Edgar Selge Die Transe aus dem Kölner «Tatort»

Jubiläum beim Kölner Tatort: Die Kommissare Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär lösten gestern ihren 50. Fall. Heimlicher Star aber war ein Schauspieler in Frauenkleidern: Edgar Selge als Transsexuelle Trudi. 

Edgar Selge (Foto)
Edgar Selge (rechts) spielte im Kölner Tatort die Transsexuelle Trudi (links). Bild: WDR/dpa/news.de-Montage

Rot lackierte Fingernägel, schulterlange rotbraune Haare, Ohrringe und Stöckelschuhe: So haben TV-Zuschauer den Schauspieler Edgar Selge noch nie gesehen. Gestern Abend mimte er im Kölner Jubiläums-Tatort eine Transsexuelle und spielte damit Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär, die mit Altes Eisen ihren 50. Fall lösten, glatt an die Wand.

Nicht nur den Zuschauern (acht Millionen schalteten ein/23,2 Prozent Marktanteil), auch den Kommissaren fiel beim Anblick des Schauspielers die Kinnlade runter. «Jeder Jeck ist anders», kommentierte Freddy Schenk (Bär) die erste Begegnung im Treppenhaus. Die Besitzerin des Hauses war zuvor ermordet gefunden worden und so wurden alle Bewohner zum Verhör gebeten, auch Trudi, wie die Transsexuelle heißt.

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Frau mit männlichen Geschlechtsteilen

«Was sind Sie denn?», fragte Schenk. Seit 30 Jahren fühle er sich als Frau, antwortete Trudi. Gespürt, «dass ich anders bin, habe ich schon immer». Aber erst mit Inkrafttreten des Transsexuellengesetzes habe sie sich als Trudi registrieren lassen, aber operieren lassen - das habe sie nicht über sich gebracht.

Transsexualität wird in Deutschland als «Leiden am falschen Körper» definiert. Das deutsche Transsexuellengesetz (TSG) gilt seit dem 1. Januar 1981, sein voller Titel lautet: «Gesetz über die Änderung der Vornamen und die Feststellung der Geschlechtszugehörigkeit in besonderen Fällen». Es soll Frauen, die sich als Mann, und Männern, die sich als Frau empfinden, die Möglichkeit geben, in der zu ihnen passenden Geschlechtsrolle leben zu können. 

Einsatz mit Nebenwirkungen

Für Selge war es der erste Einsatz in Frauenkleidern. «Auf den Stöckelschuhen zu laufen, war wie eine Art Folter», erzählte Selge im Interview mit bild.de. Zwei Stunden habe er in der Maske gesessen, bis er sich in eine Frau verwandelt hatte. Man habe ihm sogar einen richtigen Silikonbusen in den BH gesteckt und 16 Frisuren habe er durchprobiert. «Ich hatte mich ja zuerst in eine blonde Perücke verliebt.» Doch als der Schauspieler dann die rote Tolle aufsetzte, war klar: die und keine andere. «Diese rote Krause passte zu mir, sie hat so was Kleinbürgerliches.»

Tiefer Ausschnitt, Rock und Nylonstrümpfe hatten auch andere Nebenwirkungen. Selge fühlte sich unvollständig angezogen und habe ständig gefroren. «Oben wehte es ja auch ständig rein ins Dekolleté», sagte der 63-Jährige. Er habe sich bei den Dreharbeiten auch prompt erkältet. «Aber es war wirklich eine Erfahrung, mit den Kleidern, der Schminke, Perücke, und dem Schmuck durch Köln-Deutz übers Pflaster zu laufen. Das werde ich nie vergessen.»

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Der Kommissar, dem man in die Seele blickt

Selge ist ein großer Virtuose in der Kunst, Außenseiterfiguren darzustellen. Eine seiner bekanntesten Rollen ist der Kommissar Tauber, den er über zehn Jahre im Münchner Polizeiruf 110 verkörperte. Als einarmiger Ermittler verdiente er sich bei der Tatort-Konkurrenz die Anerkennung der Film- sowie der Polizisten-Welt. Er ist Ehrenkommissar der bayerischen Polizei und neben Goldener Kamera und Grimme-Preisen hat er im Jahr 2003 den deutschen Fernsehpreis als bester Schauspieler erhalten. Die Jury erklärte damals, dass Selge mit dem rauen Melancholiker Tauber eine ganz eigene Figur kreiert habe: «den Kommissar, dem man in die Seele blickt».

Den Blick in die Seele gewährte Selge den Zuschauern für seine Tatort-Trudi ebenfalls. Das liebende Pflichtgefühl, mit dem sich Trudi auch zig Jahre nach der Trennung um seine Exfrau kümmert, konnte Selge so feinfühlig übermitteln, dass sowohl der gute Charakter als auch das Dilemma des Transsexuellen plastisch wurden. Als seine Frau Gerda kurz vor dem Showdown sagte: «Ich bedaure nichts. Du bist mir nichts schuldig», zeigte Selge im Gesicht der Trudi die ganze Bandbreite der Verzweiflung; sämtliche Schuldgefühle, weil Gerda womöglich ohne ihn ein erfüllteres Leben gehabt hätte.

Auch privat setzt sich Selge für Außenseiter ein. Gemeinsam mit seiner Frau, der Schauspielerin Franziska Walser, engagiert er sich für BASTA, eine Kampagne gegen die Stigmatisierung und Diskriminierung psychisch Kranker. «Diese Menschen stoßen oft auf Ablehnung, weil ihr Umfeld Angst vor ihnen hat», sagte Selge einmal in einem Interview mit dem WDR. «Das zeigt meines Erachtens aber nichts anderes als die Angst, selbst krank zu werden.»

Hat der Ex-Polizeiruf-Kommissar durch seine Gastrolle wieder Lust auf die Krimi-Kult-Reihe bekommen? «Ich werde auch weiterhin Episodenrollen spielen, wenn eine interessante Figur da ist», zitiert bild.de den Schauspieler. Aber als Kommissar seien Tatort und Polizeiruf für ihn abgehakt. 

Lesen Sie hier unsere Rezension zum Kölner Tatort.

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Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • Jürgen Guttschick
  • Kommentar 3
  • 09.09.2011 09:09

Als Mann ist der schon unansehnlich, aber als Transe zum kotzen. Welche kranken Hirne beim TV denken sich sowas aus?

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  • WHW
  • Kommentar 2
  • 05.09.2011 12:47

Großartig gespielt.Er hat mir schon als Kommissar sehr gut gefallen.Das so rüber bringen kann nur jemand der sich mit der Rolle anfreunden kann.Zum Glück hatten wir in Deutschland genügend die sich in Frauenkleidern bewegten aber kaum einen der den Charakter und die Gefühle so gut rüber bringen kann.Einfach nur Klasse.

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  • hjsprag
  • Kommentar 1
  • 05.09.2011 12:29

selge war grandios!

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