«Landlust TV» Idylle mit Schönheitsfehlern

Landlust TV (Foto)
Die Gartenbau-Familie Beeker. Bild: NDR/Sabine Mierisch

Von news.de-Redakteur Konrad Rüdiger
Die heile Welt aus dem Öko-Katalog jetzt auch im TV: Mit dem Format Landlust TV will der NDR dem Tatort Konkurrenz machen. Doch der gesendete Manufactum-Katalog hat seine schizophrenen Momente und handwerkliche Fehler.

TV-Quoten

Es gibt eine stattliche Anzahl an Familienvätern und Müttern, die in Multifunktionsjacken gehüllt für das Beste für ihren Nachwuchs kämpfen. Viele dieser angestrengten Eltern wohnen ausgerechnet in Städten, wo es laut ist, dreckig und ruppig. Und diese Menschen machen höchstwahrscheinlich einen Gutteil der Leserschaft des Magazins Landlust aus, das seit nunmehr sechs Jahren mit dem Untertitel «Die schönen Seiten des Landlebens» für sich wirbt. Denn sie sehnen sich nach Idylle.

Die norddeutsche Version der Landlust gibt es nun zum Einschalten: Seit gestern hat das Magazin im NDR Fernsehen einen TV-Ableger, der ausgerechnet dem Tatort zur besten Sendezeit Konkurrenz machen will. Immer am ersten Sonntag des Monats liefert der Landwirtschaftsverlag Münster in Kooperation mit der Produktionsfirma Medienkontor einen Manufactumkatalog in Spielfilmlänge an.

Promis auf dem Land
Die Landlust der Stars

Da werden Bilderbuchfamilien gezeigt, wie sie Bilderbuchautoren nicht gezeichnet bekämen, wird zwischen die fraglos stimmigen Beiträge die ein oder andere menschelnde Sequenz nach RTL-Vorbild geschnitten, damit alles im kuscheligen familiären Bezugsrahmen bleibt. Dass alle gezeigten Familien gut situiert in Prachtbauten hausen, ist fast schon normal, man will ja den Stadtflüchtigen keine Armut zumuten. Dazu schwülstige Klaviermusik und fertig ist das anderthalbstündige Feelgood-Magazin mit viel Handgemachtem.

Schizophrenie in der Wohlfühl-Oase

Dass die Protagonisten auch Selbstdarsteller sind, die ihren Beruf zumeist in der Unser-Dorf-soll-schöner-werden-Industrie haben und teilweise in Ausübung ihrer Profession wie der Gartenplanung gezeigt werden, ist der Schleichwerbung wohl nicht genug verdächtig. Die einzelne gebürtige Ostdeutsche, die kurz für eine andere Klangfarbe sorgen durfte, war also bei weitem nicht der einzige schräge Ton in der sehr pittoresken Inszenierung.

Immerhin schaffte es der Sender, die Internetverweise auf die eigene Homepage am rechten und am unteren Bildrand gleichzeitig einzublenden, so dass nur noch die Mitte des Bildschirms, oben und links frei von www-Adressen blieben. Das Befremden wurde auch nicht kleiner, als erst eine Wildschafe haltende Familie gezeigt wurde («Fell und Fleich der Tiere werden nicht verwertet») und gleich im Anschluss das zugehörige Mufflon-Rezept. Auch Wohlfühloasen vertragen offensichtlich ein wenig Schizophrenie.

Zudem dauerte es enttäuschend lange, bevor erstmals die in Manufactum-Kundenkreisen unerlässliche Worthülse «Nachhaltigkeit» fiel. Handgestoppte 52 Minuten musste der geneigte Zuschauer warten, dann war es endlich soweit. Es gibt sie also noch, die guten Dinge.

Bestes Zitat: «Ist schon ganz schön gut...» Die kleine Emma Wulf übt mit teigverklebten Fingern norddeutschen Überschwang.

Die nächste Sendung läuft am 8. Januar 2012 im NDR Fernsehen.

mik/news.de

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