«Die Lehrerin» Die Stille nach dem Amoklauf

Die Lehrerin ist ein Albtraum. Und ein großartiger Film. Regisseur Tim Trageser erzählt vom Schrecken eines Amoklaufes an einer Schule und von der Hilflosigkeit danach. Brillant gespielt von Anna Loos, Meret Becker und Axel Prahl - heute im ZDF.

Der erste Schultag nach den Sommerferien. In der Schule herrscht das übliche Gewimmel. Mittendrin Andrea Liebnitz (Anna Loos), seit 15 Jahren ist sie Lehrerin. Voller Tatendrang schreitet sie die Stufen der Realschule hinauf: Sie will kündigen.

Andrea ist müde, ausgelaugt. Sie selbst spricht von Burnout und will aufhören, «bevor mir irgendwann die Hand ausrutscht». Ihre beste Freundin Katja (Meret Becker) will sich damit allerdings nicht abfinden. Auch sie ist auch Lehrerin, doch anders als Andrea: fröhlich, beliebt und unkonventionell. Im Unterricht trägt sie Hausschuhe und bekommen die Schüler schon mal ihre alten Janis-Joplin-Platten zu hören.

Katja hat sich fest vorgenommen, Andrea in der große Pause umzustimmen. Doch zu dem Gespräch kommt es nicht mehr. Noch während der ersten Stunde hallt ein lauter Knall durch das Treppenhaus. Andrea rennt los und sieht Katjas Schüler aus dem Klassenzimmer stürzen, sie schreien. Instinktiv bringt sie die Kinder in Sicherheit, verbarrikadiert sich mit ihnen in einem Unterrichtsraum. Von Katja keine Spur.

Erst später erfährt Andrea, dass ihre Freundin von einem ehemaligen Schüler angeschossen wurde und im Koma liegt.

Mit dem Reden haben es die Lehrer nicht so

Spätestens seit dem Massaker an der Columbine High School im amerikanischen Littleton 1999 ist sich die Gesellschaft der Gefahr durch Amokläufe an Schulen bewusst. Seither ist die Zahl der Gewaltverbrechen auch in Deutschland gestiegen. Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit sind die Amokläufe von Erfurt und Emsdetten, Winnenden und Ansbach.

Die Tat selbst zeigt Regisseur Tim Trageser in Die Lehrerin nicht. Lediglich eine Blutlache auf dem Boden des Klassenzimmers ist zu sehen, daneben Katjas Hausschuhe. Den Filmemacher interessiert, was der Amoklauf aus den betroffenen Menschen macht. Und diesen Albtraum inszeniert er auf großartige Weise.

Einige Tage nach dem schrecklichen Ereignis treffen sich die schockierten Pädagogen und Schüler in der Schule wieder. Nur, wie soll es weitergehen? Wie findet man in den Alltag zurück? «Ich weiß nicht, wie ich vor den Schülern stehen soll. Ich habe Angst», sagt eine Lehrerin mit tränenerstickter Stimme. Aber mit dem Reden hat es das Kollegium nicht so. «Da sind wir etwas aus der Übung», heißt es. Und die überforderte Schulleiterin (Ramona Kunze Libnow) bittet Andrea, die traumatisierte Klasse ihrer schwerverletzten Kollegin vorübergehend zu übernehmen. Anfänglich sind beide Seiten wenig begeistert. Doch die pragmatische Biologie-Lehrerin tut es für Katja und stellt ihre eigenen Bedürfnisse zurück.

Zumal sie sich Vorwürfe macht: Hatten die beiden doch an dem verhängnisvollen Morgen kurzfristig die Klassen getauscht. Manche Kollegen fragen sich, warum? Zudem sehen sich die Lehrer mit schwerwiegenden Vorhaltungen einiger verzweifelter Eltern konfrontiert. Nur Andrea findet klare Worte: «Nicht nur, dass neuerdings Schüler hier bewaffnet ankommen und uns abknallen. Wir Lehrer stehen auch noch unter dem Generalverdacht, dass wir das alles irgendwie verdient haben.»

Rückblenden voller Unbeschwertheit

Jeden Tag besucht sie Katja im Krankenhaus und erzählt von ihren kleinen Erfolgen und Misserfolgen, berichtet vom Leben an der Schule. Sie wundert sich nicht darüber, dass Katja - obwohl sie im Koma liegt - mit ihr spricht und streitet. Andrea ist so fest davon überzeugt, dass ihre Freundin wieder gesund wird, dass es für sie zur Realität wird. Nur einer merkt, dass die vollkommen verzweifelte Frau ihre eigenen Gefühle verdrängt und in ein Trauma hineingleitet: der Psychologe Weininger (Axel Prahl). Er versucht, der Lehrerin zu helfen, die ihm über die Arbeit hinaus sympathisch ist. Doch sie lässt es nicht zu.

Die Lehrerin ist ein toller, überaus intensiver Film, der nicht nur von den brillanten Hauptdarstellern lebt. Immer wieder lässt er die eindrucksvollen Bilder für sich sprechen. Anna Loos' endlos leerer Blick sagt mehr als tausend tränenerstickte Worte. So wie ihr unsicherer Griff zur Türklinke, wenn sich die Kamera in einem verlassenen Flur auf die zittrige Hand fokusiert. Die verlorene, einsam am Küchentisch Tee trinkende Frau. Der die Ohnmacht ins Gesicht geschrieben steht.

Den krassen Szenen aus der Gegenwart setzt Trageser Rückblenden voller Leichtigkeit entgegen, Episoden aus Andreas und Katjas unbeschwerter Vergangenheit. Es macht Spaß, den beiden zuzugucken. Was dem flauen Gefühl im Magen und der Gänsehaut eine noch stärkere Intensität verleiht. Und auch die eindringlichen Arrangements der nur spartanisch erklingenden E-Gitarre, des Klavier und der Streicher sind daran nicht ganz unschuldig. 

Anna Loos: Schauspielerin, Sängerin, Ehefrau

Bestes Zitat: «Katja, das Nachthemd sieht scheiße aus.» (Andrea zu ihrer Freundin, die im Krankenhausbett im Koma liegt)

Titel: Die Lehrerin
Regie: Tim Trageser
Darsteller: Anna Loos, Axel Prahl, Meret Becker, Ramona Kunze Libnow, Christina Grosse
Sendetermin: Montag, 23. Januar 2012, 20.15 Uhr, ZDF

car/boi/news.de/dapd

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Leserkommentare (3) Jetzt Artikel kommentieren
  • Dudei
  • Kommentar 3
  • 27.08.2011 00:01

Stelle sparen. DAS MACHT SINN. Und natürlich die Menschen begeistern, dass es etwas bringt, sich für Veränderungen einzusetzen.

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  • Dudei
  • Kommentar 2
  • 26.08.2011 23:57

verkrümeln...und das soziale System...es schreit zum Himmel!Wer nicht in der Gruppe was bieten kann oder irgendwie außergewöhnlich ist, wird ausgegrenzt und/oder gemobbt.Wer dann nicht im Fluss mitschwimmen will, verliert "Freunde", die Rettungsanker und meist auch Familienersatz sind....TRAURIGE GESELLSCHAFT!Und wer soll das Gesellschaftsloch flicken? Schule.Nein, dazu ist sie nicht in der Lage.Sie ist genauso Brennpunkt wie die Familie, die Gesellschaft...Und was können wir dagegen machen? Gute Frage.UMDENKEN!Geld für Menschlichkeit in unserer Gesellschaft ausgeben und nicht an verkehrter St

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  • Dudei
  • Kommentar 1
  • 26.08.2011 23:47

Ein sehr guter Film...aber er spielt nicht im Gymnasium sondern in einer Realschule...Wer fragt denn heute noch, wie es den Lehrern geht...ja,alle schimpfen auf das Schulsystem und die geschlauchten Lehrer...aber , warum gibt es so viele psychosomatische Erkrankungen in dieser Berufsgruppe , das interessiert kaum jemanden. Engagierte Lehrer brennen nach wenigen Jahren aus, weil sie nach den Angreifen der letzten Energiereserven fast Burn out erleben und dann einen Gang zurück schalten müssen und im System etwas zu ändern, da braucht man Verbündete, die sich nach den ersten Schwierigkeiten verk

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