«Günther Jauch» Günter Grass und der Holzhammer

Günther Jauch diskutierte zum Thema Günter Grass (Foto)
Günther Jauch diskutierte am Sonntagabend mit seinen Gästen über die Wirkung von Günter Grass' Israelkritik. Bild: news.de-screenshot (ardmediathek.de)

Von news.de-Mitarbeiter Christian Vock
Mit seiner Israelkritik sorgte Günter Grass für einen weltweiten Aufschrei. Doch was ist dran, an seinen Thesen? Günther Jauch hat Grass und sein Gedicht auseinandergenommen. Der Dichter hätte seine Freude daran gehabt.

Auslöschung Irans? Israelischer Erstschlag? Israel gefährdet den Weltfrieden? Deutschland hilft dabei? Eine Verdrehung der Tatsachen ist nur ein Vorwurf, der Grass wegen seines Gedichts Was gesagt werden muss gemacht worden ist. In der Tat hat der Nobelpreisträger einige politische Schlagwörter in einen Topf geworfen, bevor er das Ganze dann dichterisch umgerührt hat. Die Runde bei Günther Jauch hat sich den Chefkoch des Gerichts, das für so viele einen gehörigen Beigeschmack hat, vorgeknöpft und die Zutaten analysiert.

Die Gäste:

Heide Simonis: ehemalige Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein und langjährige Freundin von Grass. Hielt vor Schreck die Luft an, als sie Grass' Gedicht las. Ist der Meinung, Grass habe mit seinen Verallgemeinerungen einen Fehler gemacht. Das Gedicht sei zu leicht und luftig formuliert.

Günter Grass
Reaktionen auf das Israel-Gedicht

Michael Degen: Jüdischer Schauspieler und Holocaust-Überlebender. Ist von Grass' Äußerungen nicht überrascht.

Michael Wolffsohn: Historiker. Sagt, Grass sei kein Antisemit, habe aber ein Problem mit Israel und den Juden. Sein Gedicht fördere Antisemitismus.

Dirk Niebel: Entwicklungsminister. Ist der Meinung, Grass verdrehe Ursache und Wirkung. Hat Verständnis für das israelische Einreiseverbot für Grass.

Jakob Augstein: Spiegel-Kolumnist und Verleger. Nimmt Grass in Schutz, weil dieser tatsächlich sage, was gesagt werden muss.

Günter Grass:

Niemand in der Runde hält Günter Grass für einen Antisemiten. Selbst Volker Schlöndorf und Marcel Reich-Ranicki, die vor der Sendung befragt wurden, nicht. Das «Verdikt Antisemitismus», das Grass über jede Form der Israelkritik, und damit auch über sein Gedicht, gesprochen sieht, scheint sich also nicht zu bestätigen. Nachdem auch dieses vermeintliche Denkverbot ausgeräumt war, widmete sich die Runde den eigentlichen Inhalten, also dem, was laut Grass gesagt werden musste. Das waren bei Jauch vor allem drei Themen.

Günther Jauch
Der bübchenhafte Schelm

Kritik an Israel – darf das sein?

Natürlich darf und muss man Israel kritisieren – auch in Deutschland, da waren sich alle einig. Es kommt aber immer auf das «Wie» an. Dass es nach Grass' Gedicht zunächst eine Grass-Diskussion gab, läge vor allem an Grass selbst, meint Heide Simonis. Die große Diskussion, die Grass haben wollte, sei ihm gründlich misslungen; dabei sei es so wichtig, über den Nahen Osten zu reden. Augstein macht dabei Grass den Vorwurf, dass er mit dem vielen Unsinn, den er bezüglich Auslöschung und Erstschlag gesagt habe, den Kern übertüncht habe, nämlich, dass es hier um einen machtpolitischen Konflikt zwischen Israel und Iran geht.

Auch Wolffsohn sieht vor allem in der Art und Weise der Kritik das Problem und machte darauf aufmerksam, dass Israel wegen seiner Politik oft genug von Deutschland kritisiert worden war. Man müsse dies nur empathisch tun, schließlich gebe es bei Juden eine Urangst, auf die man Rücksicht nehmen müsse. Holzhämmer wie das Grass-Gedicht seien nicht der richtige Weg. Zugleich forderte Wolffsohn ein Ende des inflationären Gebrauchs von Antisemitismus.

Wer gefährdet wirklich den Weltfrieden?

Insbesondere Dirk Niebel echauffierte sich über diesen Punkt der Grassschen Äußerungen. Der Dichter verdrehe Ursache und Wirkung. Der eigentliche Aggressor sitze in Teheran. Dem widersprach Nahostexperte und Politikberater Michael Lüders. Iran sei Israel waffentechnisch weit unterlegen, eine reelle Gefahr gehe von Ahmadinedschad nicht aus. Iran habe keine Atombomben, Israel hingegen zwischen 200 und 300. Außerdem sei Jerusalem die drittheiligste Stadt im Islam, ein iranischer Angriff dementsprechend ausgeschlossen.

Der in Tel-Aviv geborene Historiker Michael Wolffsohn nahm hingegen die israelische Perspektive ein. Das Land sei umzingelt von Feinden und eine Abschreckung bringe nur etwas, wenn sie auch abschrecke. Ein konventionelles Wettrüsten könne Israel zudem nicht gewinnen.

An denn Spekulationen, wer nun den Krieg beginne, wollte sich Heide Simonis nicht beteiligen. Für sie ist die Frage entscheidender, wie sich Deutschland im Kriegsfall verhält.

Hat Deutschland die Verpflichtung, Israel militärisch beizustehen?

Diese Frage genährt hatte einst Bundeskanzlerin Angela Merkel, als sie sagte, Israels Sicherheit sei nicht verhandelbar. Gibt es also einen Kadavergehorsam Deutschlands? Dirk Niebel – ganz Politiker – ließ sich hier nicht auf eine Aussage festnageln. Deutschland engagiere sich im Friedensprozess, damit gar kein Krieg entstehe und berief sich zudem auf Historiker Wolffsohn. Der meint, dass Israel in militärischen Angelegenheiten ohnehin keine Hilfe brauche. Diese sei zudem auch in der Vergangenheit mehrfach verweigert worden. Eine Verpflichtung Deutschlands, an Israel Waffen zu liefern, gebe es nicht.

Fazit: Günter Grass ist kein Antisemit, hat sich und der Diskussion mit seinem Holzhammer-Gedicht aber keinen Gefallen getan. Kritik an Israel darf und muss erlaubt sein, aber der Ton macht die Musik. Die Option einer deutschen Militärhilfe für Israel besteht derzeit nicht. Die Runde bei Günther Jauch hatte bei der Diskussion die Person Günter Grass relativ schnell abgehakt und sich intensiv dem eigentlichen Thema gewidmet. Ob sich das Grass wirklich so gewünscht hatte?

Die Diskussion gibt es hier noch einmal zu sehen.

rut/news.de

Leserkommentare (12) Jetzt Artikel kommentieren
  • OmasUte
  • Kommentar 12
  • 18.04.2012 17:55

Grass wollte sich säubern – sich enthäuten – von all dem klebrigen Schleim, mit dem er sich im Laufe seiner Autorenkarriere bekleckert hat.Er hat längst begriffen dass seine elende Systemkonformität und Anbiederung an die SPD ihn zum Schubladenmenschen degeneriert hat. Er wäre doch so gern ein Heinrich Böll gewesen, aber das Format hatte er nie; daran wird auch seine verspätete Israelkritik nichts ändern. Und da er auch kein Joopi Heesters ist, bleibt ihm nicht mehr viel Zeit sich für die Nachwelt zu säubern.Für mich war er immer ein begabter, seelenloser Arsch - leider kein Antisemit.

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  • Bernhard
  • Kommentar 11
  • 18.04.2012 12:12
Antwort auf Kommentar 9

Entscheidend ist, wer einen Krieg beginnt. Das es auf der anderen Seite Maulhelden gab, wie jetzt Achmadineschad gibt, ist sekundär. Das moderne Völkerrecht, das Landraub nicht akzeptiert, gilt erst seit dem II. WK. Da das Land militärisch besetzt wurde, ist auch die Befreiung mit Waffen legitim. Wer da sagt, Israel hätte ein Notwehrrecht, verdreht Ursache und Wirkung. Der Räuber hat kein Notwehrrecht gegen sein Opfer, selbst wenn das versucht, das ihm gehörende Raubgut gewaltsam zurückzuholen. Israel hat die Atomwaffen, nicht der Iran. Israel droht mit einem Angriff. Von dort kommt die Gefahr

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  • Dieter Mueller
  • Kommentar 10
  • 17.04.2012 14:09

Das Beste was er daraus machen konnte. Es wäre mal Zeit zu diskutieren wie Israel sich entwickelt hat. Gegruendet mit dem Resultat, dass 100 tausende vertriebeb wurden oder geflüchtet sind. Ein Kind der UN und hat mehr Resultionen ignoriert wie jeder andere Staat. Isreal unter Netanjahu ist radikalisiert, nicht liberal oder torlerant, und sehr ignorant gegenueber den Palästinensern. Atommacht ohne UN Überwachung. Bleibt viel zu tun, trotz Wolferson!

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