«Der Fall Borgia» Der Papst, den der Teufel holte

Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Inzest, Korruption und Mord: Kaum eine Todsünde, die Rodrigo Borgia nicht nachgesagt wird. Der spätere Papst wird in der ZDF-Serie Borgia als ein skrupelloser Betrüger dargestellt. Was ist Mythos, was Wahrheit?

Der Machtkampf um das Papstamt in der Renaissance hat am Mittwochabend mehr Fernsehzuschauer interessiert als der Wettkampf in der Fußball-Champions-League. 5,47 Millionen Menschen sahen die zweite Episode des sechsteiligen Historiendramas Borgia im ZDF, der Marktanteil betrug 17,1 Prozent. Die erste Folge am Montag hatte sogar 6,21 Millionen Zuschauer (18,7 Prozent), so kann der öffentlich-rechtliche Sender die 25 Millionen Euro teure internationale Koproduktion schon jetzt als Publikumserfolg verbuchen. Die Dokumentation Der Fall Borgia interessierte immerhin noch 2,54 Millionen Zuschauer (11,6 Prozent). News.de fasst die wichtigsten Fakten zusammen.

Borgia im ZDF
Die Familie, die Feinde, die Geschichte
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Rodrigo Borgia: Inzest, sexuelle Ausschweifungen, Korruption, Brudermord - es gibt kaum eine Todsünde, die dem Borgia-Clan nicht nachgesagt wird. Allen voran Rodrigo Borgia, der adlige Emporkömmling aus Spanien, dem es 1492 unter dubiosen Umständen gelang, als Alexander VI. den Papstthron zu besteigen. Der frisch gewählte Kirchenfürst entpuppte sich bald als rücksichtsloser Despot, der nur seine eigenen Interessen verfolgte und vor nichts zurückschreckte, wenn es darum ging, seine Macht zu erhalten und auszubauen.

«Alexander VI. war der schillerndste Papst der Renaissance. Er hatte viele Liebhaberinnen und er zeugte zahlreiche Kinder», sagt der Borgia-Biograph Uwe Neumahr in der ZDF-Doku Der Fall Borgia, die gestern Abend im Anschluss an die zweite Folge der Serie gezeigt wurde. Er lebte weniger das Leben eines Papstes als das eines feudalen Renaissanceherrschers. Er hielt sich mehrere Mätressen und zeugte uneheliche Kinder, zu denen er sich unverhohlen bekannte und die er geschickt und bedenkenlos in seine politischen Machenschaften verstrickte.

Seine Tochter Lucrezia zwang er drei Mal in die Ehe; die Wahl ihrer Männer erfolgte mit politischem Kalkül. Seine Söhne Juan und Cesare bekleidete der Kirchenfürst mit hohen Ämtern und Würden. Cesare ernannte er mit 18 Jahren zum Kardinal, Juan wurde Oberbefehlshaber der päpstlichen Armee. Auch der Jüngste wurde zu Alexanders Spielball: Jofré wurde mit 13 nach Neapel verheiratet. Darüber hinaus deckte Alexander VI. die Straftaten seiner Kinder und sah auch über eigene Fehltritte geflissentlich hinweg. Sein Ziel war es, ein machtvolles, geheimbundähnliches Familienunternehmen zu installieren.

Alexander regierte elf Jahre wie ein absoluter Herrscher. Der Spanier legte sich mit den ehrwürdigen Familien Roms an: mit den Orsini, Sforza, Colonna und mit seinem Erzfreind Giuliano della Rovere. «Er war es, der das Papsttum von einem Spielball mächtiger Adelsfamilien befreite und es wieder zu einem wichtigen Machtfaktor auf der europäischen Bühne machte», sagt Neumahr. Doch an seiner großen Vision - der Einheit Italiens mit den Borgia an der Spitze - scheiterte er.

Die Papstwahl: 1492 starb Papst Innozenz VIII., die Kardinäle mussten den Nachfolger bestimmen. Rodrigo Borgia war einer von vier Kandidaten. Die Wahl zum höchsten Kirchenamt war angeblich geheim und frei von jeglicher Einflussnahme. Doch die Wirklichkeit im Vatikan sah anders aus. «Borgia hat sich nacheinander in vier Wahlgängen die Stimmen der Mehrheit systematisch erkauft. Mit allen Mitteln der Bestechung und der Korruption hat er es geschafft, Papst zu werden», sagt Helmut Markwort, Herausgeber des Nachrichtenmagazins Focus und Borgia-Experte, in der Doku. Rodrigo ließ sogar für jeden Kardinal ein gebratenes Hühnchen in das Konklave einschmuggeln - gefüllt mit einem schriftlichen Vorschlag zur gütlichen Einigung in seinem Sinne.

Borgia
Sex & Crime im ZDF
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Der Papst und die Frauen: Alexander VI. war dem weiblichen Geschlecht trotz seiner Kirchenwürden sehr zugetan und verbarg dies kaum vor der Öffentlichkeit, was typisch für die Renaissance war. Unter seinen zahlreichen Mätressen war Vanozza de' Cattanei, die Mutter seiner Kinder Cesare, Juan, Lucrezia und Jofré. Mit ihr lebte er in seiner Zeit als Kardinal etwa 20 Jahre lang zusammen. Als Siebzigjähriger hielt er sich eine 44 Jahre jüngere Geliebte: Giulia Farnese, die die Römer spöttisch «sponsa christi» (Braut Christi) nannten. Giulia brachte im Wahljahr von Alexander VI. eine Tochter zur Welt. Der Vater: der künftige Papst. Insgesamt soll er mindestens acht Kinder gezeugt haben.

Die Borgia und der Inzest: Alexanders Kinder sollen den Vater an Skrupellosigkeit, Gier und sexuellen Ausschweifungen übertroffen haben. So hatten die Geschwister Cesare und Lucrezia ein Verhältnis. Auch wenn es die Renaissance mit der Moral nicht so genau nahm: Beziehungen zwischen Blutsverwandten ersten Grades waren tabu. Sie verstießen gegen göttliches Recht.

«Der Inzest-Vorwurf gegen die Borgia war Teil der Anti-Borgia-Propaganda», glaubt Experte Neumahr. «Zum ersten Mal kam er von Giovanni Sforza auf, dem zweiten Ehemann von Lucrezia.» Der Papst warf Sforza Impotenz vor und schied die Ehe seiner Tochter mit ihm. Sforza rächte sich, indem er behauptete, Cesare habe sich mit Lucrezia vergnügen wollen, deshalb sei die Ehe geschieden worden.

Der Bruderzwist: Alexanders Söhne Cesare und Juan waren sehr unterschiedlich: Cesare galt einerseits als Feingeist und hervorragender Stratege. Andererseits war er skrupellos und grausam. Er litt darunter, dass Juan Alexanders Lieblingssohn war. «Das Verhältnis war von Neid geprägt. Denn Juan durfte das werden, was Cesare gerne sein wollte: Ein weltlicher Fürst und der militärische Arm der Kirche», erklärt Neumahr. Cesare dagegen musste die klerikale Laufbahn einschlagen - so wollte es sein Vater. 1497 verschwand Juan spurlos, Tage später wurde seine zerstümmelte Leiche aus dem Tiber gefischt. Der Verdacht fiel auf Cesare. Doch konnte die Tat nie aufgeklärt werden.

Alexanders Tod: Alexander starb am 18. August 1503. Wie in Rom verbreitet wurde, sei der Körper des Toten binnen kürzester Zeit unnatürlich aufgequollen, habe sich schwarz verfärbt und übelriechende Flüssigkeiten abgesondert. Natürlich sahen die Zeitgenossen darin die Bestätigung dafür, dass der Papst vergiftet und seine Seele vom Teufel geholt worden sei. Tatsächlich aber hatten nur wenige Menschen den Leichnam mit eigenen Augen gesehen. Mit seinem Tod fiel das Borgia-Imperium zusammen.

Die Regierungszeit des Spaniers wurde zum negativen Lehrstück über Machtmissbrauch und Zügellosigkeit. Nie wieder sollte ein Nichtitaliener auf den heiligen Stuhl, hieß es damals. Ein Versprechen, das mit Hadrian VI. schon 1522 gebrochen wurde. Allerdings regierte er nur ein Jahr. Erst 1978 sollte wieder ein «Ausländer» den Papstthron besteigen: Johannes Paul II.

Der dritte Teil der Serie Borgia läuft im ZDF am Donnerstag, 20. Oktober 2011, um 20.15 Uhr. Die Teile vier bis sechs werden am Montag, 24., Mittwoch, 26., und Donnerstag, 27. Oktober 2011, jeweils um 20.15 Uhr gezeigt.

Wer Teil zwei verpasst hat, kann ihn sich noch sieben Tage lang in der ZDF-Mediathek kostenlos anschauen.

zij/news.de/dpa

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Hartmut Holz
  • Kommentar 2
  • 21.10.2011 15:20

Der Film, über die Familie Borgia, ist wirklich grandios gelungen. Zeigt dieser Film doch, dass es auch in Kirchenkreisen um Macht und Geld ging. Kein Wunder, dass es dann die Reformation gab. Und die Banken haben keineswegs die Rolle von Gott angenommen. Dieses können sie auch gar nicht. Denn nur Gott selber kann diese Rolle übernehmen.

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  • ewald
  • Kommentar 1
  • 20.10.2011 16:09

Der "Teufel", oder "Gott" Wozu sollen die gut sein? Die sind gut für die Menschen, die dich mit diesem Unsinn beherrschen wollen. Heute wie damals. Allerdings haben in der Politik Heute wohl die Banken mehr die Rolle eines Gottes angenommen. Der Mensch kommt halt nicht aus seiner Höhle raus.

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