Gestern Abend im TV Mario Adorf ist kein Urlauber

Mario Adorf spielte in Die lange Welle hinterm Kiel einen Tschechen, der im zweiten Weltkrieg Sudetendeutsche liquidieren ließ. Mit news.de spricht der Schauspieler über die Schuld seiner Generation - und verrät, warum er nicht gerne Urlaub macht.

Mario Adorf (Foto)
Mario Adorf als Martin Burian in Die lange Welle hinterm Kiel. Bild: ARD Degeto/Mona Film/Stefan Haring

In Die lange Welle hinterm Kiel sagt Christiane Hörbiger als Margarete Kämmerer zu Ihnen als Martin Burian: «Uns versteht keiner mehr». Haben Sie persönlich auch manchmal dieses Gefühl?

Mario Adorf: Nein, gar nicht. Ich sage auch nicht, ich verstehe die Jugend nicht mehr, oder: Früher war alles besser.

Die zentralen Themen des Films (den das Erste gestern Abend ausstrahlte) sind die Schuld, die sich der Tscheche Martin Burian im Zweiten Weltkrieg aufgeladen hat, die späte Sühne und eine mögliche Vergebung. Sind Sie ein versöhnter Mensch?

«Die lange Welle hinterm Kiel»: Reise auf dem Anti-Traumschiff
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Adorf: Ja, denn ich bin kein verletzter Mensch. Die einzige Wunde, die in meiner Generation lange da war, war die Ent-Täuschung nach dem Krieg. Man bekam die Augen geöffnet, was wirklich passiert ist. Heute wird leichtfertig gesagt: «Das hätte man alles wissen müssen.» Zumindest wir als Jugendliche haben es nicht gewusst. Ich sehe ein, dass es viele gab, die weggeguckt haben, wenn es um die Judenverfolgung ging. Deshalb waren die Probleme meiner Generation nach dem Krieg die Erkenntnis und das Schuldgefühl. Von einer Kollektivschuld zu sprechen, finde ich nicht richtig. Auch «Vergangenheitsbewältigung» ist für mich ein Unwort. Man kann Dinge nur in der Gegenwart bewältigen, nicht die Vergangenheit an sich. Wenn sie einmal passiert sind, kann man bereuen, vielleicht gut machen oder aber, leider, verdrängen oder sogar leugnen. Und man kann heute verlangen, aber schwerlich erwarten, dass junge Menschen eine Kollektivschuld anerkennen.

Die Sudetendeutsche Margarete Kämmerer erkennt auf dem Kreuzfahrtschiff Martin Burian als den Mann, der am Ende des Krieges Sudetendeutsche erschießen ließ. Harter Tobak. Welche Botschaft hat der Film?

Adorf: Es ist kein politischer Film. Er hat zwar ein nicht unpolitisches Thema, aber die Auseinandersetzung damit ist eine rein menschliche und persönliche. Nicht nur die beiden Alten haben Probleme. Der Enkel hat einen Freund verloren, die Schwiegertochter denkt an Selbstmord, weil sie kein Kind mehr bekommen kann. Der Burian, den ich spiele, sieht, dass sein Leben aufs Ende zugeht. Auch ein Grund, warum er sich nicht mehr streiten möchte.

Ihre Schwiegertochter im Film wird von Veronica Ferres gespielt. Sie haben erst kürzlich bei Das Geheimnis der Wale zusammengearbeitet. Ist das Zufall oder werden Sie als Dreamteam besetzt?

Adorf: Bei den Walen hatte Veronica die Idee, dass ich ihren Vater spiele. Hier war es nun ein schöner Zufall. Aber der Film bot mir auch Möglichkeit einer ersten Zusammenarbeit mit Christiane Hörbiger.

Die lange Welle hinterm Kiel heißt auch das Buch von Pavel Kohout, das als Grundlage für den Film diente. Kannten Sie den Schriftsteller vorher?

Adorf: Ich kenne und schätze ihn als Autor und Dramatiker. Er war eine wichtige Stimme des Prager Frühlings.

Sein Thema ist die Vertreibung der Sudetendeutschen durch die Tschechen. Warum hört man sonst so wenig darüber?

Adorf: Weil es kein ganzes Volk betrifft. Wenn es ganz Deutschland oder ganz Tschechien beträfe, würde vielleicht mehr darüber gesagt und getan. Die Tschechen-Sudetendeutschen-Frage ist eine offen gebliebene Wunde. Ein Problem, das man hätte lösen müssen. Aber das ist natürlich leicht gesagt, wenn man nicht betroffen ist. Ich finde, dass wir in einer Welt leben, wo Ansprüche auf Land und Eigentum nicht mehr glaubhaft durchgehalten werden können. Die Welt ist zu klein geworden und wird immer kleiner, weil es immer mehr Menschen gibt. Die Scholle verteidigen bis zum Gehtnichtmehr ist nicht mehr möglich. Deswegen muss man Verständnis zeigen, verzeihen und vergessen können.

Haben Sie ein unproblematisches Verhältnis zum Begriff Heimat?

Adorf: Ich denke, der Mensch hat nur eine Heimat. Manche haben vielleicht zwei. Meine zweite wäre Italien gewesen. Ich habe diese Heimat gesucht, aber in vielen Jahren nicht gefunden. Deshalb ist für mich meine Heimat, wo ich herkomme. Aber ich stelle keine Forderung auf ein Recht auf diese Heimat.

Warum ist Italien für Sie nicht die ersehnte Heimat?

Adorf: Das hat viele Gründe. Erst einmal wollte ich mich assimilieren. Ich war Halbitaliener und dachte mir, ich werde auch ein ganzer sein können, wenn ich dort lebe. Dort ist mir klar geworden, wie sehr ich ein Deutscher war. Ich habe gemerkt, dass alle Dinge, die ich an Italien gesucht, bewundert und geliebt habe, eigentlich schon immer eine Suche der Deutschen sind. Die Deutschen lieben Italien, die Sonne, das Essen, die Landschaft. Vor allem die Kunst. Die Deutschen wollen sich Italien sozusagen einverleiben, die Italiener haben Italien intus, sie müssen es nicht suchen. Der deutsche Reisende weiß meistens viel mehr über Italien als die Einheimischen. Wer was wann gebaut oder gemalt hat. Für den Italiener ist das alles seins. So wie die Franzosen kaum jemals auf den Eiffelturm steigen, empfindet der Italiener kaum die Verpflichtung, sich von der Kuppel des Petersdoms Rom anzueigenen. Diese typisch deutsche Reise- und Bildungslust nach Italien habe ich auch bei mir festgestellt. Daher wurde meine echte Identifikation mit Italien und dem Italiener immer unmöglicher.

Die Kulisse von Die lange Welle hinterm Kiel ist ein Kreuzfahrtschiff. Ist das eine Urlaubsform, die sie selbst schätzen?

Adorf: Überhaupt nicht. Ich habe noch nie eine Reise auf einem Kreuzfahrtschiff gemacht. Das habe ich nie gewollt. Ich bin Wolfgang Rademann, dem Produzenten des Traumschiffs, mal auf Mauritius begegnet. Er war auf Motivsuche und hat mir eine Rolle angeboten. Da habe ich ihm scherzhaft geantwortet: «Du siehst: Ich kann meine Reisen selbst bezahlen.»

Welche Form von Urlaub bevorzugen Sie?

Adorf: Ich habe zwar auch ein paar Urlaubsreisen gemacht, aber das war für mich nicht wichtig. Ich bin kein Tourist, ich war nie einer und wollte nie einer sein. Ich halte einen gewissen Tourismus für gefährlich, denn er hatte zur Folge, dass ganze Landstriche in der Welt kaputt gebaut wurden. Das finde ich furchtbar. Nehmen Sie die Kanarischen Inseln, ganze Teile der Küsten Spaniens, was da alles passiert ist. Mir wäre ein Tourismus ohne Landnahme lieber gewesen. So wie heute noch auf den Galapagos Inseln. Gucken bitte, bewundern genießen, lernen, aber nicht da bleiben, nicht aufkaufen. Solch touristische Neugier finde ich in Ordnung.

Dennoch sind Sie als Schauspieler auch viel unterwegs.

Adorf: Jedoch nicht als Tourist und ich habe immer das Privileg bewusst genossen, ein Land als Arbeitender kennenzulernen. Ich habe viele Länder kennengelernt, anders und besser als es ein Tourist kann. Ich habe zum Beispiel auf Kuba gedreht. Der Tourismus dort gibt ein völlig falsches und irreführendes Bild Kubas. Den Touristen fährt man in modernen Autobussen zu Luxushotels, reinen Stränden, zeigt ihm funktionierenden Sozialismus. Und es ist nichts davon wahr. Ich habe die Schattenseiten kennengelernt, und die gehören eben auch dazu, und erst zusammen mit der unbestrittenen Schönheit ergeben sie das wahre Bild von Kuba.

Dem Film zum Anschauen gibt es in der ARD-Mediathek, wo er noch sieben Tage abrufbar ist.

Mario Adorf (81) ist einer der profiliertesten deutschen Schauspieler. In mehr als 200 Filme hat der Sohn einer Deutschen und eines Italieners mitgespielt. Als Frauenmörder in Nachts, wenn der Teufel kam gelang ihm schon 1957 der Durchbruch. Die Blechtrommel, Die verlorene Ehre der Katharina Blum, Kir Royal, Rossini ... die Liste seiner Erfolge ist lang. Adorf ist Vater einer einer Tochter. Stella Adorf ist ebenfalls Schauspielerin. Er ist in zweiter Ehe verheiratet und lebt in Paris.

car/news.de

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Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Hans-Werner Demmerich
  • Kommentar 2
  • 05.01.2012 17:29

Zweifellos ist mit Mario Adorf diese Filmrolle am besten besetzt worden. Ich war vom Film und Mario Adorf sehr be- eindruckt.Das heikle Thema der Schuld der Sudetendeutschen oder Tschechen ist nach wie vor ein heißes Eisen und wurde von allen Schauspielern sehr gut dargestellt. Auch Frau Hörbiger verdient es, besonders gewürdigt zu werden. Die schriftstellerische Leistung von Herrn Kohut als Grundlage für den Film steht wohl außer Zweifel. So meine Einschätzung, die sicherlich viele Zuschauer mit mir teilen. MfG Hans-Werner Demmerich

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  • Libertad
  • Kommentar 1
  • 05.01.2012 17:23

Ich hatte mir diesen Film angesehen. Ein Märchen wie aus 1001 Nacht. Man weiß nicht ob man hinterher lachen oder weinen soll. Ich habe die Stasileute, welche meiner Familie großen Schaden zufügten getroffen. Aus mit der Maus. Mehr will ich nicht sagen. Das solche Leute hier wieder an der Regierung sind, gibt zu denken. Richtig ist , das man soetwas selber regeln und nicht den Kindern überlassen sollte. Ich weiß, der Vergleich hinkt etwas. Wirklich?

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