ARD-Doku Einblicke in verletzte Politiker-Seelen

Schlachtfeld Politik (Foto)
Der Kieler Politiker Wolfgang Kubicki (FDP) gibt Auskunft über die Seelennöte vieler seiner Kollegen. Bild: dpa/Malte Christians

Von Matthias Hoenig
Intrigen, erzwungene Rücktritte, Selbstmordgedanken: In der ARD-Dokumentation Schlachtfeld Politik - die finstere Seite der Macht erzählen Politiker wie Wolfgang Kubicki, Kurt Beck und Katina Schubert wie es ist, politisch abserviert zu werden, und Parteifreunde für immer zu verlieren.

Mit einem Fallschirm sprang Jürgen Möllemann am 5. Juni 2003 in den Tod, die Reißleine zog er nicht. Vorangegangen war der tiefe politische Fall des früheren FDP-Bundesministers. Das Ende seines Freundes beschäftigt den schleswig-holsteinischen FDP-Politiker Wolfgang Kubicki bis heute.

«Wenn die Partei ihn in den Arm genommen, ihn aufgefangen hätte, wäre es wahrscheinlich nicht dazu gekommen». Und er frage sich bis heute, ob er nicht etwas hätte bemerken müssen, etwas übersehen habe, bekennt Kubicki in der TV-Dokumentation Schlachtfeld Politik - die finstere Seite der Macht, die Das Erste heute um 22.45 Uhr zeigt.

Möllemanns Schicksal ist der wohl spektakulärste und tragischste Fall eines Politikers, der sich von seinen Parteifreunden verraten und alleingelassen fühlte. Kubicki, als kräftig austeilender Redner bekannt und Hoffnungsträger seiner Partei für die Landtagswahl am 6. Mai geschätzt, war Anfang der 1990er Jahre selber Opfer von Intrigen, wie er berichtet. Parteifreunde hätten ihm so zugesetzt, dass er kurze Zeit sogar an Selbstmord dachte: «Es hört nur auf, wenn Du jetzt nicht mehr da bist.»

Parteiensponsoring
Das falsche Spiel der Politiker
Für Bundespräsident Christian Wulff wird es eng.  (Foto) Zur Fotostrecke

Wenn Parteifreunde zu Feinden werden

Inzwischen habe er vielen seiner damaligen «Freunde» gedankt - auf seine Art. Rache? Nein, das sei nicht sein Level. Aber wenn man eine bestimmte Machtposition habe, könne man Einfluss nehmen, ob ein anderer etwas wird oder nicht, sagt der schleswig-holsteinische FDP-Fraktionsvorsitzende.

In Einzelgesprächen, nur sparsam durch Fragen gelenkt, geben auch der zurückgetretene SPD-Chef Kurt Beck, die frühere Gesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne), Ex-CSU-Chef Erwin Huber und die frühere stellvertretende Vorsitzende der Linken, Katina Schubert, ihre leidvollen Erfahrungen aus dem Politikgeschäft wieder.

Allen gemein: Es schmerzt am meisten, wenn die eigene Partei einen politisch abserviert. In einem eingeblendeten TV-Auftritt von 2007 sagt der frühere CSU-Politiker Theo Waigel verbittert, dass er so gehässiges Verhalten wie in der CSU selbst nicht bei den Kommunisten vorgefunden habe - Parteifreunde sollen aus dem Privatleben des Politikers, der sich von seiner Frau trennte, teils falsche Details an die Medien weitergeleitet haben.

«Die wollen mich weg haben»

Andrea Fischer musste als Bundesgesundheitsministerin gehen, als die Grünen auf Distanz gingen - das sei ein typisches Muster. Solange die eigene Partei jemanden als Minister wolle, sei ein Rücktritt fast nicht durchsetzbar, wie sich zum Beispiel am Verhalten der CSU im Fall Karl-Theodor zu Guttenbergs gezeigt habe.

Wer sie letztlich loswerden wollte? Namen nennt sie keine, aber es schimmert in ihren Worten durch, dass Joschka Fischer, der sie einst förderte, auch mit absägte. Zehn Jahre litt Andrea Fischer, ihre Selbstzweifel wuchsen immer mehr. «Ich habe eine schwere Depression gekriegt, die ich auch nur mit Medikamenten und Therapie im Laufe eines Jahres bekämpfen konnte.»

Schubert spürte eines Tages ein Kribbeln in der linken Körperseite, ein Schlaganfall, wie im Krankenhaus diagnostiziert wurde. Auf einer Vorstandssitzung hatte die Linken-Politikerin gemerkt: «Die wollen mich weg haben.» Angefangen hatte es mit einer familienpolitischen Kontroverse mit Oskar Lafontaines Frau Christa Müller, von der er inzwischen getrennt lebt.

Richtige Freundschaften sind selten

Die Dokumentation hat der preisgekrönte Autor Stephan Lamby gefilmt, der bereits TV-Porträts über Joschka Fischer, Fidel Castro und Helmut Kohl drehte und in einem anderen Film die permanente Inszenierung von Politik analysierte. In seinem neuen Werk lässt Lamby die Politiker vor allem reden. Die Sequenzen sind geschickt, manchmal auch ein bisschen effekthascherisch geschnitten, zudem mit harten Klavierakkorden unterlegt. Vieles wird im Auto oder Studio gesagt, da, wo vermeintlich niemand zuhört. Die Kamera geht teils allzu nah an die Gesichter.

Was bleibt als Erkenntnis? Politik ist ein Metier, das einsam und krank machen kann. Richtige Freundschaften unter Parteipolitikern sind selten, jeder kann im Kampf um Ämter zum Konkurrenten werden, resümiert Kubicki. Und Kurt Beck bekennt: «Ich bin misstrauischer geworden.»

Schlachtfeld Politik - die finstere Seite der Macht, Montag, 19. März 2012, Das Erste

zij/news.de/dpa

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig