Kölner «Tatort» Die Transe aus dem Veedel

Tatort (Foto)
Seit 50 Fällen ein Paar: Die Kommissare Freddy Schenk (Dietmar Bär, rechts) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) ermitteln in Köln.  Bild: WDR/Willi Weber

Von news.de-Mitarbeiter Tobias Köberlein
49 Mal haben die Kommissare Ballauf und Schenk gemeinsam ermittelt. Meistens ging es dahin, wo es schmerzt. Auch der Jubiläumsfall Altes Eisen macht da keine Ausnahme. Es geht um Gentrifizierung und Transsexualität. Der Zuschauer bekommt, was er vom Kölner Duo erwarten kann. 

«Wir sind schon wie ein altes Ehepaar», sagt Schenk (Dietmär Bär) zum Kollegen Ballauf (Klaus J. Behrendt), als die beiden nach gelöstem Fall unter der Rheinbrücke das obligatorische Kölsch zischen. Kein Tatort-Team arbeitet so verlässlich wie das Duo aus Köln. Kinderprostitution, Blutdiamanten, Obdachlosigkeit - der Tatort aus der Domstadt hat keine Angst vor den ganz großen Themen.

In knapp 90 Minuten Krimi erklären uns Freddy und Max immer auch ein bisschen die Welt. Zusammen mit der Hemdsärmeligkeit des Teams macht das den Charme des Kölner Tatort aus. Der Zuschauer weiß, was ihn erwartet: kein Schnickschnack mit Kino-Ambition, sondern Realitätsnähe, der Geruch der Straße, der Atem der Großstadt.

Kölner «Tatort»
Single Ballauf spricht von Liebe

Der Mief des Veedels

Natürlich müssen die Kölner dafür einen Preis bezahlen. Die Fälle sind oft düster, die Optik trist und grau, die Auflösung manchmal arg vorhersehbar. Alle drei Punkte treffen auch auf den Jubiläumsfall zu. Altes Eisen führt tief hinein ins Milieu und zeigt, dass es mit der viel beschworenen Toleranz der Rheinländer manchmal nicht allzu weit her ist. Die Transsexuelle Trudi Hütten (Edgar Selge) muss das schmerzhaft erfahren, wenn sie in Nylons und Stöckelschuhen zum Liederkranz in die Eckkneipe stöckelt. Draußen pfeift ihr die Jugendgang des Viertels hinterher, drinnen zischt ihre Vermieterin sie an, sie solle doch gefälligst auf die Herrentoilette gehen, wo sie hingehöre.

Edgar Selge spielt diese Trudi ohne aufgesetzte Tuntigkeit. Zerbrechlich und gleichzeitig stark wirkt diese Frau, die im für sie falschen Körper geboren wurde. Den Anfeindungen ihrer Umwelt begegnet sie mit einer Menschlichkeit, die der Zuschauer fast schon als schmerzlich empfindet. Anrührend, wie sich Trudi um Nachbarin Gerda (Heide Simon) kümmert. Mutig, wie besonnen sie auf die unverhohlene Verachtung ihrer Vermieterin Erika Roeder (Anne Marie Fliegel) reagiert, die sie und die anderen Mieter aus dem Haus ekeln will. Das «Veedel», Köln-Kalk, ist im Kommen. Die ersten Häuser werden luxussaniert. Das wohlhabende Kölner Bürgertum hat den Arbeiterstadtteil als schicke Wohnlage entdeckt. Nur zu verständlich, dass die jetzigen Bewohner davon profitieren wollen. Wenn sie denn können.

«Tatort»
Die Kommissare im Überblick

Ballauf als Rosenkavalier

Erika Roeder kann das nicht mehr. Die ältere Dame wurde mit einem Gasdruckrevolver erschossen. Die Tätersuche bietet dem Krimi (Regie: Mark Schlichter, Buch: Mario Giordano) reichlich Gelegenheit für ein paar kleine, aber auch recht oberflächliche Charakterskizzen. Da gibt es den schmierigen Wettbüro-Zocker (Tobias Oertel), der mit Erika Roeder obskure Geschäfte am Laufen hatte, das Muttersöhnchen (Aljoscha Stadelmann), das sein Leben lang nichts auf die Reihe gebracht hat, und eine attraktive Kneipenwirtin (Henny Reents), die offenbar ihr eigenes Süpplein kocht. Die Welt des Kölner Tatort bleibt dann doch sehr überschaubar und in der Zeichnung der Charaktere leider auch arg stereotyp.

Besser als sonst wird das Privatleben der Kommissare in den Fall integriert. Der zuletzt höchst missmutige Ballauf blüht regelrecht auf, was zwei Gründe hat: ein Jobangebot des BKA und die Polizeipsychologin Lydia Rosenberg (Juliane Köhler). Beim Dauer-Single klopft die Liebe an die Tür, allerdings nur so lange, bis der dackeläugige Galan dem Ehemann der Angebeteten gegenübersteht. Aus Frust will Ballauf dann sogar tatsächlich nach Wiesbaden wechseln. Wenn schon Alters-Einsamkeit, dann wenigstens noch schnell auf den Karriere-Zug aufspringen. Klar, dass Kollege Schenk wenig begeistert ist.

Am Ende kommt es, wen soll es überraschen, doch wieder ganz anders. Schenk und Ballauf, das «alte Ehepaar», stehen noch gut im Saft. Ob es für noch mal 50 Fälle reicht? Nächstes Jahr steht ein gemischtes Doppel mit den Kollegen aus Leipzig an. Die Folge wird vermutlich im Herbst ausgestrahlt. Doch bis dahin werden Ballauf und Schenk auch ohne Aufbauhilfe Ost noch so manche Currywurst vertilgen und einige Kölsch zischen.

Bestes Zitat: «Immer das Gleiche in Köln: Alle machen auf dicke Freunde und dahinter steckt nur Hass und Streit.» (Max Ballauf)

Titel: Tatort - Altes Eisen
Regie: Mark Schlichter
Darsteller: Dietmar Bär, Klaus Behrendt, Tessa Mittelstaedt, Joe Bausch, Juliane Köhler, Edgar Selge und andere
Sendetermin: Sonntag, 4. September 2011, 20.15 Uhr, Das Erste

cvd/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Walter Loew
  • Kommentar 1
  • 05.09.2011 12:34

Die Kommissare und ihre Franziska,einfach ein Spitzenteam! Spannende Handlungen,überzeugende Schauspieler,da passt einfach alles. Von denen schaue ich mir sogar Wiederholungen an!!! Dürfte ich die Hotel-Klassifizierung anwenden, bekäme der Köllner-Tatort zumindest fünf dicke Sterne.

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