ARD-Dokumentarfilm Margot Honecker nennt DDR-Flucht «Dummheit»

Margot Honecker spricht in einem Fernsehinterview erstmals offen über das Ende der DDR. (Foto)
Margot Honecker spricht in einem Fernsehinterview erstmals offen über das Ende der DDR. Bild: NDR

Von Jutta Schütz
Will Margot Honecker ihr politisches Vermächtnis vor dem Vergessen retten? Die einstige First Lady der DDR hat nach Jahren eisernen Schweigens jetzt ihre Ansichten in einem Buch öffentlich gemacht. Nun gibt es auch einen kontroversen Auftritt im Fernsehen.

Zweifel oder kritische Einsichten haben in der Welt von Margot Honecker keinen Platz. Die einst mächtigste Frau der DDR verteidigt ihre alte politische Welt jetzt in einem NDR-Dokumentarfilm, der an diesem Montag im Ersten ausgestrahlt wird. Dafür hat die Witwe von DDR-Staats- und SED-Parteichef Erich Honecker erstmals seit mehr als 20 Jahren ein TV-Interview gegeben.

In dem 90-minütigen Dokumentation Der Sturz - Honeckers Ende des preisgekrönten Dokumentarfilmers Eric Friedler bezeichnet die frühere DDR-Ministerin nach Angaben des Norddeutschen Rundfunks (NDR) den Tod von DDR-Flüchtlingen als «Dummheit». «Man hat sich vor allem auch immer gefragt: Wieso hat er das riskiert? Warum? Denn das braucht ja nicht sein. Der brauchte ja nicht über die Mauer zu klettern. Diese Dummheit mit dem Leben zu bezahlen, das ist schon bitter», sagte die 84-Jährige laut NDR.

Die DDR-First-Lady als heimliche Machthaberin

Seit 1992 lebt Margot Honecker im politischen Asyl in Santiago de Chile, in der Nähe von Tochter und Enkeln. Am 17. April wird die schmale Witwe 85 Jahre alt. Ihr Mann Erich lebte dort nur kurz. Er starb 1994. Der schwer krebskranke Spitzenfunktionär konnte erst Anfang 1993 Deutschland verlassen, nachdem der Prozess wegen der Todesschüsse an der Mauer gegen ihn eingestellt worden war.

Erich Honecker wäre am 25. August dieses Jahres 100 Jahre alt geworden. Die Dokumentation analysiere mit Zeitzeugen, darunter Helmut Schmidt, Wolfgang Schäuble und Michail Gorbatschow sowie mit Opfern des SED-Regimes Aufstieg und Fall des widersprüchlichen Politikers, heißt es. Aus Interviews und Original-Filmausschnitten sei ein umfassendes Bild der letzten Tage des SED-Politikers entstanden. Die Aussagen von Margot Honecker seien Teil des Films.

Die linientreue Telefonistin hatte in der DDR schnell Karriere gemacht. Mit 22 Jahren saß sie als jüngste Abgeordnete in der Volkskammer, dem DDR-Parlament. Rund 26 Jahre war Margot Honecker Chefin des Volksbildungsministeriums, von 1963 bis zu ihrem Rücktritt im Herbst 1989. Vielen galt die DDR-First-Lady mit dem Blaustich im Haar als dogmatisch und heimliche Machthaberin.

Honecker: Trauma-Opfer seien «bezahlte Banditen»

Über Jahre hielt sich Margot Honecker eisern die «Westpresse» vom Hals. Nun weicht sie mit dem Fernsehinterview davon ab. Erst Anfang März erschien das Interview-Buch Zur Volksbildung. Honecker hatte dazu mit dem ostdeutschen Verleger Frank Schumann gesprochen, den sie von früher kennt. Ist diese neue Öffentlichkeit der Wunsch der Seniorin, ein politisches Vermächtnis zu hinterlassen und nicht in der Vergessenheit zu verschwinden?

Während die Ex-Ministerin im Buch mit keiner kritischen Frage konfrontiert wird, halte es Friedler in seinem Film Der Sturz - Honeckers Ende ganz anders, schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Der Film sei eine atemberaubende Geschichtsstunde und bleibendes Unterrichtsmaterial, lobte das Blatt vorab.

Es ist nicht wirklich überraschend, was Margot Honecker zu Protokoll gibt. Interessant ist aber, mit welcher Vehemenz Fehler ausgeblendet und der politische Gegner aufs Neue verantwortlich gemacht wird für das Aus des Arbeiter- und Bauern-Staats. Schon im Buch Zur Volksbildung beharrte sie darauf: Die DDR habe auf Gleichheit, Gerechtigkeit, Glück und Wohlstand gefußt.

Margot Honecker sehe in dem Film keinen Anlass, sich für die Staatssicherheit zu entschuldigen, erklärte der NDR. Die Stasi war nach Ansicht der Polit-Witwe eine legitime Notwendigkeit. Zu politischen DDR-Häftlingen sage sie, die seien kriminell gewesen. Traumatisierte Opfer, die in geschlossenen Jugendwerkhöfen litten, seien für sie «bezahlte Banditen».

Lesen Sie hier unsere Kritik zu Der Sturz - Honeckers Ende.

zij/news.de/dpa

Leserkommentare (38) Jetzt Artikel kommentieren
  • Werner Richter
  • Kommentar 38
  • 09.10.2012 18:44

Sie kann Ihre kommunistische Diktaturmeinung verteitigen ,wie sie will, jedoch ist sie mit Schuld an der Freiheitsberaubung der mitteldeutschen Bevölkerung. Hiermit hat sie sich als Straftäterin gemacht. Erst Ende der 80 ziger Jahre ,hat es in der DDR Ausreisegenehmigungen nach Westeuropa gegeben für Leute ,die Westverwandschaft und Familienangehörige dort hatten, und die waren mit Schikanen verbunden.Wer keine solche Beziehungen hatte, durfte davon nur Träumen. Flüchtlinge waren mutige Menschen.Sie sagt dumme Menschen. Menschenverachtend bis heute ist M. Honecker geblieben.

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  • Tomwalter
  • Kommentar 37
  • 28.08.2012 09:02

"Heilige Bimbam der Margot Honecker": Bestürzung über den „Verrat“ an der DDR durch Gorbi. Gottes Gerechtigkeit: steile Karriere als Atheistin - Obdach in einer Pfarrei. Wusste diese Frau, was um sie herum geschah oder was es mit der Hegemonie der Sowjetunion zur DDR ab 1985 auf sich hatte? Literatur: “Im Auftrag des Großen Bruders“, AAVAA-Verlag. Im Mittelpunkt stehen Gründe des Niedergangs der DDR. Gorbatschow war zu der Erkenntnis gelangt, dass auch die Wirtschaft der Sowjetunion durch weiteres Wettrüsten zugrunde geht. Intervention in der DDR lehnte er ab - zum Leidwesen der Honeckers ...

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  • a.girt
  • Kommentar 36
  • 04.04.2012 18:10
Antwort auf Kommentar 35

das ist korekt . die grausamkeiten in einem komunistischem system sieht oder möchte keiner mehr sehen. und die die es billigen haben keine ahnung was auf der honeker ehra lastet. die gauner . komisch nur das solche ein hohes alter erlangen wobei andere leider ins grass beißen müssen unter der last der damaligen machenschaften. binn bereit zu unterschreiben das diese person zu verantwortung gezogen wird. und dummheit war es nicht die über die mauer gewolt haben und es auch taten. dumm waren die die sich unterworfen haben.

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