Alexander Beyer ZDF-Filme sind wie Hobbybasteln

Alexander Beyer (Foto)
Er ist gern in den Bergen und auch gern mal allein: Alexander Beyer. Bild: ZDF/Heike Voßler

Von news.de-Redakteurin Ines Weißbach
Ein Erfurter im Allgäu: Alexander Beyer spielt in Mein Bruder, sein Erbe und ich den Einsiedler Adrian. Im Gespräch mit news.de erzählt der Schauspieler, wie er Bayerisch für den Film gelernt hat und was Hobbybasteln mit ZDF-Produktionen zu tun hat.

Sie sind Expeditionsbergsteiger. Haben Sie die Rolle des Adrian im Film Mein Bruder, sein Erbe und ich angenommen, weil Ihnen die Landschaft so gut gefallen hat?

Alexander Beyer: Die Aussicht, wochenlang in den Bergen zu sein, war sehr verlockend. Das Allgäu, diesen Teil Deutschlands, der so nah an der österreichischen Grenze ist, kannte ich noch nicht.

Was gefällt Ihnen an den Bergen?

Beyer: Man ist bei sich und seinen Gedanken. Und wenn man genug hat von sich und seinen Gedanken, kann man aufschauen und in jedem Moment ändert sich etwas, das Wolkenbild oder die Witterung. Es ist dauernd was los.

Was macht man eigentlich als Expeditionsbergsteiger?

ZDF-Fernsehfilm
«Mein Bruder, sein Erbe und ich»

Beyer: Zu unverschämten Uhrzeiten aufstehen und mit verschrobenen Freunden in unerforschter Natur wandern gehen.

Sie kraxeln gar nicht richtig auf den Berg?

Beyer: Doch schon, aber das ist auch sehr gefährlich, vor allem wenn es dauernd regnet. In diesem Jahr habe ich erst eine Tour gemacht.

Klingt, als hätten Sie ähnliche Vorlieben, wir Ihre Figur Adrian, der wie ein Einsiedler auf dem Berg lebt.

Beyer: Genau, ich bin gern mal für mich. Das ist abenteuerlich, man macht Dinge, die man machen will und selbst verantwortet. Außerdem bin ich mit meiner Familie nach Bayern umgesiedelt und wohne jetzt im Münchner Süden in der Nähe von Starnberg. In Berlin habe ich noch den berühmten Koffer stehen. Der Film war das erste Filmangebot, das aus Bayern kam.

Sie spielen einen Bayern, reden aber nicht viel im Film. Mussten Sie trotzdem einen Bayerischkurs machen?

Beyer: Weil ich nicht viel rede, brauchte ich diesen Kurs nicht. Wir hatten zwei Kollegen aus Oberbayern dabei. Meine Garderobiere kam vom Tegernsee. Wenn sie meine Hosenträger zurechtgezupft hat, hat sie mir erklärt, wie man etwas ausspricht. Oder die Maskenbildnerin, die mir in letzter Minute noch ein bisschen Schweiß aus einer Evian-Flasche auf das Schlüsselbein gesprüht hat. Die habe ich gefragt: Sagt man das so? Und dann habe ich es beim Dreh genau so wegübersetzt.

Die Bayern sollen ja auch empfindlich sein, wenn man da was falsch macht.

Beyer: Die sind streng, aber ich habe immer geguckt, ob jemand seine Augen verzweifelt Richtung Himmel dreht. Im Film spricht man eh immer so eine Art Kunstbayerisch. Es sei denn, man hat einen Film, dem es wichtig ist, die Realität abzubilden. Aber unser Film hat eine fantastische, symbolische Geschichte, eine charakteristische Erzählung zweier Brüder, wie in einer alten Sage.

Und was passiert?

Beyer: Der Glutkern der Story sind Schulden. Die Mutter vergiftet Schnecken im Gemüsebeet und stirbt dabei selbst, das ist ein operettenhafter Abgang. Und dann vererbt sie ausgerechnet mir, dem verschrobenen, weltfremden Bergbauern, den sie gar nicht so mag, das ganze Geld. Das entwirrt die verfeindeten Brüder und mündet in eine erotische Liebesgeschichte im hohen Norden. Der Film zur Schuldenkrise, wie ich finde.

Sie haben schon in Filmen von Steven Spielberg und Spike Lee mitgespielt. Ist das aufregender oder reicht Ihnen auch Imogen Kimmel, die bei Mein Bruder, sein Erbe und ich Regie geführt hat?

Beyer: Spielberg ist natürlich ein Gott und Ihre Frage natürlich gemein. In Hollywood macht man Filme für den gesamten Globus, hat große Budgets und die Planung dauert Jahre. Man hat hundert Drehtage und 400 Leute am Set. Bei einem Major-Hollywoodfilm ist soviel los, dass die größte ZDF-Produktion daneben wie Hobbybasteln wirkt. Das ist als würde man ein Seifenkistenrennen mit der Formel 1 vergleichen, oder die Apotheken-Rundschau mit der New York Times. Geld bedeutet auch, dass man Zeit hat. Und Zeit bedeutet Qualität.

Das klingt nicht gut für den deutschen Film ...

Beyer: Sehen Sie die neuen Serien der BBC aus England? Aufwändig gestaltet, mit ungewohnten Kameraeinstellungen, super geschrieben, sehr frech. Das muss man sich hier scheinbar erst nach und nach zutrauen. Es sollte endlich ein neues Selbstvertrauen entstehen. Denn Deutschland hat auch im Kino immer wieder sehr gute Sachen gemacht. Wer früher stirbt ist länger tot, in dem Fritz mitgespielt hat, die Filme von Christian Petzold oder Wolfgang Becker. An Sonnenallee, Goodbye Lenin und Das Leben der anderen sieht man, was wir eigentlich können. Ich denke auch an Alles auf Zucker oder Das weiße Band.

Hätten Sie die Wahl würden Sie sich immer für Spielberg entscheiden? Oder vielleicht doch für die familiäre Atmosphäre beim deutschen Film?

Beyer: Als ob ich mir das aussuchen könnte. Nochmal, es ist ja gar nicht familiär hier. Bei Spielberg ist es viel familiärer und ausgeruhter. Wenig Zeit bedeutet immer Stress und Chaos. Da kann man sich nicht sehr viel Humor erlauben. Man kann fast nichts ausprobieren und vor allem keinen einzigen Fehler machen. Denn sobald man einen macht, wird dieser garantiert in den Film reingeschnitten. Und schon ist der Film an einer Stelle irgendwie komisch. Bei einem amerikanischen Film hätten Sie zehn andere brillante Takes. Und im fertigen Film kommt eine gute Szene nach einer guten Szene nach einer guten Szene. Und bei uns kommt eine Gute, dann eine nicht so Gute, dann mal ein schönes Bild und dann muss vielleicht noch etwas ungelenk erklärt werden (lacht).

Ist Schauspieler eigentlich Ihr Traumberuf?

Beyer: Ich finde Restaurantkritiker noch gut, oder Reiseschriftsteller. Da kann man sich auch immer in neue Systeme hinein fantasieren und psychologisch ein- und aussteigen. Ich bin sehr gern Schauspieler und war auch mal wieder auf der Bühne, als Franz Liszt. Was mich da eher abschreckt, ist, dass man die Sachen so lange in sich tragen muss und ein Stück möglicherweise zwei, drei Jahre spielt. Mir gefällt die Abwechslung und das Unterwegssein.

Alexander Beyer ist vielbeschäftigter Schauspieler und wurde dem deutschen Publikum durch seine Rolle in Leander Haußmanns Film Sonnenallee bekannt. Das war 1999. Seitdem spielte er in zahlreichen Kino- und Fernsehfilmen, darunter Goodbye Lenin oder in der vierteiligen Neuverfilmung von Krieg und Frieden. Der 38-Jährige wurde in Erfurt als Sohn eines Geigenbauers geboren und studierte nach dem Abitur an der Schauspielschule Ernst Busch. Er lebt mit seiner Partnerin in der Nähe von München.

Mein Bruder, sein Erbe und ich, ZDF-Fernsehfilm der Woche, Montag, 19. September 2011, 20.15 Uhr

car/news.de

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