DDR-Geschichte im TV Kinderraub im Namen des Staates

Jenseits der Mauer (Foto)
Das Ehepaar Molitor (Katja Flint und Edgar Selge) wird an der Grenze festgenommen. Bild: WDR/Julia Terjung

Von news.de-Redakteurin Claudia Arthen
Nach ihrem Fluchtversuch aus der DDR werden die Eltern vor eine grausame Wahl gestellt: Im Ersten läuft der Film Jenseits der Mauer und thematisiert eines der dunkelsten Kapitel der SED-Diktatur: Zwangsadoptionen.

Ein deutsch-deutscher Grenzübergang im Jahr 1974. Tiefe Nacht, Regen, Hunde, Grenzer. Ein schiefer Blick, ein falsches Wort - mehr braucht es nicht, um den Fluchtversuch der Familie Molitor in den Westen zum Scheitern zu bringen. Die Eltern werden verhaftet, die Kinder aus dem Versteck im Kofferraum gezerrt und ins Heim gebracht. Das ist der dramatische Ausgangspunkt des Films Jenseits der Mauer, der heute Abend in der ARD zu sehen ist.

Regisseur Friedemann Fromm rückt ein besonders perfides Kapitel der DDR-Geschichte in den Fokus: Die Zwangsadoption von Kindern sogenannter Republikflüchtlinge. In seinem hochkarätig besetzten Film verzichtet er weitgehend auf Pathos und blickt auf die Opfer mit ihren seelischen Zwängen und Notlagen. Jenseits der Mauer ist Fromm zufolge der Versuch, Zeitgeschichte authentisch nachzubilden. Es sei die Geschichte einer Identitätssuche, die ja auch Deutschland lange begleitet habe.

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Staatliche Kindesentziehung

Jahrzehntelang gab es nur Vermutungen über Zwangsadoptionen in der DDR. 1975 schrieb das Nachrichtenmagazin Der Spiegel erstmals über das Thema, woraufhin der Ostberlin-Korrespondent des Magazins ausgewiesen wurde. 1991 wurden schließlich in einem Ostberliner Keller der ehemals staatlichen Jugendhilfe entscheidende Dokumente gefunden. In ihnen sind in mehreren Fällen eindeutig politische Gründe für die Zwangstrennungen aufgeführt.

Zwangsadoptionen wurden in der DDR sowohl gegen die Familien der Republikflüchtigen als auch gegen die Familien der Regimekritiker eingesetzt. Die seelischen Qualen, die den Eltern damit zugefügt wurden, führten oft zu schweren körperlichen und seelischen Krankheiten bis hin zum Selbstmord. Bis heute gibt es keine genauen Angaben darüber, wie viele Zwangsadoptionen stattfanden. Die Zahlen schwanken zwischen einigen hundert und 7000.

Im Film wird das Ehepaar Molitor (gespielt von Edgar Selge und Katja Flint) nach seiner Verhaftung von der Staatssicherheit vor eine grausame Wahl gestellt: Sie dürfen mit ihrem Sohn ausreisen, müssen aber ihre zweijährige Tochter in der DDR zur Adoption freigeben. Oder sie bleiben im Osten inhaftiert und verlieren beide Kinder. Schweren Herzens gehen die Eltern in die BRD, wo sie, gequält von Schuldgefühlen, wieder Fuß zu fassen versuchen.

Wiedersehen in der Nacht des Mauerfalls

Ihre Tochter Miriam, die inzwischen Rebecca heißt, wird von dem Stasi-Offizier Frank Pramann (Herbert Knaup) und dessen Ehefrau (Ulrike Krumbiegel) adoptiert und ahnt auch 15 Jahre später nichts von ihrer wahren Herkunft. Im Wendejahr 1989 ist aus Rebecca ein normaler ostdeutscher Teenager geworden, der heimlich Madonna hört, von West-Jeans träumt und die erste Liebe erlebt. Bis die 17-Jährige von der erzwungenen Adoption erfährt und ihre Identität infrage stellt.

15 Jahre nach dem Fluchtversuch kommt es zum Wiedersehen zwischen Rebecca/Miriam und ihren leiblichen Eltern. Wieder nachts, wieder an einem Grenzübergang, dieses Mal inmitten tausender feiernder Menschen. Es ist die Nacht zum 10. November 1989, die Nacht des Mauerfalls.

Bester Dialog: Staatssicherheit: «Noch bleibt Ihnen die Wahl: Das Strafmaß akzeptieren oder Ausweisung in die BRD.» Ulrich Molitor: «Wo ist der Haken?» Staatssicherheit: «Ihr Sohn Klaus begleitet sie, ihre Tochter Miriam geben wir zur Adaptopn frei.»

Titel: Jenseits der Mauer
Regie: Friedemann Fromm
Darsteller: Katja Flint, Edgar Selge, Henriette Confurius, Ulrike Krumbiegel, Herbert Knaup und andere
Sendetermin: Mittwoch, 28. September 2011, 20.15 Uhr, Das Erste

zij/news.de/dapd

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • jotis
  • Kommentar 2
  • 28.09.2011 18:04

Eine Frage: was macht die BRD mit Kindern von Eltern, von denen sie meint, dass sie den gesellschaftlichen Anforderungen (Gesetze sind auch nur gesellschaftliche Normen) nicht entsprechen? Werden die Kinder in eine "bessere" Obhut gegeben oder nicht?! Republikflucht war eine Straftat. Wenn hierzulande Eltern einer Straftat wegen ins Gefängnis gehen, dürfen sie meines Wissens ihre Kinder auch nicht mitnehmen. Und wenn es "im Interesse des Kindes" ist, kann auch adoptiert werden. Meint irgendwer, dass die bundesdeutsche Justiz im Unrecht ist? Warum dann das Theater um DDR-Recht?

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  • basba
  • Kommentar 1
  • 28.09.2011 16:10

Dieses Schandstück deutscher Charakterschwäche bedarf keiner Kommentierung. Dabei gibt es immer noch ehemalige Nutznießer des DDR Systems die wehmütig daran zurückdenken. Vergessen sollte man dabei aber auch nicht, daß die geistigen Väter dieses Monstrums in Teheran und Jalta saßen. Herr Morgenthau läßt grüßen.

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