Margot Honecker So eiskalt verhöhnt sie DDR-Opfer

Margot Honecker, Mauertote und bezahlte Banditen (Foto)
Für die Mauertoten empfindet Margot Honecker kein Mitleid. Bild: dpa

Von news.de-Redakteur Michael Kraft
Eine persönliche Tragödie erlebten Erich und Margot Honecker mit dem Ende der DDR. Mitleid mit ihnen kann man in der ARD-Doku Der Sturz trotzdem nicht haben. Dafür ist Margot Honecker zu verblendet, eiskalt und unmenschlich.

La Reina heißt der Stadtteil in Santiago de Chile, in dem Margot Honecker heute lebt. Übersetzt bedeutet das: die Königin. Und genau so führt sich die ehemals mächtigste Frau der DDR auf in ihrem ersten Fernsehinterview seit mehr als 20 Jahren.

Das Ende der DDR? Eine Verschwörung! Die marode Wirtschaft? Eine Lüge! Ihre einstigen Gegner? Banditen, Kriminelle, suspekte Elemente! Die Vorwürfe gegen sie wegen des im SED-Regime begangenen Unrechts? Majestätsbeleidigung! Man kann sich nur wundern über ihre Positionen. Und man kann anhand ihrer spektakulären, empörenden Aussagen erkennen, wie die 90 Minuten von Der Sturz – Honeckers Ende, die ursprünglich als Dokumentation über Erich Honecker geplant waren, mehr und mehr zu einem Porträt seiner Frau wurden.

4,2 Millionen Zuschauer schalteten ein und hatten das Vergnügen zu betrachten, wie gut es Filmemacher Eric Fiedler gelungen ist, beides miteinander zu verweben. Der Sturz ist eine sehr gelungene Collage, mit Zeitsprüngen, mit wichtigen Protagonisten, mit Bildern, die Geschichte gemacht haben, und immer wieder mit Aussagen von Margot Honecker. «Sie will aufräumen mit den Lügen über sie, ihren Mann und die DDR», erklärt eine Stimme aus dem Off die Ausgangsposition für das Interview. Doch es sind gerade ihre Aussagen, die dafür sorgen, dass man am Ende von Der Sturz nicht einmal ein bisschen Mitleid haben kann mit diesem Ehepaar.

Erich Honecker - von allen verraten

Dabei hätte der Absturz kaum tiefer sein können, den die Honeckers erlebten. Der Film macht die Rasanz beeindruckend deutlich. Noch am 7. Oktober 1989 lassen sich die Honeckers beim 40. Jahrestag der DDR feiern. Niemand hat in der Geschichte des SED-Staates so viel Macht gehabt wie Erich Honecker. Zehn Tage später wurde er von den Mitgliedern des Politbüros abserviert, genau wie er einst seinen Vorgänger Walter Ulbricht abserviert hatte. Schnell spielt Honecker keinerlei Rolle mehr im politischen Geschehen.

Die nächsten Etappen reihen eine Demütigung an die nächste: Anklage wegen Hochverrats. Verhaftung aus dem Krankenbett heraus. Asyl ausgerechnet in einem Pfarrhaus, nachdem Honecker nach seiner Freilassung niemand sonst aufnehmen wollte. Todesangst, weil sich vor der Tür eine wütende Menge versammelt, vor der ihn niemand beschützt. Flucht nach zehn Wochen in ein anderes Quartier, schließlich eine Abreise aus der DDR, die einem Spießrutenlauf gleicht. Asyl in der chilenischen Botschaft in Moskau. Erneute Anklage, diesmal wegen des Schießbefehls an der innerdeutschen Grenze. Einstellung des Verfahrens wegen Haftunfähigkeit. Abflug nach Chile, den ihm die PLO bezahlen muss. Tod am 29. Mai 1994.

Was das für eine menschliche Tragödie war, bringt Der Sturz durchaus nahe. Der ehemalige Staatsratsvorsitzende war nach seiner Freilassung aus der U-Haft Ende Januar 1990 «der berühmteste und wahrscheinlich einzige Obdachlose der DDR», sagt Ralf Romahn, der Volkspolizist, der für die Vernehmung Honeckers zuständig war. Honecker wurde behandelt «wie eine heiße Kartoffel», sagt Uwe Vollmer, der Pastor, der die Honeckers schließlich bei sich aufnahm und zehn Wochen lang beherbergte. Von «Pogromstimmung» spricht ein Augenzeuge, der Honeckers letzte Stunden in Deutschland miterlebt hat.

Unendlich einsam müssen sich Erich und Margot Honecker in diesen Tagen gefühlt haben, missverstanden, von allen verraten. Honecker hatte als junger Kommunist zehn Jahre Gestapo-Haft überstanden. Nun musste er fürchten, vom eigenen Volk gelyncht zu werden, in dem Land, das er mit aufgebaut hatte. Was muss das für ein Gefühl sein – vor allem für einen Mann, der von seiner Umgebung als «schlichtes Gemüt» beschrieben wird? Der Sturz lässt die Antwort nur erahnen. Vor allem aber lässt die Doku kein Bedauern zu. Denn dafür ist Margot Honecker in ihrem Rückblick zu eiskalt, schamlos, unmenschlich.

Der Hass auf Gorbatschow

Die ehemalige Ministerin für Volksbildung präsentiert sich geistig fit und sogar rhetorisch trickreich. Aber sie ist verblendet, gefangen in ihrer eigenen Ideologie. Auch eine Generation nach dem Ende der DDR und dem Untergang des Kommunismus spricht sie von Klassenkampf und Konterrevolution. Den Mauerfall nennt sie «besorgniserregend», ihren Hass auf Gorbatschow kann sie kaum verhehlen.

Vor allem aber zeigt Margot Honecker, die mittlerweile von 1500 Euro Rente lebt und diesen Betrag als Schikane empfindet, nicht ein bisschen Reue. Es ist eine der Stärken der Dokumentation, dass der Film dies deutlich macht, ohne Stellung zu beziehen. Stattdessen wird die 84-Jährige direkt mit den Aussagen anderer konfrontiert, umgekehrt antworten beispielsweise Opfer des DDR-Regimes auf ihre Interview-Zitate. «Es wurden Fehler gemacht», gibt Margot Honecker zu, aber sie übernimmt nicht die geringste persönliche Verantwortung. Wenn es um Unrecht geht, dann formuliert sie im Passiv. Sie sagt «man hat» oder «du machst». Nur einmal sagt sie «ich», als sie erklärt, wie sie mit angeblich ungerechtfertigten Vorwürfen umgeht: «Da habe ich einen Panzer.»

Die Mauer in den Köpfen

Nur eine Schwäche hat Der Sturz: Der Fokus liegt so stark auf den biografischen Aspekten, dass die Rolle Honeckers während der friedlichen Revolution zu kurz kommt. Wie entscheidend es womöglich war, dass er zu Beginn des Umbruchs wegen einer Operation an der Galle außer Gefecht gesetzt war, wird nicht erwähnt. Wie sehr in der SED die Hörigkeit nach oben und die Fixierung auf den Staatschef ausgeprägt war, was schließlich dazu führte, dass das Regime den Protesten erst tatenlos und dann fast ohnmächtig gegenüberstand, das wird allenfalls angedeutet. Wie sehr Honecker schließlich selbst von den Ereignissen (auch innerhalb seiner eigenen Partei) überrumpelt wurde, das kommt nur zwischen den Zeilen heraus.

Die Gründe dafür zeigt die insgesamt sehr gelungene Dokumentation trotzdem auf: Rund um Honecker herum wurde für ihn jahrzehntelang eine eigene Wirklichkeit aufgebaut. Erich Honecker war ein Mann, der sein eigenes Land und sein eigenes Volk nicht kannte – zudem ein Diktator, der die Wahrheit auch nicht kennen wollte. Und er schaffte es, ebenso wie seine Ehefrau, auch nach dem Ende der DDR nicht, diesen Fehler zu erkennen. «Die Mauer wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben», hat der DDR-Staatschef einst gesagt. Für die Mauer in den Köpfen der Honeckers gilt das in jedem Fall.

eia/news.de

Leserkommentare (112) Jetzt Artikel kommentieren
  • Spruchreif-ost
  • Kommentar 112
  • 18.05.2012 12:19

Es ist wahrhaft ernüchternd, wie einfach gestrickt die Stimme des Volkes ihr Rechtsverständnis erklärt. Rente und Anschauung einer Margot sind zweifelsfrei fragwürdig aber fallen sie ins Gewicht? Wie viele Schmarotzer verbergen sich hinter dem Namen Honecker und wie viele tun dies noch viel extremer in heutiger Zeit eines politischen Desasters auf lange Sicht gesehen!? Wären wir im Stande zu begreifen, das wir das Fundament einer jeglichen Staatsform sind - müssten wir oft unsere Zungen hüten und vor dem eigenen Hof kehren! Wir können entscheiden: teilzuhaben oder teilhaben zu lassen...

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  • Ritter
  • Kommentar 111
  • 18.05.2012 10:52

M. Honecker und rhetorisch trickreich? Eher einseitiges Vokabular! War sie über alle Vorgänge in der DDR informiert oder über die wahren Gründe des Niedergangs der DDR? Aus Geheimhaltungsgründen analysierte man die Zusammenhänge zw. Wirtschaft und Rüstung nur hinter vorgehaltener Hand. Zeitzeugen des Ministeriums f. Staatssicherheit äußerten sich. Z. B. H. Brehmer: „Ich gehörte der Hauptverwaltung Aufklärung an. Unsere Niederlage war verdient. Das Modell, das im Osten aufgebaut worden war, war eine Utopie, verkommen in militanten Machtstrukturen.“ Lit.: “Im Auftrag des Großen Bruders"

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  • Peter Pan
  • Kommentar 110
  • 11.04.2012 14:09
Antwort auf Kommentar 108

Ich kann dieses verlogene "es war nicht alles schlecht" nicht mehr hören. Natürlich gab es Dinge, welche "nicht schlecht" waren, die gab es auch im "Dritten Reich" und wahrscheinlich zu jeder Zeit. Aber es waren Diktaturen - selbstverherrlichend und menschenverachtend. Kriege und Terror wurden indirekt unterstützt - man denke an RAF, Stasi usw....

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