«The Voice Of Germany» «Grammy-würdig» ist für Xavier Naidoo nicht genug

The Voice (Foto)
Im Halbfinale von The Voice Xavier Naidoo Mic Donet nach Hause. Bild: dapd

Von news.de-Redakteur Cord Krüger
Im Halbfinale von The Voice schrumpfte das Feld der Kandidaten auf vier. Bei drei Finalisten waren sich Publikum und Juroren einig. Beim letzten Duell fällte Xavier Naidoo eine einsame Entscheidung - und schickte den besten Komponisten nach Hause. Das könnte sich rächen.

Wäre zu Beginn der Sat1-Sendung ein Sparschwein aufgestellt worden, in das hätte einzahlen müssen, wer Anglizismen beziehungsweise die Worte «hammermäßig» oder «geil» gebrauchte: die europäische Schuldenkrise wäre an einem Abend vom Tisch gewesen. Wer den Schock des derben Vokabulars einmal überwunden hatte, erlebte danach ein äußerst unterhaltsames Halbfinale von «The Voice of f*cking Germany» (Rea Garvey) mit lauter Eigenkompositionen.

Wobei Halbfinale nicht ganz den Kern der Sache trifft. Da jeweils die letzten beiden verbliebenen Kandidaten der vier künstlerischen Paten gegeneinander antraten und diese Duelle hintereinander abgehandelt wurden, bestand die Sendung mit Prinzip aus vier kleinen Finalen in Reihe.

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Auch das Abstimmungs- und Entscheidungsprozedere erwies sich als knifflig. The Voice of Germany rühmt sich nicht nur der kompetentesten Sänger aller vergleichbaren Formate im deutschen Fernsehen, sondern auch der kompliziertesten Regeln. Die Sendung ist für Castingshows, was Cricket für Sportarten ist. Die Urteile des Paten und des Publikums, die jeweils einhundert Prozent zu vergeben hatten, wurden addiert. Downloads der gesungenen Lieder zählen je zwei Stimmen für die spätere Finalsendung. So weit, so verzwickt.

Tingeltangel-Bob steht im Finale

Den Anfang machten die von Nena betreuten Kandidaten Kim Sanders und Sharron Levy. Erstere sang eine Art Musicalballade, zweitere eine Achtzigerjahre-Gitarrenpopnummer. Beide wirkten dabei professionell an der Grenze zur Langeweile. Nena mochte sich da nicht entscheiden, wie sie überhaupt ihre Rolle als Jurorin eher eigenwillig, nämlich vollkommen konflikt- und wertungsunwillig, interpretierte. Also entschied das Publikum: Kim Sanders steht im Finale.

Rea Garveys Protegés Michael Schulte und Jasmin Graf gaben Gitarrenpop und eine deutsche Ballade zum Besten. Xavier Naidoo kritisierte zutreffend, Jasmins Interpretation habe zu nah am Schlager und nicht nah genug am Soul gelegen. Die Zuschauer sahen das ähnlich: Michael, den The BossHoss wegen seiner Locken liebevoll als Simpsons-Figur Tingeltangel-Bob verulkten, kam weiter.

Mic Donet «Grammy-würdig»

Bei den verbliebenen zwei Kandidaten von The BossHoss handelte es sich um Nordlicht Ole und Ivy Quainoo. In seinem Lied Butterfly reimte Ole enthusiastisch Mumpitz von ergreifender Schlichtheit: «Wir fliegen sky-high / du bis mein Butterfly.» Ivy intonierte eine Art James-Bond-Titellied in der Tradition Shirley Basseys. Was ihr dabei an Maßlosigkeit abging, machte sie mit genau jener Unbeschwertheit wett, mit der es eine gewisse Lena Meyer-Landrut bis zum Gewinn des Eurovision Song Contest gebracht hat. The BossHoss sahen Ivy mit 60 zu 40 Prozent vorn. Das Publikum gaben Ivy sogar zu 77 Prozent den Vorzug.

Im Team von Xavier Naidoo deutete zunächst alles auf eine ähnlich klare Entscheidung hin. Max Giesinger rockte sich kompetent durch eine Powerballade. Dann kam Mic Donet und legte mit Losing You einen selbstgeschriebenen Soultitel vor, der das Formatradioniveau der anderen uraufgeführten Lieder des Abends kompositorisch turmhoch überragte.

Xavier Naidoo raunte, Mic habe ein komplettes Album dieser Güte in der Schublade: «Eines der besten Alben, die ich in den vergangenen zehn Jahren gehört habe - keine Scheiße.» In Xavier Naidoos Augen «Grammy-würdig». Beim anschließenden Battle zu Bitter Sweet Symphony von The Verve sang Mic Max glatt an die Wand. Mic Donet sollte also weiterkommen - oder etwa nicht?

Xavier Naidoos einsame Entscheidung

Nein, denn als man das Kapitel Halbfinale schon schließen wollte, fällte der Juror eine kurios anmutende und, wie sich zeigen sollte, einsame Entscheidung: Xavier Naidoo stimmte mit 65 Prozent für Max, weil dieser überzeugender und obendrein auf Deutsch gesungen hätte. Die Zuschauer sahen mit 56 Prozent Mic vorn, wurden aber überstimmt. Die «Cricket»-Regeln machten es möglich. Im Finale stehen damit Kim Sanders, Michael Schulte, Ivy Quainoo und Max Giesinger.

Was bleibt? Stefan Raab wird vermutlich gerade mit den ARD-Oberen verhandeln, ob er Mic Donet noch schnell für Unser Star für Baku nachnominieren kann. Und ganz Fernsehdeutschland darf sich fragen, ob die notorische Erfolglosigkeit der meisten Castingshow-Gewinner nicht vielleicht auch damit zusammenhängt, dass man die formatradiotauglichen Sänger stets den Grammy-würdigen Komponisten vorzieht. Ein Sparschwein für derartige Fehlentscheidungen täte auch mal Not.

/news.de

Leserkommentare (49) Jetzt Artikel kommentieren
  • GermanRhymes.de
  • Kommentar 49
  • 13.06.2012 15:17

Mic Donet erzählt im Videointerview seine ganze Geschichte, mit allen Ups & Downs: http://www.germanrhymes.de/interview-mit-mic-donet-medusa-vision/

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  • Jonathan Gangman
  • Kommentar 48
  • 07.02.2012 13:06

Xavier Naidoo hat recht. Mic hat fast alles erreicht mit sein Mega-Album. Hier geht es um „The Voice“, für Deutschland und Authentizität spielt hier ein große Rolle. Mic hat in sein Rede betonend, es ginge ihn um ein Produzent für sein Album zu finden und Xavier hat ihn die Chance gegeben sein Ziel zu erreichen. Es ist unfair Xavier Naidoo gegen über Geldgeier vorzuwerfen. Mike hat auch ein Chance verdient, oder?

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  • Michael D.
  • Kommentar 47
  • 06.02.2012 21:58

Ich habe alle Kandidaten nüchtern betrachtet und muss feststellen, dass der mit Abstand beste Sänger/Komponist rausgewählt wurde. Das ist und bleibt völlig unverständlich, gerade nach Naidoos Lobeshymnen. Das ist nahe am Skandal.

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