«Nanga Parbat» im TV Die tödliche Expedition der Messner-Brüder

Nanga Parbat (Foto)
Reinhold Messner (Florian Stetter, links) und sein Bruder Günther (Andreas Tobias) haben den Nanga Parbat bezwungen. Bild: ARD Degeto

Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Der Nanga Parbat ist einer der gefährlichsten und faszinierendsten Berge im Himalaya. Die Brüder Reinhold und Günther Messner bezwangen ihn, aber nur einer kam lebend zurück. Was passiert sein könnte, erzählt der Film von Joseph Vilsmaier.

Die erste Himalaya-Expedition der Messners sollte für Reinhold nicht nur den entscheidenden ersten Höhepunkt einer beispiellosen Bergsteigerkarriere markieren: Sie war zugleich auch ihr bitterster Tiefpunkt. Gemeinsam mit seinem Bruder Günther bezwang er die Rupalwand und schließlich den Gipfel des 8125 Meter hohen Nanga Parbat (was so viel bedeutet wie «nackter Berg»). Aber wie so oft bei Bergsteigergeschichten lagen auch hier Triumph und Tragödie eng beisammen.

Die beiden Brüder haben den Gipfel im Sommer 1970 wohl gemeinsam erreicht. Eigentlich hätte Günther nicht mit aufsteigen, sondern nur den Rückweg sichern sollen. Aber er folgte dem älteren Bruder - ohne Ausrüstung und Proviant. Sechs Tage später kehrte Reinhold allein ins Tal zurück - und muss fortan mit dem Vorwurf leben, Günther im Stich gelassen zu haben.

«Nanga Parbat »
Der Schicksalsberg der Messners

Ein Film und ein jahrzehntealter Streit

Regisseur Joseph Vilsmaier hat aus diesem Drama einen Film gemacht, der im Januar 2010 in die Kinos kam und jetzt erstmals im Free-TV zu sehen ist. Damals wurde er reißerisch angekündigt: «Zwei Brüder. Ein Berg. Ihr Schicksal.» Das ließ einiges erwarten, denn das Schicksal am Berg, das mit viel Aufwand und an den Originalschauplätzen rund um den berüchtigten Nanga Parbat inszeniert wurde, hat seit der tragischen Expedition von 1970 Medien und Öffentlichkeit immer wieder beschäftigt.

Reinhold Messner, der im Laufe seiner Bergsteigerkarriere alle 14 Achttausender der Welt bezwang, hat immer wieder beteuert, Günther sei nach der Gipfelerklimmung höhenkrank geworden, weswegen die Brüder einen anderen, vermeintlich leichteren Abstieg wählen mussten. Dort sei Günther, der seinem Bruder wie stets hinterherlief, von einer Lawine erfasst und getötet worden. Diese Version bestätigen erst nach 25 Jahren die 2005 an der Diamirwand gefundenen Überreste von Günther. «Für mich ist die Sache nach dem Fund meines Bruders 2005 abgeschlossen», sagte Messner 2010 im Interview mit news.de. Eine Rechtfertigung sei nicht mehr notwendig.

Vilsmaier erzählt das Bergdrama aus zwei Perspektiven: Die eine gehört Reinhold Messner (dargestellt von Florian Stetter), der den Film angeregt und an der Realisierung beteiligt war, die andere dem deutschen Arzt und Expeditionsleiter Karl Maria Herrligkoffer (1916-1991), den der genial spielende Karl Markovics als steifen Altnazi mit Hang zum frakturdeutschen Schwadronieren gibt. Besessen rekrutiert er eine «schlagkräftige Mannschaft» und plant «den Angriff auf den Berg». «Reinhold», fleht er Messner an, «die Wand muss fallen». Bis ins Absurde ist diese Rolle aufgebläht; besonders deutlich wird das in jenen Szenen, in denen Herrligkoffer seiner Sekretärin (Jule Ronstedt) in einem Zelt im Basislager seine Sicht der Geschehnisse diktiert, ganz so, als würde er viel lieber im Führerbunker sitzen.

Die Darstellung Herrligkoffers brachte seinen Sohn Klaus auf die Barrikaden. Er sah das Andenken seines Vaters verunglimpft: «Ich erkenne meinen Vater nicht wieder», sagte Klaus Herrligkoffer, als der Film vor zwei Jahren in den Kinos startete, und sprach von einer «schweren Ehrverletzung eines Toten». Gleich nach der Katastrophe hatte Messner Herrligkoffer wegen fahrlässiger Tötung und unterlassener Hilfeleistung angezeigt - doch die Staatsanwaltschaft München I stellte das Verfahren ein. «Demnach steht fest, dass die Beschuldigten unter keinem rechtlichen Gesichtspunkt für den Tod Günther Messners verantwortlich sind», heißt es in dem Beschluss vom 14. März 1972.

Das wird im Film nicht thematisiert, gleichwohl kommt subtil der Vorwurf durch, Herrligkoffer habe die Brüder aufgegeben, statt sie zu suchen. Während Günther tot im Lawinenfeld liegt und Reinhold knapp dem Tod entronnen von Einheimischen versorgt wird, feiert Herrligkoffer im Film den Gipfelsieg von Felix Kuen und Peter Scholz - ohne Anstalten zu machen, nach den Vermissten zu forschen. Dabei ergaben die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft vor fast 40 Jahren, dass Herrligkoffer unter anderem einen Boten zur pakistanischen Distriktbehörde schickte, um eine Suche im Diamirtal zu veranlassen.

Die Wahrheit bleibt ein Geheimnis

Den Berg setzt Vilsmaier bildgewaltig in Szene, was natürlich im Kino eindrucksvoller wirkt als zu Hause am Fernsehbildschirm. Hier zeigt sich der gelernte Kameramann. Bis zu einer Höhe von 7100 Metern wurde gefilmt, um spektakuläre Aufnahmen zu gewährleisten. Oft hatte Vilsmaier die Kamera selbst in der Hand. Er lässt sie die Rupalwand des Nanga Parbat hoch klettern, ganz unten im Tal beginnend und langsam durch Fels und Eis immer weiter nach oben steigend, 4500 Meter überwindend und erst in einer Höhe endend, in der für gewöhnlich Passagierflugzeuge verkehren.

In diesem Moment wird auch jedem Nichtalpinisten klar, dass dieser vertikale Superlativ, die höchste Felswand der Erde, eine ganz besondere Anziehungskraft und Ästhetik besitzt. 1978 wird Reinhold Messner den Nanga Parbat ganz alleine, ohne Sauerstoffflasche und Höhenlager erneut besteigen.

Inzwischen ist Messner 67 Jahre alt und lässt andere auf Berge steigen. Er wolle künftig Filme machen, wie er im Gespräch mit news.de sagte. Ob er und Vilsmaier im Film Nanga Parbat tatsächlich die Wahrheit über die Bergtour von 1970 erzählen, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben. Wenigstens ermöglicht der Streifen dem Zuschauer einen Blick in das Gefühlsleben von Menschen, die für die «Eroberung des Nutzlosen» ihr Leben aufs Spiel setzen.

Titel: Nanga Parbat
Regie: Joseph Vilsmaier
Darsteller: Florian Stetter, Andreas Tobias, Karl Markovics, Volker Bruch, Florian Brückner, Jule Ronstedt, Steffen Schroeder
Sendetermin: Mittwoch, 4. Januar 2012, 21.45 Uhr, Das Erste

boi/news.de

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