Frauenknast Hoheneck Das Trauma DDR-Haft

Es ist nicht vorbei (Foto)
Für Carola (Anja Kling) besteht überhaupt kein Zweifel: Wolfgang Limberg (Ulrich Noethen) ist der Arzt, der sie in ihrer Haftzeit mit Psychopharmaka ruhigstellte. Bild: SWR/Gordon Muehle

Von Axel Schock
Im Frauengefängnis Hoheneck hat die Stasi unzählige politische Häftlinge gequält. Auch Carola, die vollgepumpt wurde mit Psychopharmaka. Im TV-Film Es ist nicht vorbei wird sie gespielt von Anja Kling, die eines Tages ihrem Peiniger gegenübersteht.

Nur schemenhaft und für kurze Augenblicke blitzen die Erinnerungen auf - verschwommene Bilder aus einer Haftanstalt, dumpfe Schreie, hallendes Gebrüll vom Anstaltspersonal. Viele Jahre konnte die Klavierlehrerin Carola Weber (Anja Kling) diesen Teil ihrer Vergangenheit erfolgreich verdrängen. Nun bricht diese nie richtig verheilte seelische Wunde, ausgelöst durch die Begegnung mit einem ihrer früheren Peiniger, wieder auf und wirft ihr gegenwärtiges Leben aus der Bahn. Vor über 20 Jahren war sie als Republikflüchtling im DDR-Zuchthaus Hoheneck inhaftiert, mit Psychopharmaka zwangsbehandelt und misshandelt worden.

Selbst ihrem Ehemann (Tobias Oertel), Personalleiter einer Klinik, hat Carola nie davon erzählt. Dass ausgerechnet der von ihm neu eingestellte Arzt Dr. Limberg (Ulrich Noethen) ein Mediziner im Dienste der Stasi gewesen sein soll, wird schnell als paranoide Wahnvorstellung abgetan. Mit einem Mal steht nicht nur Carola Webers Geisteszustand zur Diskussion, sondern auch ihre langjährige Ehe auf dem Spiel. In bester Hitchock-Manier kämpft die Musikerin zunächst aussichtslos gegen die über Jahrzehnte hinweg funktionierenden Fallstricke eines perfiden Systems.

Anja Kling
Die mit dem Sexappeal

Es ist ein wenig bekannter Aspekt der DDR-Geschichte, an den Regisseurin Franziska Meletzky mit dem Fernsehfilm Es ist nicht vorbei erinnert. Die Geschichte der Carola Weber ist zwar fiktiv, ihr Häftlingsschicksal aber steht für zahlreiche ähnlich gelagerte Fälle, wie die Dokumentation Die Frauen von Hoheneck - Ein DDR-Gefängnis und seine Schatten in die Gegenwart mit erschütternden Details belegt. Sie wird im Anschluss an das Fernsehdrama ausgestrahlt.

Traumatische Erfahrungen mit lebenslangen Folgen

«Carolas fast pathologisch anmutende Suche nach dem Täter beziehungsweise nach dessen Entlarvung und das Unvermögen ihres westdeutschen Ehemanns damit umzugehen, waren mir besonders wichtig», erklärt Drehbuchautorin Kristin Derfler die Entscheidung, den Spielfilm aus der Perspektive von Carola Weber zu erzählen.

Mit Anja Kling als Darstellerin gelingt diese subjektiv zugespitzte und dadurch besonders stark emotionalisierte Sicht auf die Geschehnisse, die den Zuschauer nicht unberührt lässt. Je verzweifelter Carola Weber nach Beweisen für das ihr erlittene Unrecht sucht, um sich damit zugleich von dem Vorwurf der geistigen Verwirrtheit zu befreien, umso mehr nimmt der Film Züge eines Psychothrillers an.

Mag es an wenigen Stellen dramaturgisch etwas holpern, den positiven Gesamteindruck vermag dies nicht zu schmälern. Auf vielschichtige und nicht zuletzt auch darstellerisch überzeugende Weise diskutiert dieser Film die verschwimmenden Grenzen zwischen Opfer und Täter des DDR-Regimes wie auch die Rolle von Schuld und Sühne für jene, die mit den Wunden weiterleben müssen. So ist dieses authentisch konstruierte Drama nicht zuletzt auch ein Weg, jenen Frauen eine Stimme zu geben, denen in Gefängnissen wie Hoheneck Unrecht geschah. Die verantwortlichen Mediziner, das vermeldet der Abspann ganz lapidar, wurden für ihre Taten nämlich juristisch nie zur Verantwortung gezogen.

Der Film sorgt bereits vor seiner Ausstrahlung für Aufsehen: Denn laut Bild-Zeitung spielt ein echter Stasi-Spitzel den alten Stasi-Offizier, den Carola aufsucht. Es ist der Schauspieler Ernst-Georg Schwill, der sich 1964 als inoffizieller Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit verpflichtete. Es sei ein Skandal, dass die ARD den 72-Jährigen für den Film engagiert habe, echauffiert sich Bild. Sendersprecherin Annette Gilcher wird von dem Blatt mit den Worten zitiert: «Bei der Besetzung der Schauspieler war einzig die Qualität ausschlaggebendes Kriterium.»

Bestes Zitat: «Ich hatte gedacht, der Westen kauft mich frei, und habe einen Ausreiseantrag gestellt. Sie wollten mich nicht gehen lassen. Dann haben sie mir Spritzen gegeben - Psychopharmaka. Dann Verdunkelung, Einzelhaft, Redeverbot - bis ich nicht mehr wusste, wer ich bin und wie ich heiße.»

Titel: Es ist nicht vorbei
Regie: Franziska Meletzky
Darsteller: Anja Kling, Ulrich Noethen, Tobias Oertel, Melika Foroutan
Sendetermin: Mittwoch, 9. November 2011, 20.15 Uhr, Das Erste
Im Anschluss, 21.45 Uhr, ist die Dokumentation Die Frauen von Hoheneck zu sehen.

car/zij/news.de/dapd

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Anett Dreuse
  • Kommentar 2
  • 10.11.2011 13:21

Fortsetzung meines ersten Beitrages: Man glaubt es kaum, aber diese fehlende Aufklärung führt zu neuen Verbrechen hier und heute. Die Methoden werden noch immer angewendet, nur subtiler, machmal auch mit Hilfe der heutigen Psychiatrie. Mobbingopfer werden des Wahns beschuldigt und auf diese Weise für unglaubwürdig erklärt, landen in psychiatrischen Kliniken. Die Täter gewinnen dadurch an Macht und erfreuen sich an diesen Möglichkeiten. Und das in einer Demokratie? Haben wir noch eine Demokratie?

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  • Anett Dreuse
  • Kommentar 1
  • 10.11.2011 13:17

Dieser Film lief am 09.11.2011 um 20.15 Uhr auf "Das Erste". Er sollte am 10.11.2011 um 10:30 Uhr auf wiederholt werden, wurde aber abgesetzt. Dafür lief eine alte Kamelle. Woran erinnert das? Dieser Film zeigt erstklassig die heutige Realität und die nur propagandistisch aufgearbeitete Vergangenheit. Wie soll das auch gehen, wenn sich inzwischen die Stasi wieder organisiert hat und sogar bei der BStU ehemalige Stasimitarbeiter bei der Aufklärung mitwirken. Wollen wir hoffen, dass Herr Jahn mehr bewirken kann und keine Ruhe gibt, diese Verbrechen aufzuklären, die bis heute ihre Wirkung haben.

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