Kein normaler Krimi Der «Tatort» und die Erbschuld der Deutschen

Tatort (Foto)
Aaron (Florian Bartholomäi) wollte am Tatort fegen, was ihm die Polizei verboten hat. Deswegen will er von der Empore springen. Bild: BR

Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Was für ein Eiertanz: Batic und Leitmayr müssen in ihrem 60. Fall einen Mord in der jüdischen Gemeinde aufklären. Dabei sitzt ihnen die «Erbschuld der Deutschen» im Nacken. Doch die Kommissare umgehen das Dilemma bayerisch unverkrampft.

«Vergessen Sie doch mal, dass Fränkel ein Jude ist, und behandeln Sie alle hier so, als wäre das ein ganz normaler Fall.» Der Rat der Justiziarin der jüdischen Gemeinde in München, Claudia Schwarz (Ulrike Knospe), gilt den beiden Kommissaren Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec), die einen Mord in der Synagoge aufklären müssen und sich gerade eine Rüge vom Oberstaatsanwalt eingehandelt haben.

«Zeigen Sie ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl», hatte dieser angemahnt und den Kommissaren die Titelseite einer Münchner Zeitung vorgelegt. Die berichtet reißerisch und mit großem Foto, wie Leitmayr und Batic einen strenggläubigen Juden (Alexander Beyer) nach einer Verfolgungsjagd festgenommen und sich geweigert haben, ihm die heruntergefallene Kippa zurückzugeben. Nun sollen sie sich bei der jüdischen Gemeinde entschuldigen, fordert der Oberstaatsanwalt, nicht ohne hinzuzufügen: «Sie wissen doch, wie die sind.»

Münchner «Tatort»
Ein ganz normaler Fall?

«Die Judenfrage besteht noch»

Ist dieser Münchner Tatort nun ein ganz normaler Fall? Und kann man diese Ermittlungen behandeln wie alle anderen auch? Ja, man kann, antwortet der Film und plädiert vor allem für eines: mehr Entspanntheit. Die fehlt den Kommissaren anfangs jedoch. Kaum betreten sie den Tatort, befinden sie sich auf ebenso fremdem wie sensiblem Terrain. An einer Wand in der Synagoge hängt der Spruch «Die Judenfrage besteht noch. Es wäre töricht, sie zu leugnen». Und entlang eines Ganges stehen die Namen der mehr als 4500 Münchner Juden, die während der Nazizeit umkamen, verfolgt und ermordet wurden.

Wie soll man den Nachfahren dieser Opfer gegenüber treten, ohne sich befangen zu fühlen? Eine Frage, in der die Handschrift von Drehbuchautor Daniel Wolf zu erkennen ist. «Wir wollen nicht millionenfach ermordet werden, aber auch nicht wie rohe Eier behandelt werden. Wir wollen - ehrlich gesagt - gar nicht behandelt werden, nicht gut, nicht schlecht und schon gar nicht ‹sonderbehandelt›. Wir wollen einfach nur ganz normale Bürger dieses Landes sein dürfen», sagt Wolf, der selbst zur jüdischen Gemeinde in München gehört.

Batic und Leitmayr werden im jüdischen Gemeindezentrum zu dem Toten geführt, der am Fuß einer Treppe in seinem Blut liegt. Rafael Berger heißt er. Todesursache: Genickbruch. Wurde er gestoßen? Und vor allem: Wer hat mit dem Blut des Toten das Wort «Moser» geschrieben und was bedeutet es?

Es gibt gleich mehrere Verdächtige: der bereits erwähnte Jonathan Fränkel, der die Leiche gefunden hat und dem wegen einer Räumungsklage Bergers das Wasser bis zum Hals steht. Aaron (Florian Bartholomäi), der geistig leicht zurückgebliebene Schützling des Rabbi, der sich an Rituale klammert und durchdreht, wenn seine Abläufe durcheinandergeraten. Der undurchsichtige Rabbi Grünberg (André Jung). Und schließlich der große Unbekannte, der die junge Leah Berger, Tochter des Toten, geschwängert und damit wohl in den Selbstmord getrieben hat.

Religionsunterricht im «Tatort»

Batic und Leitmayr, und mit ihnen auch die Zuschauer, lernen während der Ermittlungen manches über das Judentum, das über Shalom, Schläfenlocken und koscheres Essen hinausgeht: die tiefere Bedeutung des Tragens der Kippa etwa, die Batic anfangs wenig respektvoll als «Hüterl» bezeichnet, dann aber bereitwillig aufsetzt. Oder die Einhaltung des Shabbat, an dem ein strenggläubiger Jude nicht arbeiten und weder schwer tragen noch mehr als 2000 jüdische Ellen (etwa einen Kilometer) weit laufen soll - selbst wenn er auf der Flucht vor der Polizei ist, was von den beiden bayerischen Ermittlern schlicht als «praktische Weglaufsperre» aufgegriffen wird. Schließlich lernen sie auch, was «Moser» beziehungsweise «Din Moser» bedeutet: Laut dem Gesetz darf man einen Juden töten, wenn dieser im Begriff ist, einen anderen Juden zu verraten. Gilt dieses alte Gesetz heute noch?

Dem Tatort unter der Regie von Torsten C. Fischer merkt man das Streben nach politischer Korrektheit an. Das ist bisweilen anstrengend. Von der «Erbschuld der Deutschen aus dem Dritten Reich» und «stellvertretender Empörtheit» ist die Rede, mit der sich Juden in Deutschland oft schwertun. Die Justiziarin der jüdischen Gemeinde bringt es auf den Punkt. «Sie ahnen gar nicht, wie oft Unbeteiligte in unserem Namen empört sind», erklärt sie den beiden Kommissaren. Als ob irgendjemand einen Katholiken als einen «Menschen mit katholischen Wurzeln» nennen würde.

Das könnte Batic und Leitmayr nicht passieren. Letzterer geht das Problem bayerisch unverkrampft an, deutet einfach auf seine krumme Nase und behauptet, seine Großmutter habe Rebecca geheißen. Man hört ihn förmlich aufatmen, den Oberstaatsanwalt, der nun zufrieden damit ist, dass die Juden den Fall unter sich klären.

Bestes Zitat: «Sie ahnen gar nicht, wie oft Unbeteiligte in unserem Namen stellvertretend empört sind. Besonders Beamte, Politiker und Journalisten gerieren sich gerne als Gralshüter des Judentums. Sie glauben zu helfen. Aber letztendlich betreiben sie uns gegenüber auch nur eine andere Form der Entmündigung.» (Claudia Schwarz, Justiziarin der jüdischen Gemeinde, zu den Kommissaren)

Titel: Tatort - Ein ganz normaler Fall
Regie: Torsten C. Fischer
Darsteller: Udo Wachtveitl, Miroslav Nemec, Florian Bartholomäi, André Jung, Alexander Beyer, Annika Blendl, Jörg Hartmann
Sendetermin: Sonntag, 27. November 2011, 20.15 Uhr, Das Erste

phs/news.de/dpa

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Yaku
  • Kommentar 1
  • 27.11.2011 22:16

"Oder die Einhaltung des Shabbat, an dem ein strenggläubiger Jude nicht arbeiten und weder schwer tragen noch mehr als 2000 jüdische Ellen (etwa einen Kilometer) weit laufen soll." Das ist sowas von falsch, dass ich mich frage, wieso ein Buchautor selber Jude, soviele Fehler über einige Teile der jüdischen Religion einbauen kann. Das z.B. bezieht sich nur auf den Rand einer Stadt und nicht in der Stadt. Tragen darf man innerhalb von Räumen, aber nicht außerhalb. Leider hat man hier mehr Fehler gelernt als das was im Judentum wirklich richtig ist. Schade um die Zeit.

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