Suizid-Drama Die Ohnmacht der Hinterbliebenen

Der letzte schöne Tag (Foto)
Lars (Wotan Wilke Möhring), Maike (Matilda Merkel) und Piet (Nick Julius Schuck) müssen den Selbstmord von Sybille verkraften. Bild: WDR/Willi Weber

Von Axel Schock
Sybille ist depressiv und nimmt sich das Leben. Ihre Familie muss mit dem Verlust klarkommen. Wotan Wilke Möhring spielt die Hauptrolle in Der letzte schöne Tag. Ein tieftrauriges und doch hoffnungsfrohes TV-Drama.

Es sind ganz alltägliche Telefonate, die Sybille (Julia Koschitz) mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern führt - ein bisschen Familienorganisation, ein wenig Small Talk am Nachmittag. Nichts, was hätte sonderbar erscheinen müssen. Erst später wird allen klar: Sybille wollte bei diesen kurzen Gesprächen noch ein letztes Mal die Stimmen ihrer Lieben hören, bevor sie ihrem Leben ein Ende setzt. Depressionen, die die Anästhesistin gegenüber ihren Arbeitskollegen in der Klinik ebenso verheimlichte wie vor den meisten Freunden, hatten ihr die Kraft zum Weiterleben genommen.

Wie die Hinterbliebenen mit einer solchen Situation umgehen, davon erzählt der Fernsehfilm Der letzte schöne Tag auf unaufgeregte und daher umso berührendere Weise. Die Drehbuchautorin und Grimme-Preisträgerin Dorothee Schön (Frau Böhm sagt Nein) hat darauf verzichtet, eigens eine Geschichte mit dramatischen Wendungen zu konstruieren. Vielmehr verfolgt der Film unter der Regie von Johannes Fabrick (Tödlicher Rausch), wie der Todesfall den Alltag der trauernden Familie in den ersten Stunden und Tagen ändert. Da gilt es einen Spruch für die Todesanzeige und eine Grabstelle zu finden.

«Der letzte schöne Tag»
Das Leben muss weitergehen

Die eilig angereisten Eltern erweisen sich für den überforderten Ehemann Lars (Wotan Wilke Möhring) weniger als Hilfe denn als zusätzliche Belastung in dieser ohnehin schon schwierigen Situation. Für ihn bleibt weder Zeit, diesen Zusammenbruch seines bisherigen Lebens zu begreifen, noch dafür, seine Gefühle zu ordnen.

Alle 45 Minuten bringt sich jemand um

Auch seine Kinder sind auf ihre Weise überfordert. Dem siebenjährigen Piet (Nick Julius Schuck) hat man bislang verschwiegen, wie seine Mutter tatsächlich ums Leben kam. Beim Leichenschmaus nach der Beisetzung wird er ungewollt Zeuge, wie Trauergäste taktlos über die Rücksichtslosigkeit von Selbstmördern tuscheln. Piets ältere Schwester Maike (Matilda Merkel) hingegen weiß nicht, wie sie mit der Wut auf ihre Mutter und mit ihren eigenen Schuldgefühlen umgehen soll. Auch quält sie, dass ihr Vater vielleicht ein Verhältnis mit der fürsorglichen Nachbarin haben könnte.

Alle 45 Minuten nimmt sich in Deutschland jemand das Leben, alle fünf Minuten versucht es einer - so wie kürzlich der Schiedsrichter Baback Rafati, der unter Leistungsdruck und Versagensangst litt. «Zu den Vorwürfen, die sich die Hinterbliebenen machen, kommen noch die sehr subtilen Schuldzuweisungen ihrer Umwelt. Damit ist man oft allein», sagt Drehbuchautorin Schön, die auf diese Weise Mutter und Schwester verloren hat und hofft, dass der Film «für die Konsequenzen sensibilisiert» und «das offene Gespräch darüber ermöglicht».

Es sind oft nur kurze Dialoge, die in Schönes scharf beobachteten und prägnant geschriebenen Szenen auf eindrückliche Weise die Ohnmacht, Hilflosigkeit und Verzweiflung der Figuren zum Ausdruck bringen. Diese Wahrhaftigkeit ist es denn auch, die den Zuschauer bis ins Innerste berührt. Was die beiden Kinderdarsteller hier leisten, ist nicht nur bemerkenswert, sondern herausragend. Wotan Wilke Möhring wiederum spielt die Anspannung, die wachsende Last und zuletzt die seelische Überbelastung mit einer ergreifenden Intensität und trägt damit einen entscheidenden Beitrag zu diesem stimmigen wie gelungenen Drama bei.

Titel: Der letzte schöne Tag
Regie: Johannes Fabrick
Darsteller: Wotan Wilke Möhring, Julia Koschitz, Matilda Merkel, Nick Julius Schuck, Lavinia Wilson
Sendetermin: Mittwoch, 18. Januar 2012, 20.15 Uhr, Das Erste

car/zij/news.de/dapd

Leserkommentare (57) Jetzt Artikel kommentieren
  • Suse
  • Kommentar 57
  • 26.06.2013 21:59

Schöner Film, nun habe ich auch den Mut, es zu tun.

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  • Dexter
  • Kommentar 56
  • 04.08.2012 21:43

Ich finde es ist ein gutes Thema und ich kann den Film gut nachvollziehen. Ich leite selbst unter starken Depressionen. Das zeigt mir dann, wie sinnlos das Leben ist. Allerdings hat man Verantwortung, wenn man Kinder hat und DARF dann so eine Entscheidung nicht treffen! Wenn man aus dem Leben geht, muss man auch immer an die Menschen denken, die man zurück lässt. Trotzdem sind Depressionen etwas grauenvolles, die das Leben tatsächlich unerträglich machen und man fragt Gott, warum er einem dieses Leiden antut. Es gibt keine Antwort!

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  • Babsi
  • Kommentar 55
  • 01.05.2012 15:46
Antwort auf Kommentar 52

Die Gesellschaft war schon IMMER verlogen, denken Sie nur an den "Kupplungsparagraph", was sollman anderes erwarten, seit Anbeginn der Zeit ist "die Gesellschaft" verlogen und darauf aus, das Individuum zu brechen und zu unterjochen, auf dass man ein 2funktionierendes" Teil ist, nur besonders starke Menschen halten den dauernden Kampf aus oder gewinnen die Selbständigkeit.

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