Ulrich Tukur Der gute Deutsche im TV

Ulrich Tukur (Foto)
John Rabe (Ulrich Tukur), der deutsche Kaufmann im chinesischen Nanking. Bild: ZDF/Tomoko Kikuchi

Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach, Hamburg
Er spielt einen Nazi, der Tausende Menschen rettet. Mit news.de spricht Ulrich Tukur über den Film John Rabe, warum in China eine verkorkte Weinflasche ein Grund für Selbstmord sein kann und was besser schmeckt als italienischer Kartoffelsalat.

John Rabe - Der gute Deutsche von Nanking lief gestern als Zweiteiler im ZDF. Rund 3,2 Millionen Zuschauer sahen den Film. Ein Marktanteil zwischen 10,2 und 12,2 Prozent ist in Mainz sicher kein Grund für Begeisterungsstürme. Die Kritiker waren von dem Historienepos jedoch sehr angetan. Für seine Darstellung des «Oskar Schindler Chinas» wurde Ulrich Tukur mit mehreren Filmpreisen ausgezeichnet.

Mit ein bisschen Abstand zu John Rabe, was halten Sie von dem Film?

Ulrich Tukur: Ich habe ihn jetzt lange nicht mehr gesehen, und die Fernsehfassung kenne ich gar nicht. Es sind 50 Minuten dazugekommen. Ich mag den Film sehr, ich finde ihn wichtig. Für mich ist John Rabe ein großartiger Mensch, der es verdient hat, dem Vergessen entrissen zu werden. Er war Verwalter der Firma Siemens, normal, durchschnittlich, autoritär, nationalistisch, ein typischer Vertreter seiner Zeit.

Auf einmal rauscht der Mantel der Geschichte an ihm vorbei, er greift danach und rettet über 200.000 Menschen das Leben. John Rabe hat ungeachtet seiner politischen Überzeugungen Anstand und Empathie. Und tatsächlich kann auch einer, der sich als überzeugter Nationalsozialist bezeichnet, Humanist und Menschenfreund sein. Der Film zeigt, wie sonderbar und widersprüchlich Geschichte verläuft, und dass es letztlich nur darauf ankommt, im entscheidenden Moment Mut zu haben und dem Leben tätig zuzuarbeiten.

«John Rabe»
Der gute Deutsche von Nanking

Die Dreharbeiten in China sollen kein Zuckerschlecken gewesen sein ...

Tukur: Es war streckenweise entsetzlich. Wenn wir nicht so gut gegessen hätten und das Leben in Shanghai nicht so interessant gewesen wäre - wir sahen ja, wie die Wolkenkratzer um uns herum aus dem Boden schossen - es wäre furchtbar gewesen. Wir wussten oft nicht, ob wir am nächsten Tag weiterdrehen würden. Das Geld war weg, es musste nachgelegt werden, und es gab immer wieder Schwierigkeiten mit den chinesischen Partnern. Die Unkenntnis der Mentalität hat die Produktion viel Geld gekostet und die Sache sehr anstrengend gemacht.

Florian (Regisseur Florian Gallenberger, Anm. der Redaktion) hatte ein Riesengewicht auf seinen Schultern. Dann kam ein Wintereinbruch, wie man ihn in Südchina noch nie erlebt hatte. Alles stand still. Millionen Wanderarbeiter hingen fest, und wir konnten nicht drehen. Alles, was schief laufen konnte, ist auch schief gelaufen. Dafür ist John Rabe ein sehr beeindruckender Film geworden.

Können Sie die chinesische Mentalität beschreiben, die Ihnen so viel Kopfzerbrechen bereitet hat?

Tukur: Die Menschen sind uns dort in vielerlei Hinsicht nicht unähnlich. Die Dinge laufen ähnlich schnell, man ist dynamisch, oberflächlich und will möglichst schnell möglichst viel Geld. Für uns schwer zu verstehen ist das Phänomen des Gesichtsverlustes. Man muss sehr auf die Gefühle der Chinesen und überhaupt aller Asiaten achten. Man darf sie nicht in eine Situation bringen, in der sie sich entschuldigen oder verteidigen müssen. Wenn man ihnen unmissverständlich sagt, dass sie etwas falsch gemacht haben und eine Erklärung dafür verlangt, dann hat man diese Menschen verloren, und sie werden nicht mehr mit dir zusammenarbeiten. Ich habe einmal in einem Shanghaier Restaurant eine verkorkte Weinflasche zurückgehen lassen, was beinahe zu einem kollektiven Selbstmord des Personals inklusive des Managements geführt hätte.

Für China wird es auch eine qualvolle Angelegenheit werden, die Mao-Zeit aufzuarbeiten. Denn zuzugeben, dass unter seiner Herrschaft 70 Millionen Menschen zu Tode kamen und unsägliches Leid geschah und den Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, kommt einem Sprung über den eigenen Schatten gleich.

Auch die Japaner haben Probleme damit, das Massaker von Nanking, das im Film dargestellt wird, gänzlich einzuräumen.

Tukur: Das ist ganz schwierig. Es war schon ein Riesenschritt, dass sie sich bei den Koreanern für ihre Verbrechen im Zweiten Weltkrieg entschuldigt haben. Eine sehr gewundene Entschuldigung allerdings. Aber man muss eben wissen, dass es ein Zeichen von Schwäche ist, eigene Verfehlungen zuzugeben. Und wer Schwäche zeigt, verliert sein Gesicht. Wir Deutschen haben in der Aufarbeitung unserer Geschichte etwas getan, was asiatische Völker niemals tun würden.

Ist Ihr Interesse für China durch den Film gewachsen?

Tukur: Ja, China war mir vorher nicht so nah. Für den Film habe ich viel gelesen und wollte selbst ein Buch über China schreiben. Das habe ich dann aber aufgegeben, China ist ein zu weites Land, die Geschichte sehr alt und von ungeheurer Tiefe. Ich habe zauberhafte Menschen dort kennengelernt und die Shanghaier erinnerten mich manchmal an die Neapolitaner, lebensfroh, verfressen, korrupt, witzig, und wenn man mit ihnen trinkt und singt, kann man alles von ihnen haben.

Und wie haben Sie die Bekanntheit von John Rabe in China erlebt?

Tukur: Er ist unter den jungen Leuten nicht mehr bekannt. Sie interessieren sich wenig für ihre Geschichte und schon gar nicht für eine Zeit, in der China schwach war und am Boden lag. Die Vergangenheit wurde von Mao und seiner Kulturrevolution weitgehend ausgelöscht. Er hat seinen Landsleuten nicht nur die Seele geraubt, sondern auch ihre Geschichte genommen. Ältere erinnern sich und vor allem natürlich noch die Menschen in Nanking.

Sie drehen nicht nur Filme, Sie schreiben Bücher, machen Musik, sind ein Tausendsassa. Wie machen Sie das?

Tukur: Sie müssen nur lernen, nie «Nein» zu sagen! (lacht) Und schon schwimmen Sie in einem Meer von Verpflichtungen. Nein, im Ernst, das Leben ist ein großartiges Geschenk und um es besser zu verstehen, muss man es abbilden, beschreiben, besingen, nachspielen.

Was würden Sie im Zweifelsfall weglassen?

Tukur: Nix. (lacht) Ich glaube, ich würde ein bisschen weniger Musik machen wollen, ein bisschen weniger Film. Theater mache ich leider gar nicht mehr. Davon wäre ein bisschen mehr gut. Ich möchte darauf achten, wenigstens ein Drittel des Jahres frei zu haben.

Sie haben aber auch gesagt, dass Urlaub ganz schrecklich für Sie ist.

Tukur: Ist er auch, wenn er nicht lange genug dauert. Mit zwei oder drei Wochen kann ich nichts anfangen. Dann beginne ich erst, mich zu entspannen. Es gibt nichts Schlimmeres, als am Strand zu sitzen, unter einem Sonnenschirm an einem blauen Meer. Das habe ich einmal auf Kreta gehabt. Ich habe dort einen Film gemacht. In der freien Zeit lag ich neben meiner Frau in einem Liegstuhl an einen traumhaften Strand. Ich sagte: «Katharina, geht's dir auch so wie mir? Langweilst du dich auch so schrecklich?» Sie hat genickt. Dann sind wir ins nächste Wirtshaus und haben uns einen Retsina reingepfiffen.

Warum würden Sie denn weniger Musik machen wollen?

Tukur: Einfach von allem ein bisschen weniger. Konzerte mit meinen Rhythmus Boys sind wunderbar und machen Spaß, aber eine Tournee mit 40 Auftritten hintereinander ist zum Kotzen. Musik ist aber nun mal meine Passion. Damit fing alles an. Sie ist für mich die Königin der Künste, sie wird von allen Menschen dieser Welt verstanden und geht von Herz zu Herz.

Mit Steve Buscemi haben Sie im Film auch eine musikalische Einlage ...

Tukur: Das war super. Ich habe gern mit ihm gespielt. Ein offener, symphatischer und großzügiger Mensch. In dieser Szene waren wir übrigens wirklich betrunken.

Er hat in einem Interview gesagt, dass er gern mit Ihnen ein Konzert spielen würde. Wie weit ist diese Idee gediehen?

Tukur: Er soll mich anrufen!

Das hat er noch nicht getan?

Tukur: Wir hatten noch lange nach dem Film Kontakt. Irgendwann hat sich das aber verlaufen. Er macht ja auch so viel und inszeniert und spielt. Mein größter Traum wäre, mit Steve Buscemi in einem Film der Coen-Brüder aufzutreten. Wird nicht passieren, aber wenn man es laut genug sagt, wird es vielleicht irgendwann, irgendwo von irgendwem gehört.

Ihr aktuelles Album heißt Musik für schwache Stunden. Bei was werden Sie schwach?

Tukur: Bei Wein, Weib und Kartoffelsalat. (lacht)

Wie ist denn der italienische Kartoffelsalat?

Tukur: Gibt's nicht. Aus gutem Grund. Italienische Kartoffeln sind nicht gut. Man schiebt sie in den Ofen oder macht Gnocchis damit. Basta. Richtig guter Kartoffelsalat wird nur im Schwäbischen und in Wien zubereitet. Alles andere kann man nicht gelten lassen.

Importieren Sie Ihre Kartoffeln aus Deutschland?

Tukur: Sie werden lachen, aber ich hole mir aus Süddeutschland speckige Salatkartoffeln. Wenn Freunde mich besuchen, sage ich denen vorher: Bring mir einen Sack Kartoffeln mit und ein Vollkornbrot.

Ihr Nachbar in Venedig soll Elton John sein. Stimmt das noch?

Tukur: Ja, der hat ein Haus in beneidenswerter Lage etwa 500 Meter von uns entfernt.

Waren Sie mittlerweile mal zu Besuch?

Tukur: Der ist nie da, ich habe ihn noch nie gesehen. Er hat sicher 55 Wohnungen auf der ganzen Welt, die muss er ja alle abklappern, während seine Perückensammlung still und einsam in Venedig vor sich hin schimmelt.

Titel: John Rabe - Der gute Deutsche von Nanking
Regie: Florian Gallenberger
Darsteller: Ulrich Tukur, Dagmar Manzel, Daniel Brühl, Steve Buscemi, Anne Consigny und andere
Der Zweiteiler ist in der ZDF-Mediathek abrufbar.

Soeben erschienen ist die CD Ulrich Tukur & Die Rhythmus Boys Musik für schwache Stunden (Trocadero/Indigo). Vom 28. Dezember 2011 bis 6. Februar 2012 sind Sie auf Deutschlandtour. 

Am 4. Dezember ist Ulrich Tukur außerdem wieder in einem Tatort als LKA-Ermittler Felix Murot zu sehen.

car/krc/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Helmut2008
  • Kommentar 1
  • 01.11.2011 20:07

Ein wahnsinnig intensiver Film mit einem phantastischen Ulrich Tukur, als John Rabe, der durch seinen Mut, seinen unerschütterlichen Glauben an den Führer und die Gerechtigkeit, seine schon fast blauäugige Naivität den Nazis gegenüber, den guten Deutschen verkörpert. Dass er sich als Deutscher gegen die Verbündeten Japaner, um Tausende Chinesen zu retten, unter die Nazifahnen flüchten muss, bringt ihm am Ende nicht die Anerkennung, die er eigentlich verdient gehabt hätte. Er versteht die Welt nicht mehr und gerät in Vergessenheit und stirbt schließlich 1950 in Armut.

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