Alpenkrimi «Föhnlage» Hochmut kommt vor dem Fall

Herrliches Alpenpanorama, schön mit Geranien geschmückte Balkone, schmackhafte Brotzeiten: Die Oberbayern sind stolz auf ihre Heimat. So stolz, dass sie dafür töten. Der Alpenkrimi Föhnlage macht deutlich, wie zweischneidig Selbstbewusstsein sein kann.

Alpenkrimi (Foto)
Ein mehr als kritischer Blick auf Oberbayern: Der Alpenkrimi stellt das Doppelbödige in den Vordergrund. Bild: BR

Dort leben, wo andere Urlaub machen. Spätestens seit der Olympia-Bewerbung für die Winterspiele 2018 weiß die ganze Welt: Oberbayern ist schön, Garmisch-Partenkirchen ist die Perle. Andere Regionen des Freistaates wissen das schon lange und haben seit jeher Komplexe, dass sie mit der Paradelandschaft rund um die Zugspitze nicht mithalten können. Sie versuchen es gar nicht mehr. Das hat sich in besonderer Weise bei den Niederbayern eingebrannt.

Doch mit dem Alpenkrimi Föhnlage bröckelt das Bild des Vorzeigebayern. Besser gesagt, rückt es den stolzen Oberlandler in ein neues Licht: Dort sterben, wo andere Urlaub machen. Und das in einer so schäbigen Art und Weise, dass die anderen Regionen Mut fassen könnten, wieder mit Oberbayern in Konkurrenz zu treten.

«Föhnlage»: Eine bajuwarische Groteske

Der Oberbayernkrimi ist bereits der vierte «Heimat-Tatort» des Bayerischen Rundfunks, der die Reihe vor vier Jahren aus der Taufe hob. Die bisherige Stärke der kleinen Serie: echt, geerdet und mit viel Humor. Ein Stück Bayern halt. Doch es geht weniger um die geografische Verwurzelung der Charaktere, sondern vielmehr um die innere Landkarte der Figuren. Dabei wird eines deutlich: Bayern ist schwarz. Auch abseits der CSU.

Die Messlatte für den neuen Fall liegt vor der heutigen Erstausstrahlung ziemlich hoch. Alle bisherigen Produktionen haben Preise eingesahnt und für gute Einschaltquoten gesorgt. Herbert Knaup erhielt 2010 den Bayerischen Fernsehpreis für seine Darstellung des Kommissar Kluftinger im Allgäukrimi Erntedank. Dieses Jahr ging derselbe Preis an den Regisseur des Niederbayernkrimis Sau Nummer vier, Max Färberböck. Stephanie Heckner, die als Redakteurin für die Heimatkrimis verantwortlich ist, wurde 2010 zudem für den Grimme-Preis nominiert.

Der Einstieg könnte daher nicht besser sein. Schon vor Dienstantritt plagen Hauptkommissar Hubertus Jennerwein (Martin Feifel) wahnsinnige Kopfschmerzen. Zum einen liegt es an der Tatsache, dass der Garmisch-Partenkirchener zurück in seinen Heimatort versetzt worden ist. Den Ort, den er hasst. Zum anderen treibt ihn der Föhn fast in den Wahnsinn. Eine unschlagbare Kombination, um völlig miesgelaunt auf dem Revier zu erscheinen. Jeder, der Föhn kennt, weiß, dass manche Bewohner dieser ganz speziellen Höhenregion ein vages Gefühl der Antriebslosigkeit, fast schon der Depression, überkommen kann. Gute Laune sieht anders aus.

Scheiß Italien

Und wem haben die Oberlandler den warmen Wind zu verdanken? Natürlich dem Land, auf das der Bayer, bis auf das Essen, eh nicht viel hält: Er kommt aus Italien. Außer Bestattungsunternehmer Ignaz Grasegger (Andreas Giebel), der neben dem warmen Wind auch auf einen warmen Geldregen jenseits der Alpen wartet. Und auf Leichen.

Damit das Klischee so richtig bedient wird, kommt als Dritter im Bunde ein Österreicher ins Spiel: Karl Swoboda, ein Schmalspurganove mit Kontakten zur Mafia. Typisch für einen Wiener: unberechenbar. Nur noch eine Frage der Zeit, bis die Decke einstürzt.

Buchstäblich kracht die im Kulturhaus von Garmisch-Partenkirchen zusammen. Da sagt noch einer, dass Kultur nicht erdrückend sei. Das Resultat: Der Gestürzte aus dem Dachboden riss einen aus dem Publikum mit in den Tod. Zwei Tote, genau das Richtige für Kommissar Jennerwein an seinem ersten Tag in der Heimat.

Es bleibt nicht die letzte Leiche in dem Fall. Es kommt auf das Geschick des Heimkehrers an, den Fall richtig zu deuten. Und der Hauptkommissar ist bekannt für seinen scharfen Verstand und seine Erfolgsquote. Doch angesichts der Spezi-Wirtschaft im Ort und der inhomogenen Situation im Ermittlungsteam bereitet ihm der Fall mehr als Kopfschmerzen - abseits des Föhns.

Föhnlage thematisiert vor allem eins: Mut. Dabei schwankt der Film von Hochmut bis zu Wagemut, um das seit Jahrzehnten falsch aufgebaute Selbstverständnis doch noch zu retten. Mit einem erschreckendem Ausgang.

Was bleibt, ist ein spannender Heimat-Krimi, der von allen bisherigen Heimat-Krimis derzeit wohl der schwächste ist. Jennerwein setzt zu wenig Akzente, um sich zu etablieren. Vorerst. Der Film beginnt zwar stark und macht Vorfreude auf das Ende, was er aber leider zum Schluss im Gegensatz zu den bisherigen Heimatkrimis nicht einhalten kann. Trotzdem bleibt es ein kritischer Blick auf die Vorzeige-Landschaft des Freistaates. Im wahrsten Sinne geht es hier um das Doppelbödige und darum, dass, wer hoch oben sitzt, auch tief herabstürzen kann.

Bestes Zitat: «Graben wir jetzt auch schon Kurgäste ein?», fragt Graseggers Frau Ursel den Ehemann.

Titel: Föhnlage - ein Alpenkrimi
Regie: Rainer Kaufmann
Darsteller: Martin Feifel, Helmfried von Lüttichau, Andreas Gieber und andere
Sendetermin: Samstag, 1. Oktober 2011, 20.15 Uhr, Bayerisches Fernsehen

kra/news.de

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Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Eiche773
  • Kommentar 2
  • 03.10.2011 20:45

Als Liebhaber neuer Heimatfilme war ich nach "Föhnlage" sehr enttäuscht. Ich fand den ganzen Film nicht authentisch, er war nur grotesk, kein bisschen witzig. Sehr enttäuschend.

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  • CME
  • Kommentar 1
  • 02.10.2011 13:03

Hallo, ich habe mich so auf den Film gefreut. Aber offensichtlich haben die ein anderes Buch als ich gelesen und als Drehbuchvorlagen genommen. Enttäuschend. Ich habe nach der Hälfte ausgemacht.... Abholschein in Verona, wo war die Psychologin, wieso gab es die Handlung mit Harrassers Sohn? Nein, hat mir nicht gefallen. CME

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