Samuel Koch bei Jauch «Im Himmel stelle ich es mir schöner vor»

Samuel Koch. Der Name steht für ein tragisches Kapitel deutscher Fernsehgeschichte und für einen persönlichen Schicksalsschlag. Günther Jauch spricht mit Samuel Koch und seinen anderen Gästen über dessen Unfall bei Wetten, dass..? und wie man die Lust am Leben behält.

«Wetten dass..?»: Schock vor laufender Kamera

Es ist gleich der erste Kommentar auf der Internetseite von Günther Jauchs Talkshow. Unter der Überschrift «Das tägliche Show-Einerlei» fragt User Wolfi, warum denn dieses «Philosophen-Thema» diskutiert werde und nicht etwa die Herdprämie, die Praxisgebühr oder der Überschuss bei den Krankenkassen. Eine Frage, die sich - ob der Aktualität dieser Themen - sicher auch die Redaktion von Günther Jauch gestellt hat und die der Moderator und seine Gäste in diesen 60 Minuten eindrucksvoll beantworten werden - ohne die Frage überhaupt laut ausgesprochen zu haben.

Samuel Kochs Unfall bei Wetten, dass..?

Rückblick: Am 4. Dezember 2010 ändert sich das Leben von Samuel Koch mit einem Schlag. Bei einer Wette der ZDF-Fernsehshow Wetten, dass ..? will der heute 24-Jährige mit einem Salto über fahrende Autos springen. Doch die Wette geht schief, Samuel Koch stürzt. Er bricht sich zwei Rückenwirbel, ist querschnittsgelähmt. Er kann weder Arme noch Beine bewegen.

An den Unfall selbst habe er keine Erinnerungen mehr, erzählt Koch. Nur noch bis etwa fünf bis sieben Sekunden vor dem Aufprall reichten seine Erinnerungen, dann könne er sich nur noch an das Krankenhaus erinnern. Der Beginn einer strapaziösen Zeit für ihn und seine Familie. Samuel ist von nun an auf fremde Hilfe angewiesen, muss jeden Tag zur Physiotherapie.

Er erzählt davon, wie es ist, wenn ihm jemand anderes die Zähne putzen muss, wenn ihn eine Fliege nervt und er sie nicht mit den Händen verscheuchen kann. Seine Schwester Rebecca beschreibt, wie Samuel ihr detailliert erklärt, wo und wie sie ihn kratzen muss, wenn es ihn einmal juckt und man hat den Eindruck, die beiden haben sich mit der Situation inzwischen irgendwie arrangiert. Vater Christoph hingegen will einen wirklichen Alltag noch gar nicht haben, denn das bedeute für ihn, dass er sich mit dem momentanen Status abgefunden habe.

Die Frage nach der Schuld

Samuel hat sich die Bilder seines Unfalls angesehen, erzählt er. Er habe wissen wollen, wie das Ganze überhaupt passieren konnte - eine Antwort haben weder er noch ein Gutachter finden können. Ob er die Schuld an seinem Unfall trage? Na klar, wer denn sonst, antwortet Samuel eindeutig. Sein Vater Christoph will lieber von «Verursacher» sprechen, denn auch er konnte keine eindeutige Erklärung für das Geschehen finden. Dennoch - wo etwas Unvorhergesehenes passiert, noch dazu etwas so Schlimmes, fragt der Mensch reflexartig nach Schuld. Und irgendwann bei dieser Suche landet er bei Gott.

Sein Glaube habe Risse bekommen, erzählt Nikolaus Schneider. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland hat 2005 seine Tochter verloren. Im Katechismus heißt es, man solle Gott lieben und fürchten. Diese Furcht sei es, die er bis dahin noch nicht gekannt habe, berichtet Schneider. Sein Gottesbild habe sich seitdem geändert. Dennoch könne man nicht sagen, wenn etwas Schreckliches passiert, dann ist Gott nicht da. So ähnlich sieht es auch Christoph Koch. Unfälle würden denen passieren, die beten, genauso wie denen, die nicht beten, so seine Erkenntnis.

Dennoch müsse man sich die Frage stellen, warum so etwas ausgerechnet einem selbst passiere, meint Theologe Schneider. Für andere hingegen sei diese Frage ein Tabu. Niemand dürfe sich herausnehmen zu sagen, dieses oder jenes Unglück sei die Strafe für ein Fehlverhalten.

Die Frage nach der Schuld sieht auch Maximilian Keil als wichtig an. Der Arzt und Experte für Querschnittslähmungen hat die Erfahrung gemacht, dass Patienten, die sich ganz offen fragen «warum ich?» mit der Situation besser zurechtkämen als Patienten, die diese Wut nicht an sich heranließen.

Das Leben nach dem Schicksalsschlag

Doch wie kann man nach so einem schweren Schlag überhaupt noch weiterleben? Vor dieser Frage stand auch Udo Reiter, ehemaliger Intendant des MDR. Mit Anfang zwanzig hatte Reiter einen Autounfall und ist seitdem hüftabwärts gelähmt. Als er nach seinem Unfall realisierte, dass die Welt nicht auf Gelähmte eingestellt ist und all seine Zukunftspläne über den Haufen geworfen waren, wollte er sich mit einer Pistole das Leben nehmen.

Der Abschiedsbrief war schon geschrieben, als Reiter merkte, dass er noch zu sehr am Leben hängt. Also habe er sich überlegt, was geht und was nicht mehr geht. Die Gedanken an das, was nicht mehr geht, habe er dann beiseite geschoben und losgelegt.

Diesen Punkt, das Leben zu bejahen, habe Samuel Koch inzwischen auch wieder erreicht. Auch wenn es Momente des Zweifelns und der Panik gibt. Dann denkt er sich, dass es im Himmel doch wirklich schöner wäre als hier zu liegen und «dabei zusehen zu müssen, wie einen der Staub im Zimmer zudeckt.»

Doch wenn Samuel erzählt, spürt man, dass er sich auf sein neues Leben eingelassen hat und es meistern wird. Dann sagt er ganz trocken, dass er auch oft verzweifelt war, aber da er seine Hände nicht bewegen könne, «falle diese Smith&Wesson-Geschichte für ihn flach», und entschuldigt sich spitzbübisch für diesen entwaffnenden Humor.

Und spätestens hier hat sich die Frage von User Wolfi erledigt. Natürlich gibt es Themen, die für den Moment wichtiger scheinen. Aber wann sollen wir denn über die wirklich entscheidenden Dinge wie das Leben, Freunde, Gott, Familie und Tod reden, wenn wir uns nicht einfach die Zeit dafür nehmen? Und wenn jemand wie Samuel Koch sagen kann: «Lachen macht mehr Spaß, als sich zu bemitleiden», dann werden wir auch noch auf die nächste Talkshow warten können. Dann auch mit Herdprämie.

zij/news.de

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Leserkommentare (16) Jetzt Artikel kommentieren
  • Leon
  • Kommentar 16
  • 28.11.2012 19:18

Habe größten Respekt vor Samuel Koch. Da kann man sich eine Scheibe abschneiden. Hoffentlich wird ihn auch in Zukunft nicht der Mut verlassen!

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  • Anpumax
  • Kommentar 15
  • 20.07.2012 20:16

Samuel Koch hat sich für das Risiko entschieden. Er hat verloren. Gott hat damit nichts zu tun. Warum sollte er Samuel bewahren? Es gab zur gleichen Zeit sicherlich hundertfach unverschuldete Unfälle. Da könnte man schon eher nachfragen, warum war Gott da nicht da. Aber das fragt sich kaum einer, denn Unfall, Tod und Leid gehören zum Leben, wie schwarz und weiß zu den Farben. Vielleicht hat sich Gott gefragt:" Warum riskiert er seine von mir gegebene Gesundheit und Kraft?" Samuel hat bitter bezahlt, er tut mir leid, aber Gott hat nichts damit zu tun.

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  • sabrina
  • Kommentar 14
  • 27.04.2012 14:12

ich finde es gut das er sich nicht aufgibt. Wie er sich Trotz des Schicksalschlages In das Leben zurückgekämpft hat und sein Leben weiterführt trotz seiner Behinderung . ich glaube auch einerseits das es gut ist das die Öffentlichkeit über so was im Bilde ist damit auch andere Menschen sehen das es auch anders geht. Und das das Leben trotz so was weitergeht. Das Er Trotz der situation das lachen nicht verlernt

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