«Der Chinese» im Ersten Silvesterrakete geht der Treibstoff aus

Suzanne von Borsody (Foto)
Brigitta (Suzanne von Borsody) macht eine Entdeckung. Bild: ARD

Von news.de-Redakteur Cord Krüger
Die Henning-Mankell-Verfilmung Der Chinese geht ab wie eine Rakete. Ein Massaker in Schweden führt Suzanne von Borsody bis ins ferne Asien. Ein dunkles Familiengeheimnis gibt's obendrein. Dennoch hat der Fernsehkrimi ein gewaltiges Problem.

Es ist selten ein gutes Zeichen, wenn sich ein Sender entschließt, einen Zweiteiler in einem Rutsch auszustrahlen. Für großes Vertrauen in den Film und seine Aussichten beim Publikum spricht es jedenfalls nicht, schon gar nicht, wenn ein so großer Name im Spiel ist wie im Fall des Chinesen: Henning Mankell.

Bei der Verfilmung des gloablisierungskritischen Erfolgsromans des schwedischen Krimiautors wurden weder Kosten noch Mühen gescheut. Gedreht wurde unter anderem in Taiwan und den Filmehemann von Suzanne von Borsodys Hauptfigur spielt kein geringerer als Michael Nyqvist, bekannt aus der Adaption von Stieg Larssons Millenium-Trilogie und als Tom Cruise' Gegenspieler im jüngsten Teil von Mission: Impossible. Das Potenzial zum TV-Ereignis hat Der Chinese. Was also ist schiefgelaufen?

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Furioser Auftakt

Zunächst überhaupt nichts. Im Gegenteil. Mankell-typisch bricht zu Beginn der Geschichte die Hölle über ein schwedisches Idyll herein. Geradezu bestialisch hat ein Mörder in dem Weiler Hesjövallen gewütet. Fast das ganze Örtchen fällt dem Massaker zum Opfer, auch die Eltern von Brigitta Roslin (Suzanne von Borsody), Richterin im fernen Helsingborg.

Weil die zuständige Polizei nicht recht in die Pötte kommt, nimmt sie eigene Ermittlungen auf, stößt auf ein ähnliches Verbrechen in den USA und eine Spur, die nach China führt. Der Schlüssel zur Lösung jedoch verbirgt sich ganz woanders, nämlich in der Vergangenheit ihrer Familie.

Bestünde Der Chinese nur aus seiner ersten Hälfte, das Urteil fiele so schlicht wie eindeutig aus: ein super Film. Regisseur Peter Keglevic und Kameramann Alexander Fischerkoesen zaubern mal wunderbare, mal wunderbar schreckliche Bilder, trauen sich lange Fahrten und stimmungsvolles Licht. Die Geschichte ist spannend, man knobelt mit, bangt mit der Hauptfigur und gruselt sich in der düsteren Atmosphäre.

Kommissar Zufall ermittelt

Schließlich präsentiert der Film den Täter und sein Motiv. Prima, denkt man, was für ein schöner Fernsehabend, schaut auf die Uhr und merkt ungläubig: Da kommen ja noch anderthalb Stunden. Und es werden lange anderthalb Stunden. In ihnen reist Brigitta nach China, um den Mörder zu identifizieren und die Hintergründe aufzuklären. Leider kann sie vor Ort praktisch nichts unternehmen, allein schon wegen der Sprachbarriere, und ist ermittlungstechnisch zur Passivität verdammt. Nach dem Motto: Der Täter wird mir schon irgendwann über den Weg laufen.

Zudem kann Brigitta lediglich noch die gleichen Schlüsse ziehen, die der Zuschauer längst selbst gezogen hat. So werden die letzten 90 Minuten des Films zu einer haarsträubend langweiligen Angelegenheit. Brigitta wartet darauf, dass das Schicksal für sie das Verbrechen aufklärt, und das Publikum, dass der öde Spuk ein Ende hat.

Alles Pulver zu früh verschossen

Ähnlich wie jüngst bei der deutsch-englischen Koproduktion Laconia fallen einige befremdliche Schnitte und Einschübe auf, die offenbar dazu dienen sollen, die Handlung leichter verständlich zu machen. Als Brigitta beispielsweise Zeitungsmeldungen über ein ähnliches Massaker findet, illustriert der Film diese augenfällige Ähnlichkeit noch einmal mit Rückblenden zu den Tatorten in Hesjövallen. Solche irritierenden Dopplungen von Informationen gibt es zuhauf. Auch viele Hintergründe des Verbrechens werden dem Zuschauer sehr früh präsentiert und nehmen der zweiten Hälfte so noch die letzte Aussicht auf Spannung.

Vielleicht hätte eine geänderte Schnittfassung einen guten Zweiteiler ergeben. Bei der ARD entschied man sich hingegen für einen Dreistünder, der wie eine Rakete startet und dann zu Boden stürzt. Selbst kurz vor Silvester mag das nicht überzeugen.

Bestes Zitat: «Gib Schizophrenie und Psychose ein, Gewaltneigung, systematisch, grausam, Zerstückelung, Hieb- und Stichwaffen.» (Brigitta gibt ihrer Assistentin die Schlagworte an, mit denen Sie in der Datenbank nach weiteren Büchern von Henning Mankell ... pardon, nach weiteren Morden des Täters suchen soll.)

Titel: Der Chinese
Regie: Peter Keglevic
Darsteller: Suzanne von Borsody, Claudia Michelsen, Amy, J. Cheung, Michael Nyqvist
Sendetermin: Freitag, 30. Dezember 2011, 20.15 Uhr im Ersten

zij/news.de

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