ZDF-Komödie Ein Ossi beim Staatsfeind Nummer eins

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Treuhand-Chef (Christian Tramitz, links) heuert den EDV-Spezialisten Stankowski (Wolfgang Stumph) an. Bild: ZDF

Von news.de-Mitarbeiter Lutz Granert
Kurz nach der Wende: Ein arbeitsloser Techniker landet durch Zufall bei der Anstalt zur Abwicklung volkseigener Betriebe. Stankowskis Millionen liefert heute Abend auf ZDF einen witzigen, aber auch nachdenklichen Beitrag zur Deutschen Einheit.

Heute jährt sich die deutsche Wiedervereinigung zum 21. Mal. Doch nach dem Fall der Berliner Mauer ist das Land weiterhin geteilt. Das Gebiet der ehemaligen DDR gilt noch immer als strukturschwach, weist niedrigere Bruttoinlandsprodukte als die alten Bundesländer auf. Auch die Klischees vom arbeitslosen «Jammer-Ossi» und arroganten «Besser-Wessi» hielten sich lange Zeit hartnäckig.

Stankowskis Millionen beschäftigt sich mit der Treuhandanstalt, unter der im Zuge der Wende ehemalige volkseigene Betriebe der DDR für einen Spottpreis verkauft und privatisiert oder stillgelegt wurden. Massenarbeitslosigkeit im Osten der Republik und einige wirtschaftskriminelle Vorgänge waren die Folge. Beeindruckend ist, wie leichtfüßig diese Komödie trotz des ernsten Hintergrunds daherkommt und sich unaufgeregt auf diese Ost-West-Stereotypisierungen als Quell des Humors verlässt.

«Stankowskis Millionen»
Ein heiterer Ost-West-Konflikt

Ostdeutscher in feindlichem Gebiet

Juli 1991: Robotnik-Entwickler Werner Stankowski (Wolfgang Stumph) hat im Zuge der Wiedervereinigung seinen Job verloren. Seine Frau hat ihn nach 31 Jahren Ehe für den Westdeutschen Raimund (Sky Du Mont) verlassen. Nach einem missglückten Bewerbungsgespräch in München macht er zufällig Bekanntschaft mit dem arroganten Treuhand-Funktionär René Vonderecken (Christian Tramitz), der ihn sofort anwirbt. Nach einiger Bedenkzeit nimmt er das Angebot als IT-Techniker in der verhassten Anstalt an, wobei er seine ostdeutschen Wurzeln verschweigt. Doch dann ergibt sich die Möglichkeit, Raimund als potenziellem Investor eins auszuwischen.

Das Drehbuch von Stankowskis Millionen ist gespickt mit zahlreichen Seitenhieben auf das angespannte Verhältnis von Ost und West. Die einzige, versehentlich eingestellte ostdeutsche Sekretärin Anja bekommt täglich eine Banane auf den Tisch gelegt mit dem Hinweis, dass sie vor dem Verzehr zu schälen sei. Hochdeutsch sei innerhalb der Treuhandanstalt angesagt, was eine strohdoofe Sekretärin jedoch nicht von ihrem bayerischen Dialekt abhält. Der Wartburg von Stankowski kommt bei Vonderecken als skurriles Ostalgie-Objekt unerwartet gut an.

Auch der gewieft kalkulierende Schnösel und Kavalier, der Stankowski sogar seine Frau wegschnappen will, darf natürlich nicht fehlen. Diese Nebenrolle passt perfekt zum Womanizer-Image von Sky Du Mont wie die des improvisierenden, aber cleveren Ossis zu Wolfgang Stumph. Schon in Go Trabi, Go! (1991) verkörperte der in der DDR ausgebildete Schauspieler den kleinbürgerlichen Familienvater, der sich mit den Freiheiten, aber auch Gefahren der weiten Welt fernab eines Ausreiseverbots konfrontiert sah. Ihm gegenüber steht Christian Tramitz als jovialer, betont modisch gekleideter Snob, Stankowskis Vorgesetzter bei der Treuhandanstalt.

Zwischen Sozialdrama und Wende-Komödie

Bei der Ausstattung des Films wurde sehr großen Wert auf Zeitkolorit gelegt. Vergilbte Blümchen-Tapete, Datschen mit Holzvertäfelung und natürlich Trabanten und Ladas tragen zur Zustandsbeschreibung der Ostdeutschen bei. Diese sehen mit dem Systemumbruch ihre eigene Vergangenheit in Gefahr, aber bemühen sich um einen zuversichtlichen Blick in die Zukunft. Passend dazu werden Songs von Udo Lindenberg, Wind of Change von den Scorpions oder Es geht voran von der NDW-Band Fehlfarben eingespielt.

Aber geht alles voran? Stankowski muss Frankie, den neuen Freund seiner Tochter, von einem Verlustgeschäft bei der Übernahme einer alten Schokoladenfabrik abhalten, die die Aufnahme eines Millionenkredits mit sich bringen würde. Aber auch eine Freundin der Familie versucht sich als Geschäftsfrau - und scheitert mit ihrer Idee eines Versandhandels für Dildos an der Finanzierung.

Es sind diese Schicksale, die trotz ihrer Zuspitzung authentisch die verzweifelte Situation der Ostdeutschen kurz nach der Wiedervereinigung spiegeln. Als herauskommt, dass Stankowski für die Treuhand, das Feindbild schlechthin arbeitet, sorgt das natürlich für weiteren Tumult, den er nur schwer wieder beruhigen kann. Ein ums andere Mal in alberne Gefilde abdriftend, hält Stankowskis Millionen jedoch äußerst witzig den Spagat zwischen Geschichtsbewältigung, Sozialdrama und Wende-Komödie. Ein kurzweiliger, mit treffsicheren Pointen gesegneter Filmbeitrag zur deutschen Einheit!

Bestes Zitat: «Weißt du, warum die Wessis 13 Jahre fürs Abitur brauchen? Da ist ein Jahr Schauspielunterricht dabei.» (Stankowskis Freund Rudi/Jörg Schüttauf)

Titel: Stankowskis Millionen
Regie: Franzsika Meyer Price
Darsteller: Wolfgang Stumph, Christian Tramitz, Jörg Schüttauf, Petra Kleinert, Gustav Peter Wöhler, Sky Du Mont, Frederick Lau und andere
Sendetermin: Montag, 3. Oktober 2011, 20.15 Uhr, ZDF

zij/news.de

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