt zu: «Die Politiker sind schlauer geworden. Die lachen jetzt mit – auch über sich selber.»

Nicht zuletzt hat das Internet seinen Teil zur Klamauk-Krise beigetragen. Lustige Amateurvideos auf YouTube sind da nur ein Problem. Deutsche Komiker können auch nicht mehr so leicht aus dem Ausland abkupfern. «Man braucht sich von Ideen in England und den USA nicht inspirieren lassen. Denn jeder kann diese Sendungen im Internet einfach anschauen. Man muss sich dem internationalen Wettbewerb stellen und sich selber Sachen ausdenken», sagt Böhmermann.

Kann eine neue Generation von Spaßmachern für Besserung sorgen?

Das ist fraglich. Zum einen kann man Witzigsein nicht lernen, macht Bärenz klar: «Humor braucht die richtige Persönlichkeit.» Zum anderen werden die Platzhirsche ihr Revier wohl nicht so bald aufgeben. «Die alten Säcke kriegt man da nicht weg», scherzt Böhmermann, verspricht aber auch: «Sobald einer stirbt, stehen ich und meine Kollegen bereit.»

Bestes Zitat: «Eine Redaktionskonferenz bei Harald Schmidt dauert vier Stunden, davon dreieinhalb Stunden Monolog von Harald. Im Rest der Zeit holen die Mitarbeiter Schnitzel und nicken.»

ham/news.de

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