«Das dunkle Nest» Ein Priester unter Mordverdacht

Die zwölfjährige Ministrantin Lydia wird tot aufgefunden. Schnell sieht sich der örtliche Pfarrer Verdächtigungen ausgesetzt, hinter denen jedoch noch viel üblere Geheimnisse stecken. Das ZDF lüftet sie heute Abend im Krimi Das dunkle Nest.

Ob Riekofen oder Fritzlar - in den vergangenen Jahren haben zahlreiche Missbrauchsskandale die Institution der katholischen Kirche nachhaltig erschüttert. 2007 wurde bekannt, dass sich der Pfarrer der bayerischen Gemeinde Riekofen jahrelang an Ministranten vergriffen haben soll - wie schon in anderen Gemeinden zuvor. 2010 gestand ein Priester aus dem nordhessischen Fritzlar, hundertfach und ebenfalls über mehrere Jahre hinweg Kinder missbraucht zu haben.

Unfassbare Fälle, die durch den ZDF-Film Das dunkle Nest unweigerlich ins Gedächtnis gerufen werden. In einem kleinen Dorf in Bayern verschwindet die zwölfjährige Ministrantin Lydia (Chiara Feldberger), Enkelin des örtlichen Sägewerkbesitzers Pfänder (Peter Lerchbaumer), spurlos. Als sie im Wald tot aufgefunden wird, steht die Gemeinde unter Schock und findet schnell einen Verdächtigen: Der charismatische Jesuitenpriester Dr. Gabriel Reinberg (Christian Berkel) hatte Lydia am Abend zuvor noch Lateinunterricht gegeben. Sie galt als seine Lieblingsschülerin.

«Das dunkle Nest»: Christian Berkel zwischen Schuld und Unschuld
zurück Weiter «Das dunkle Nest» (Foto) Zur Fotostrecke Foto: ZDF/Caro von Saurma

Das Dorf verschwört sich gegen den Pfarrer, dem es Tage zuvor noch bei der Andacht an den Lippen hing. «Kinderficker» wird an sein Auto geschmiert, das wenig später in Flammen steht. Nur die ermittelnde Kommissarin Esther Fromm (Katharina Müller-Elmau) glaubt instinktiv nicht an die Schuld von Reinberg, den sie von früher kennt. Als Gefängnispsychologe betreute er einst Sexualstraftäter und Kindsmörder - und hat gerade jetzt mit einer fatalen Fehlentscheidung zu kämpfen. Nun soll er selbst eine Ministrantin getötet haben?

Berkel beeindruckt als Geistlicher unter Generalverdacht

«Die Dunkelheit ist ihnen gefolgt», sagt Fromm, als sie nach der Todesnachricht auf den Pfarrer trifft. Regisseurin Christina Hartmann und ihrem Kameramann Christof Wahl ist es gelungen, diese Dunkelheit in beklemmenden Bildern umzusetzen. Das namenlose Dorf, für das der Filmtitel spricht, zeigt sich meist in nächtlichem, nebelverhangenem Grau. Ein Schatten, der sich wie die sakral anmutende Filmmusik schon früh über den Ort legt und Unheil ankündigt, das weit über das des Mordes hinausgeht.

Davon hat das Drehbuch von Andreas Dirr reichlich zu bieten. Der Kindsmord zieht Themen wie Machtmissbrauch, Vertuschung, Selbstjustiz und Inzucht nach sich, die den Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft bald als Lügengerüst entlarven - zerfressen von Verdächtigungen, denen sich auch der Zuschauer nicht entziehen kann. Bis zum Ende rätselt er mit. Zu einfach wäre es, wie die Gemeinde den Pfarrer schuldig zu sprechen, wenn es auch nicht ganz auszuschließen ist. Die Erzählung bietet viele mögliche Täter und Motive und findet ein umso überraschenderes Ende, das noch schlimmer als jede anzunehmende Wahrheit ist.

TV-Quoten

Dabei beeindruckt Christian Berkel in der Rolle des vorverurteilten Priesters nachhaltig. Wie er als Psychologe mit bewegter Vorgeschichte sein Umfeld studiert, den Fragen der Kommissarin zuweilen fast süffisant begegnet und bei aller Souveränität zwischendurch doch kurz die Fassung, dabei aber nie an Sympathie verliert, ist bemerkenswert. Nicht minder überzeugt Katharina Müller-Elmau, die sich der Ignoranz des Dorfes und des eigenen Kollegen leidenschaftlich erwehrt, so erdrückend die Beweislast auch ist. Die Eltern des Opfers spielen Petra Schmidt-Schaller und Johann von Bülow mit gebührender Verzweiflung und zugleich beängstigender Undurchsichtigkeit.

Das bleibt auch der Krimi bis zum Schluss - beängstigend undurchsichtig. Der moralische Sumpf, den er hinterlässt, ist als Mahnung an jeden Einzelnen und die Kirche als Organisation zu verstehen, selbst wenn diese im Film hinter dem Pfarrer als Sündenbock verblasst. Denn am fatalen Generalverdacht gegen Reinberg ist sie nicht ganz unschuldig. Und am Schweigen derer, die aus Scham eine Lüge leben und schließlich vom Opfer zum Täter werden, noch viel weniger. Insofern hat der Filmpriester Recht, wenn er sagt: «Angst macht uns blind.» Vor allem die Angst, eigene Fehler zuzugeben.

Bestes Zitat: «Es ist niemand von uns. Keiner macht so was, keiner.» (Orgelspieler Daniel glaubt nicht an einen Schuldigen aus den eigenen Reihen.)

Titel: Das dunkle Nest
Regie: Christine Hartmann
Darsteller: Christian Berkel, Katharina Müller-Elmau, Petra Schmidt-Schaller, Peter Lerchbaumer, Johann von Bülow, Andreas Schmidt
Sendetermin: Montag, 28. November 2011, 20.15 Uhr, ZDF

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