Bremer «Tatort»-Paar Die Leitwölfin und das Lederjackenmodel

ARD Adventsessen (Foto)
Verstehen sich auch fantastisch, wenn die Kamera aus ist, wie hier beim Adventsessen der ARD: Sabine Postel und Oliver Mommsen. Bild: ARD/Ralf Wilschewski

Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach, Hamburg
Im Bremer Tatort geraten Inga Lürsen und ihr Kollege Stedefreund oft aneinander. Die Schauspieler Sabine Postel und Oliver Mommsen verstehen sich jedoch hervorragend, wie sie im Interview mit news.de beweisen. Das Tatort-Paar über Macken und gemeine Preise.

Frau Postel, das ist Ihr 25. Tatort und für Sie, Herr Mommsen, ist Ordnung im Lot der 20. Fühlt sich das wie ein Jubiläum an?

Sabine Postel: Nein, gar nicht, ich war selber überrascht.

Oliver Mommsen: Das kam schleichend.

Postel: Man freut sich zweimal im Jahr aufeinander ... (lacht)

Mommsen: ... und dann macht man das plötzlich schon zehn Jahre. Das kommt mir noch nicht so lange vor.

Postel: Ein gutes Zeichen. Wäre schlimm, wenn man eine Strichliste in der Küche hätte und immer abstreicht: Gut, schon wieder einer weg.

Mommsen: (gespielt wütend) Nach 25 höre ich auf. Jetzt hab ich schon 20 und irgendwann schlag ich die Olle tot. (Beide lachen)

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Postel: Hätte ja auch so sein können. Ist es aber nicht.

Mommsen: Das ist erstaunlich. Ich wurde vorhin gefragt, wie es ist, wenn wir uns streiten. Da habe ich lange nachgedacht und musste feststellen: Wir haben uns noch nie gestritten.

Aber in Ihren Rollen als Inga Lürsen und Stedefreund kriegen sie sich schon heftig in die Haare.

Postel: Ja, aber nicht privat. Das könnte am Set ja auch fatal sein. Wir arbeiten mit Mikrofonansteckern und die sind so kompliziert angebracht, dass man sie zwischendurch, wenn die Kamera aus ist, nicht abmacht. Also bleiben die Dinger immer dran und man kann nur hoffen, dass der Tonmann ein ...

Mommsen: ... integrer ...

Postel: ... Mensch ist, der das Ding zwischendurch, wenn man nicht dreht, auch abschaltet.

Mommsen: Sonst können alle mithören, was man sagt. Wir kennen uns schon länger und erzählen uns die eine oder andere Geschichte und plötzlich merkt man: Oh, wir sind ja auf Sendung (lacht).

Da kennen Sie sicher gegenseitig Ihre Macken. Was weiß das Publikum noch nicht über den jeweils anderen?

Mommsen: Ja genau, das weiß keiner und deswegen reden wir jetzt endlich offen fürs Internet darüber. Da bleibt's ja dann auch für immer.

(Beide lachen)

Postel: Wir haben sicher Macken.

Mommsen: Sabine ist Mutter und manchmal möchte man sagen: Meinste, du könntest das Handy weglegen? Jetzt ruf den nicht an, da ist schon alles in Ordnung.

Postel: Aber deine Kinder wachsen auch in das Alter rein, wo man gern öfter mal anruft.

Mommsen: Langsam kann ich nachvollziehen, was du meinst.

Postel: Wenn die so klein sind, hat man nur die Sorge: Sind sie gesund?

Mommsen: Oder greifen sie gerade in die Steckdose?

Frau Postel, sind Sie eine Glucke?

Mommsen: Das böse Wort. (grinst)

Postel: Ja, aber im vertretbaren Sinn. Ich bin auch ein Kopfmensch und so rational, dass ich weiß, wo meine Schwachstellen sind und wie ich dagegen arbeite. Ich habe mich unter Schmerzen gezwungen, meinen Sohn loszulassen. Nun ist er ja in England. Ich muss versuchen, damit umzugehen, aber das gelingt mir inzwischen auch.

Der Tatort: Ordnung im Lot ist unter der Regie von Claudia Prietzel und Peter Henning entstanden. Genau wie Scheherazade, für den es 2005 Fernsehpreise gab. Haben Sie großes Vertrauen und denken, wenn's einmal schon so gut geklappt hat, wird das wieder ein Topfilm?

Postel: Na klar, wir kannten sie ja beide.

Mommsen: Für den aktuellen Tatort haben beide auch das Buch geschrieben. Bei Scheherazade war das Christian Jeltsch.

Postel: Ich hatte anfangs Bedenken bei Scheherazade. Wie können zwei Leute zusammen Regie führen? Aber diese Angst ist weg. Weil sie sich so mit dem Thema beschäftigt haben, sprechen beide fast mit einer Zunge.

Mommsen: Ein Regisseur muss mehr als 300 Fragen pro Sekunde beantworten. Bei Zweien ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass du Ansprache findest und dass einer von beiden gesehen hat, dass du zum Beispiel was Neues ausprobiert hast. Es ist toll. Wenn einer energetisch nicht mehr kann, übernimmt der andere. Das geht bei denen fließend, obwohl sie sehr verschieden sind. Sie ist viel strenger als Peter. Claudia ist selbst Schauspielerin und hat tolles Theater gemacht. Peter kann man manchmal noch versuchen, um den Finger zu wickeln.

Postel: Sie arbeiten symbiotisch. Sie sind miteinander verzahnt, sowohl im Privaten als auch im Beruflichen. Das ist ganz selten, dass so was harmonisch ist. Ich kann mir das ganz schwer für mich persönlich vorstellen.

Für Scheherazade haben Sie, Herr Mommsen, den Krimipreis als bester Nebendarsteller gewonnen. Ein Nebendarsteller sind Sie aber nun wahrlich nicht, oder?

Postel: Das war gemein. Ich glaube, das war nur eine dumme Kategorie, sonst hätten sie dich nicht untergebracht. Du hattest ja im Grunde eine größere Rolle als ich.

Mommsen: Aber da gab es ganz klar noch das Assistentengefälle. Inga Lürsen war der Boss und Stedefreund ihr Assi. In dem Fall wurde der Assi ausgezeichnet. Wir haben in Deutschland so ein komisches Verständnis von Haupt- und Nebenrolle. Die Amerikaner nennen das «lead» und «supporting role». Die anderen unterstützen den König. Wenn der einen großen Auftritt macht und alle popeln in der Nase, kann er spielen, was er will. Aber wenn die anderen so tun, als würde ein König kommen, entsteht auch ein König. Und so sehe ich die Nebenrolle. Lustig war, ich hatte den Preis bei der Preview vom Tatort mitgebracht. Joachim Król saß im Publikum und sagte: «Mensch, du hast den Preis bekommen. Darf ich den mal anfassen? Oh, ist das ein Nebendarstellerpreis? Dann nicht.» (lacht) Großartiger Scherz. Für mich war es einer der schönsten Filme, die ich bis dahin gemacht hatte, und dann so ein Ding mit nach Hause zu nehmen, war toll.

Ist das Assistenzgefälle komplett abgeschafft?

Postel: Ja, das gibt's nicht mehr.

Mommsen: Wir haben Qualitäten. Inga Lürsen hat definitiv die größere Spürnase und ist die Raffiniertere von beiden. Das hat Stedefreund nicht. Das weiß er auch. Sie ist der Leitwolf. Beide respektieren sich aber enorm. Ich werde nicht als Fußabtreter benutzt.

Frau Postel, Sie haben beim Wort Leitwolf skeptisch guckt?

Postel: Das ist ja schön, wenn du das so siehst. Ich habe das nie so empfunden. Ich glaube, das hat sich völlig angeglichen. Es ufert ja auch so aus, dass wir praktisch immer unsere Parallelstorys gespielt haben. Jeder macht sein Ding, de facto gleichwertig, und am Ende fallen wir uns wieder um den Hals.

Mommsen: Ich will das Assistentengefälle nicht ganz wegreden, denn darin steckt auch wichtiges Konfliktpotenzial für die Figuren. Das wurde mir klar, nachdem ich mich mal beschwert hatte, warum ich wieder als Lederjackenmodel da hinten stehe. So gibt es aber viele Möglichkeiten zu kabbeln. Der eine will nach oben, der andere will das nicht.

Postel: Und zwischendurch betrügt er mich mit meiner Tochter ...

Mommsen: Ja, da wollte ich eh noch mal mit dir drüber reden. Das würde ich gern noch mal machen.

(beide lachen)

Postel: Okay.

Mommsen: Du kriegst ja auch mehr Geld. Du bist Besoldungsstufe 13, ich bin 11.

Postel: Frau Lürsen guckt abends nicht auf den Gehaltsstreifen, sondern hält sich am Rotwein fest.

Der Bremer Tatort beschäftigt sich mehr als andere mit sozialen Problemen, in diesem Fall ...

Postel: ... ist es wieder ein privates Thema. Die Vorgabe ist, ungefähr jeder zweite Fall ist gesellschaftspolitisch relevant. Und die anderen spielen im privaten Bereich.

Mommsen: Das sind Kammerspiele.

Postel: Diesmal ist es das Psychogramm einer kranken Frau. Wobei das auch gesellschaftlich wichtig ist, weil es das Krankheitsbild der Depression sehr viel häufiger gibt, als man es wahrhaben will. Insofern denke ich schon, dass wir wieder etwas behandeln, wo die Leute sagen: Das ist kein banaler Eifersuchtsmord.

Beschäftigen Sie sich auch im Nachhinein noch mit den Themen, die im Tatort vorkommen?

Postel: Besser vorher. (Beide lachen) Man lernt viel, wir kriegen Sekundärliteratur oder überhaupt die Anregung, sich mit etwas zu beschäftigen.

Mommsen: Das geht vom 11. September über Boatpeople bis hin zu Handystrahlung.

Postel: Dann kriegst du so einen Packen Infos und wühlst dich durch. Ich rufe dann gleich meinen Sohn an und sage: Tu das Handy nicht immer in die Hose. Man erfährt Sachen, die einem vorher nicht klar waren.

Mommsen: Die Kölner sind durch ihren Tatort in Manila richtig aktiv geworden und haben einen Verein gegründet. Soweit hat uns eine Thematik noch nicht in Bewegung gebracht. Wir sind Projektarbeiter und entzünden für so eine Geschichte vier Wochen vorher. Dann fangen wir an, uns einzuarbeiten und werden immer heißer, je nachdem wie die Figur in dem Fall funktioniert. Wenn der Film abgedreht ist, verschwindet die Thematik, die dich nicht wirklich in deinem Leben beschäftigt, aus dem Blickfeld.

Gucken Sie sich Tatorte aus anderen Städten an und denken: Diesen Fall hätte ich auch gern gespielt?

Postel: Ja. Ich gucke viel Tatort und da sind oft Fälle dabei, wo ich denke: Warum sind wir auf die Idee nicht gekommen?

Gibt es eigentlich so was wie Familientreffen für alle Tatort-Kommissare?

Postel: Nein, wir werden selten zusammen engagiert. Beim Adventsessen des Intendanten saßen wir mit Ulrike Folkerts und den Kölnern am Tisch und haben über alles Mögliche geredet. Das ist schon cool, aber es findet viel zu wenig statt. Es gab mal die Idee einer Kollegin, einen Tatort zu drehen, an dem alle beteiligt sind.

Mommsen: Logistisch wäre das eine wahnsinnige Leistung, aber auch ein bisschen wie «Zehn kleine Negerlein». Die Frage ist: Wer stirbt als erstes? Und wer darf den Fall lösen?

Postel: Die Idee fand ich grandios, das Ganze auch eher im Stil einer Komödie aufzuziehen und nicht ganz so seriös. Da sind aber wahrscheinlich die Redaktionen nicht unter einen Hut zu kriegen. Mir war von Anfang an klar, dass das nicht funktioniert. Im Gegensatz zu dir, du warst hoffnungsfroher.

Mommsen: Ich war naiver. Als ich zum ersten Mal Nemec und Wachveitl auf einer Veranstaltung gesehen habe und die sagten: «Na Kleiner.» Das hatte was. Oder wenn mir Axel Milberg von seinem aktuellen Fall erzählt. Wenn man sich trifft, findet auf jeden Fall ein Austausch statt. Aber es ist nicht so, dass wir Weihnachten zusammenfeiern.

Im aktuellen Tatort war ich begeistert von der Leiche. Man hatte das Gefühl, dass der Mann in einer sehr unbequemen Lage viel länger gezeigt wurde als Leichen normalerweise.

Mommsen: Der war spitze. Vielleicht hat er so gut durchgehalten, weil er selbst vom Film kommt und als Kameramann arbeitet.

Postel: Leiche ist sowieso das Furchtbarste.

Haben Sie schon mal eine gespielt?

Postel: Nein. Die Leute fragen ja immer: Kann ich nicht mal beim Tatort die Leiche spielen? Die wissen überhaupt nicht, was da los ist. Es ist immer ungemütlich und kalt. Und wenn man ganz viel Pech hat, landet man im Schubfach der Pathologie.

Mommsen: Bei ihm war aber auch noch die Maske spitzenmäßig. An einem meiner ersten Tagen beim Dreh dieses Tatorts gehe ich Mittagessen, bin an der Ausgabe, drehe mich um und kriege einen Schreck. Da stand er mit dem Loch im Kopf. Das ist der große Unterschied zum wahren Leben, wir können mit der Leiche Kaffee trinken.

Postel: Ich kann mich noch erinnern, da hatten wir den Fall eines Täters, der nach einem Dürer-Bild Ritualmorde vollzieht. Und einer der Toten war mit einem Schwert durchbohrt worden. Wie man das immer macht mit Komparsen und Nebendarstellern, hatten die den Stunden zu früh bestellt, um ihn richtig zu präparieren. Vorne und hinten guckte dieses Schwert aus ihm raus, mit ganz viel Blut. Jetzt kam der aber nicht dran und musste stundenlang warten. Der konnte nicht sitzen, nicht liegen, gar nichts. Er ging dann in seiner Verzweiflung in Worpswede spazieren. Da fuhr ein Lieferauto an ihm vorbei, der Fahrer guckte, guckte nochmal und fuhr in den Graben.

Sie haben den Bremer Tatort verpasst? Hier können Sie den Krimi anschauen.

zij/news.de

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