«Polizeiruf 110» Freispruch für den Mörder

Schweiger, Ferres und Co.
Nackte Tatsachen im deutschen Film

Wie viel gilt ein Freispruch? Vor allem, wenn es um Mord geht? Mit dieser Frage setzt sich der neueste Polizeiruf 110 auseinander. Eindringlich zeigt Regisseur Hans Steinbichler in dem ARD-Krimi mit dem schlichten Titel Schuld, wie eine Dorfidylle an der Suche nach Antworten zerbricht.

Eine Dorfidylle in Oberbayern mit schmucken Bauernhäusern und grünen Wiesen. Doch hinter der schönen Fassade lauert der Abgrund: Hass, Gewalt und Mord. Vor mehr als zehn Jahren wurde ein junger Mann getötet. Täter unbekannt. Der Hauptverdächtige wurde freigesprochen. Seitdem ringt das Dorf um Normalität.

Doch das ist nicht leicht, denn noch immer halten viele Xaver Edlinger für den Schuldigen. Gerade als sich alles zum Guten wendet, wirbelt die junge Polizistin Anna Burnhauser (Anna Maria Sturm) alles wieder auf. Im Dorf beginnt eine Jagd auf Xaver, der bald in großer Gefahr schwebt. Schuld nennt sich die neue Folge der ARD-Krimireihe Polizeiruf 110 aus München, die das Erste heute um 20.15 Uhr zeigt.

«Polizeiruf 110»
Die aktuellen Ermittler

Spirale des Unglücks

Kommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) muss in seinem dritten Fall tief in die Befindlichkeiten eines Dorfes eintauchen, in dem seine Assistentin Anna Burnhauser aufgewachsen ist. Anna ist auch diejenige, die aus Unerfahrenheit und Panik die dramatischen Ereignisse auslöst. Ihre Schwester Kati (Barbara Bauer) ist schwanger und will heiraten - ausgerechnet Xaver (Daniel Christensen).

Anna hält ihn trotz des Freispruchs vor vielen Jahren für den Mörder. Fieberhaft rollt sie die alten Ermittlungen wieder auf und hat prompt Erfolg. Eine DNA-Spur beweist eindeutig, dass Xaver tatsächlich den Mord begangen hat. Aufgeregt platzt sie in die Verlobungsfeier ihrer Schwester und bezichtigt ihren künftigen Schwager des Mordes.

Doch damit setzt sie eine Spirale des Unglücks in Gang. Xaver wird verfolgt und Annas Familie ist entsetzt, dass sie das Glück ihrer Schwester zerstört hat. Auch Xavers Schwester Rosa (Sarah Lavinia Schmidbauer), ihr Mann Max (Michael Grimm) und ihr Sohn stehen am Abgrund. Und sogar Annas Karriere steht auf dem Spiel, hätte sie doch nach dem Freispruch aus rechtlichen Gründen gar nicht mehr ermitteln dürfen. Am Ende bleibt Anna und Hauptkommissar von Meuffels nichts anderes übrig, als Xaver in seinem Haus vor den wütenden Dorfbewohnern zu schützen. Und ihn vielleicht am Ende doch noch zu einem Geständnis zu bewegen.

Packend, intensiv und schwer auszuhalten

Regisseur Hans Steinbichler hat Schuld nach dem Drehbuch von Stefan Kolditz sparsam, dafür aber umso eindringlicher inszeniert. Wie schon in seinem hochgelobten Debütfilm Hierankl geht es auch hier wieder um Heimat, aber nicht romantisch verklärt. Steinbichler zeigt eine dramatische Mischung aus Liebe und Hass, aus Sehnsuchtsort und Hölle, in der die Figuren ungehemmt und ungekünstelt agieren: Mal verzagt, mal voranpreschend. Mal leise und vorsichtig, ein anderes Mal laut schreiend vor Verzweiflung.

Mittendrin in diesen schmerzhaften Gefühlsausbrüchen ist der preußisch-zurückhaltende von Meuffels, der Ruhe ins Chaos bringt. Während draußen vor dem Hof die erzürnten Männer des Dorfes die Stellung halten, spielt sich im Haus etwas ganz anderes ab: Das Drama eines Mannes, der gerade noch ein schönes, normales Leben vor Augen hatte. Und der nun erkennt, dass es für ihn in seiner Heimat keine Zukunft mehr gibt. So entsteht ein packender Film mit sehr intensiven Momenten, die mitunter nur schwer auszuhalten sind. Ein Krimi und ein Ensemble, bei dem man sich schon auf die Fortsetzung freut.

Ein Land, so fremd und weit entfernt

«Es klingt absurd, aber: Ausgerechnet am Sonntagabend zur besten Sendezeit darf man Dinge ausprobieren, die sonst nicht mehr gehen», sagte Hauptdarsteller Brandt kürzlich der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Er, der Mann vom Theater, hat Gefallen am TV-Krimi gefunden und an der vermeintlichen Verschrobenheit der bayerischen Landbevölkerung. «Ich hatte mitunter beim Spielen das Gefühl, man hätte den Mann auch zu Ermittlungen nach Burkina Faso schicken können, so fremd ist diese Welt und er so orientierungslos», sagte Brandt.

Polizeiruf 110: Schuld, Sonntag, 29. April 2012, 20.15 im Ersten

rut/news.de/dpa

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