Jörg Schüttauf «Der Wessi weiß, wann man den Mund hält»

Stankowskis Millionen (Foto)
Im Wartburg: Rudi (Jörg Schüttauf, links) und Werner (Wolfgang Stumph) spielen «Ossi-Wessi-Raten» an der Tankstelle. Bild: ZDF/Oliver Feist

Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach
In der Ost-West-Komödie Stankowskis Millionen spielte er gestern den Jammer-Ossi. Mit news.de spricht Jörg Schüttauf über Unterschiede zwischen Ost und West, mit welchen Gefühlen er an die DDR zurückdenkt und warum er nur selten Sächsisch spricht.

Mit der Ost-West-Komödie Stankowskis Millionen hatte das ZDF am Tag der Deutschen Einheit den passenden Film zum Nationalfeiertag im Porgramm. 5,19 Millionen Zuschauer verfolgten die Komödie mit Wolfgang Stumph und bescherten dem Zweiten damit einen guten Marktanteil von 15,2 Prozent. Jörg Schüttauf, 1961 im heutigen Chemnitz geboren, glänzte in der Komödie als angelnder Stankowski-Freund und Jammer-Ossi Rudi, der sich beleidigt in seine Datsche zurückgezogen hat und seine ganz persönliche Mauer als Schutzwall gegen neue Nachbarn aus dem Westen errichtet. 

Herr Schüttauf, wie war die Wendezeit für Sie als Schauspieler? War es schwierig, Rollenangebote zu bekommen?

«Stankowskis Millionen»
Ein heiterer Ost-West-Konflikt
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Jörg Schüttauf: 1990. Tatsächlich ohne Arbeit, ohne Bühne, ohne Vertrag. Das Jahr des Neuanfangs und der großen Umwälzungen. Es war eher ein Versäumnis meines neuen Arbeitgebers - eines großen Ostberliner Theaters, der mich einfach vergessen hatte und nun stand ich da. So kam es, dass ich jung und voller Tatendrang entscheiden konnte und musste, wie es mit mir weitergehen soll. Mein nächster Arbeitgeber hieß Bavaria München und wir blieben uns fünf Jahre treu.

Sie haben lange und sehr erfolgreich einen westdeutschen Kommissar gespielt. War Ihre ostdeutsche Herkunft jemals ein Hindernis für Sie?

Schüttauf: Der Kommissar, auf den Sie anspielen, ich nehme an der Dellwo in Frankfurt, war ein Konstrukt ohne Vergangenheit. In Frankfurt ermitteln und doch woanders herkommen ... Wo ist das Problem? Dass ich im Osten aufgewachsen bin, hat mir nie zum Nachteil gereicht, vielleicht sogar geholfen.

Kennen Sie selbst solche ost-westdeutsche Geschichten, wie sie im Film erzählt werden?

Schüttauf: Nein, ich kenne sie nicht, aber es gibt im engeren Bekanntenkreis Geschichten und Erfahrungen, die alles andere als lustig sind. Einer meiner Bekannten vertritt heute noch die Meinung - man stelle sich das jetzt bitte im tiefsten Sächsisch vor: «Die machen hier generalstabsmäßig alles platt.» Darüber muss ich lachen. Aber wenn er dann aus seinem Alltag erzählt ...

Können Sie Ihre Figur Rudi verstehen, der wütend ist über die neuen Umstände?

Schüttauf: Das war einfach. Es ist ganz schön doof, sein ganzes Leben lang, wofür auch immer, gearbeitet zu haben und über Nacht sagt man dir, dass alles umsonst war. Also verstehen kann ich diesen Rudi schon.

Stankowskis Millionen wurde am Tag der Deutschen Einheit gezeigt. Ist der Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschen für Sie noch präsent?

Schüttauf: In meiner Generation verwischt der Unterschied schon merklich. Meine Eltern und die Generation, welche im jeweiligen Land sagen wir 50 Jahre alt und älter wurden, haben mit Sicherheit noch ihre eigenen Ansichten und Denkgewohnheiten. Bei meinen Kindern merkst du keinen Unterschied. DDR, was war das?

Sie kommen ursprünglich aus Sachsen. Mussten Sie sich das Sächsisch abtrainieren?

Schüttauf: Zum Sächsisch stehe ich, wie ein Bayer oder ein Schwabe zu seinem Heimatdialekt steht. Dass man das beim Film oder auf dem Theater nicht gerne hört, ist kein Geheimnis. Also wurde ich schon auf der Schauspielschule dazu gedrängt, mein erstes Engagement eher im Norden des kleinen Arbeiter- und Bauernstaates anzutreten. Umso schneller würde ich anders sprechen können. Das hab ich gemacht und heute hört man es nur noch, wenn ich mich besonders wohl fühle. Also eher selten.

Im Film wird selbst das Essen der Ostdeutschen argwöhnisch beäugt. Essen Sie gern Ostdeutsch?

Schüttauf: Ostdeutsch essen, was ist das? Die obligatorische Sättigungsbeilage auf jedem Teller im Ost-Restaurant? Oder Soljanka, wohl eher Russisch, was aber meiner Erinnerung nach auch niemand zu Hause gekocht hat. Ebenso das Ragout fin. So etwas gab es, wie im Flieger den Tomatensaft, nur im Restaurant. Pellkartoffeln und Quark. Ist das Ostdeutsch? Ja, dann esse ich Ostdeutsch gerne.

Mit welchen Gefühlen denken Sie an die DDR zurück?

Schüttauf: Da komme ich her. Ein Land, das es heute nicht mehr gibt, aber dessen Menschen, geprägt durch dieses System jeder auf seine Art, ihre Erfahrungen gemacht haben, versucht haben, zu verbessern oder zu ertragen, sich einzurichten mit den Gegebenheiten oder die Flucht in ein anderes, anstrengenderes Leben zu wagen. Ich bin froh, dass es so gekommen ist, wie es ist. Ich habe aber auch Bilder und Geschichten, und die lasse ich mir von Leuten, die keine Ahnung haben, auch nicht schlecht reden.

Was war im Osten besser? Oder was bewundern Sie an Ost- oder Westdeutschen?

Schüttauf: Durch den Mangel musste man improvisieren, das konnten die Ostdeutschen besser. Die Westdeutschen waren ganz weit vorn in Sachen Selbstvertrauen, fließend reden, sich selbst so gut wie möglich zu verkaufen. Das hat der Ossi nie gelernt. PS: Aber der Wessi weiß auch, wann es besser ist, den Mund zu halten. Das kann der Ostdeutsche immer noch nicht.

Jörg Schüttauf (49) wurde in Karl-Marx-Stadt (das heutige Chemnitz) geboren. Nach der Schauspielschule in Berlin und Potsdam bekam er ein festes Engagement am Hans-Otto-Theater in Potsdam. Schon zu DDR-Zeiten spielte er in Fernseh- und Kinofilmen mit. Nach der Wende spielte er von 1992 bis 1996 in der Vorabendserie Der Fahnder bereits einen gesamtdeutschen Kommissar. Von 2002 bis 2010 ermittelte Jörg Schüttauf als Hauptkommissar Dellwo an der Seite von Andrea Sawatzki im Frankfurter Tatort. Der Schauspieler wurde unter anderem mit dem Grimme-Preis, dem Bayerischen und dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Schüttauf lebt bei Potsdam, ist verheiratet und hat eine Tochter.

Haben Sie den TV-Film Stankowskis Millionen verpasst? Dann haben Sie noch sieben Tage lang Gelegenheit, den Film in der ZDF-Mediathek anzuschauen.

beu/car/news.de

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