Matthias Brandt Ein Kommissar mit Köpfchen

In Cassandras Warnung ermittelt Matthias Brandt am Sonntag erstmals im Münchner Polizeiruf 110. Im news.de-Interview verrät der Charaktermime, warum er es mag, der sehr eigene Hanns von Meuffels zu sein - und nicht Schimanski.

Matthias Brandt (Foto)
Matthias Brandt spielt im neuen Münchner Polizeiruf 110 den etwas anderen Kommissar Hanns von Meuffels. Bild: dpa

Herr Brandt, warum sind Krimis Ihrer Ansicht nach ein dankbares Genre?

Matthias Brandt: Weil man über das Vehikel des Kriminalfalls unheimlich schnell in jedes denkbare Milieu eintauchen kann. Man steht sonst ja immer vor dem Problem, zu erklären, warum jemand wie Hanns von Meuffels, wenn er kein Polizist ist, da auf einmal im Sozialbau rumläuft. Es gibt ein Verbrechen und einen Polizisten. Und der Polizist muss dahin, wo das Verbrechen passiert und ist. Und von diesem Moment an ist er in dieser Welt. Deshalb bietet es unheimlich viele Erzählmöglichkeiten, dieses Genre Polizeifilm oder Kriminalfilm.

Ihr Hanns von Meuffels erscheint von Beginn an sehr vielschichtig, aber nicht gerade einfach. Ihn umweht eine gewisse Melancholie, etwas Geheimnisvolles. Wie würden Sie ihn charakterisieren?

Münchner «Polizeiruf»: Cassandras Warnung

Brandt: Ich würde dem nicht widersprechen. Er ist sicher eine eigenbrötlerische Figur, die es in der Kommunikation mit ihrer Umwelt nicht immer einfach hat. Gerade das erschien mir auch so reizvoll daran. Ich glaube, er ist jemand, der einerseits sehr bei sich und in sich ist, andererseits immer mit der Gefahr konfrontiert sein wird, den Täter vielleicht zu gut zu verstehen. Oder besser zu verstehen, als es ihm gut tut. Ich denke, wenn man so eine Figur entdeckt, dann ist ja erst einmal das Spannende, vor welchen Hürden diese steht. Eigentlich baut man sich eine Art Hindernisparcours auf, um sich zu definieren. Mich hat jetzt in diesem Rahmen so eine gewisse Sprödigkeit durchaus interessiert. Eine Figur, die sich nicht sofort erschließt und die auch ich erst von Film zu Film mehr entdecke.

Sie haben die Figur mitentwickelt, oder?

Brandt: Ja. Also natürlich überlegt man sich Grundzüge, wo man damit hin möchte. Dann gibt es immer noch mal einen Punkt, an dem man denkt: Okay, ausdenken kann man sich viel und wenn man es dann macht, zeigt sich, ob das funktioniert oder nicht. Aber wir reden per se sehr offen miteinander, alle: Redaktion und Autoren und Regisseure und ich gebe da auch meinen Senf dazu. Ich wollte von vornherein, dass nicht ein zu präziser Fahrplan existiert. Weil ich finde, dass einen das für die Geschichten dann immer einschränkt. Dann arbeitet man irgendwie nur noch ein festgelegtes Konzept ab.

Die neuen Facetten können sich aber auch überraschend während des Drehens ergeben, aus der Geschichte heraus, und Sie entwickeln diesen spontan weiter?

«Polizeiruf 110»: Die aktuellen Ermittler
zurück Weiter «Polizeiruf 110» (Foto) Zur Fotostrecke Foto: NDR/Marcus Krüger

Brandt: Absolut. Natürlich muss man bestimmte Setzungen machen: Das sind Grundcharakterzüge von einer Figur und wenn sie in die und die Situation gerät, wird sie wahrscheinlich so und so reagieren. Sonst wird es vollkommen beliebig. Dann ist es jedes Mal eine andere Figur und das funktioniert in so einem Rahmen nicht. Aber so eine Rolle kennenzulernen, wie man im Leben auch einen Menschen kennenlernt, das finde ich interessant.

Mögen Sie Hanns von Meuffels?

Brandt: Ja. Also das muss ich sagen. Ich mag den sehr.

Trotz seiner Macken.

Brandt: Ja, aber das ist grundsätzlich etwas, was ich mag. Und ich glaube, das geht in dem Fall auch nicht anders. Wenn ich mich derart lange mit etwas beschäftige, dann muss das schon eine Figur sein, die ich auch mag. Weil man zu dieser einfach noch eine andere Beziehung entwickelt. In einem Einzelstück oder wenn man so extreme Täterrollen spielt, ist das nicht so.

Entgehen Sie so der Gefahr, dass Sie sich abnutzen - auch als Schauspieler? Denn die besteht doch immer, wenn man eine Rolle in einer Serie oder Reihe übernimmt - dass man auf diese festgelegt wird.

Brandt: Mal gucken. Das kann ich noch nicht wirklich sagen. Ich sehe die Gefahr, die Sie da beschreiben. Ich glaube aber, das wird noch einmal verschärft, wenn man durch so eine Rolle bekannt wird. Dann wird man noch mehr damit identifiziert, als wenn man vorher schon eine gewisse Aufmerksamkeit hat. Trotzdem ist das immer auch eine Frage der Zeit. Wenn ich aber das Gefühl hätte, es läuft darauf hinaus, wirklich nur noch auf den Polizeiruf reduziert zu werden, dann würde ich es wohl auch nicht mehr machen.

Auf Ihren Vater, Ex-Bundeskanzler Willy Brandt, spreche ich Sie nicht an, aber Sie haben mal über Ihre Mutter gesagt, sie sei «eine Frau von Stil und Eleganz und dabei vollkommen ...»

Brandt: Unspießig.

Genau. Haben Sie sich von ihr für die Rolle inspirieren lassen? Ihr Kommissar ist von adeliger Herkunft, elegant, höflich, menschlich.

Brandt: Es ist interessant, dass Sie das sagen. Da wäre ich jetzt von mir aus nicht darauf gekommen. Aber das mag sein, dass da auch dieser skandinavische Teil in mir durchschlägt, der natürlich durch meine Mutter geprägt ist.

Zudem kommen Sie intellektuell und belesen rüber. Sie zitieren Baudelaire und Tucholsky, kennen die griechische Mythologie aber auch die Troja-Verfilmung mit Brad Pitt.

Brandt: Ja, das fand ich irgendwie ganz interessant. Sich zu überlegen, dass diese Figur nicht jemand ist, der mit 16 bei der Polizei in die Lehre und wie Schimanski auf Streife gegangen ist. Sondern ein Seiteneinsteiger. Der intellektuellere Typ, wenn man so will. Der gute Schulen besucht und sein Jurastudium angefangen, nach drei, vier Semestern aber gemerkt hat, dass das Wissenschaftliche nicht seine Art des Arbeitens ist. Sondern dass er mehr an die Leute ran muss, aus einer großen Empathie heraus, einem Interesse für Menschen oder aus dem Gefühl, tatsächlich etwas bewirken zu wollen. Aber das entwerfe ich jetzt mal für die Figur.

Bislang ist das Private ja komplett außen vor. Die Ermittler werden über die Fälle eingeführt, die Figuren in die Geschichten hineingeworfen.

Brandt: Das ist genau so gewollt. Ich finde auch, dass bei vielen Krimis die Gefahr besteht, dass mir für meinen Geschmack zu viel vom Privatleben der Kommissare erzählt wird. Was eventuell ja auch damit zu tun haben kann, dass es schwer ist, eben einen Fall über 90 Minuten spannend zu erzählen. Und dass man sozusagen von den 90 Minuten schon mal 20 mit der Scheidung des Kommissars abarbeiten kann oder was auch immer.

Aber könnte es vielleicht irgendwann mal einen derartigen privaten Background geben?

Brandt: Wenn man so perspektivisch erzählen kann, kann man immer wieder etwas aufgreifen und wird man die Person doch zwangsläufig irgendwann in privaten Situationen erleben. Für mich war es viel interessanter, über den Fall ranzugehen. Das ist ja quasi der Vorteil einer solchen Reihe: dass sich die Protagonisten entwickeln. Ich finde es auch falsch, am Anfang gleich sein Pulver zu verschießen und die Leute zuzuballern mit Privatinformationen. Ich habe früher mit meiner Tochter immer gerne gepuzzelt. Das heißt, sie hat gerne Puzzles gemacht und ich habe das dann halt mit ihr gespielt. Und zwar so, dass wir zuerst den Rand gelegt haben und dann immer weiter in die Mitte vorgedrungen sind. Und irgendwann war das Bild fertig. Wenn ich ein Bild entwerfen sollte, wie ich mir die Arbeit an dieser Rolle vorstelle, dann wäre es vielleicht dieses. Und wahrscheinlich ist sie in dem Moment, in dem das letzte Teil in die Mitte kommt, auch fertig. Dann muss man wieder etwas anderes machen.

Gerade in der zweiten Episode gibt es sehr intensive Szenen. Das gesamte Szenario in dem zerbombten Tunnel ist ein sehr krasses. Können Sie so etwas einfach ablegen, wenn Sie da rausgehen? Oder nehmen Sie im Hinterkopf abends schon etwas mit nach Hause?

Brandt: Sowohl als auch. Einerseits muss man natürlich professionell an all das rangehen. In dem Sinne, dass man versucht, die Emotionen, die man vermitteln will, sich nicht selbst zu sehr anzueignen - was einen auch einschränken würde im Spiel. Das ist aber Schauspielerhandwerk. Nur wenn ich es ernst meine, und ich versuche ja das, was ich spiele in dem Moment zu beglaubigen, macht das natürlich etwas mit mir und löst etwas in mir aus. Ich trage natürlich all das mit mir rum. Das ist jetzt zu kompliziert, genau zu erklären, wie man das handhabt. Aber es ist überhaupt nicht so, dass es einen unberührt lässt.

Beim Polizeiruf 110 sind die Ermittler - im Gegensatz zum Tatort - ohnehin immer sehr nahe an den Menschen. In Ihren beiden ersten Fällen ist diese Nähe allerdings gekoppelt mit relativ viel Action: Hier brennt ein Haus, da explodiert eine Bombe. Steckt dahinter ein neues Konzept?

Brandt: Nee, ein Konzept in der Richtung haben wir nicht. Die beiden Fälle sind auch weitestgehend unabhängig voneinander entwickelt worden. Und die nächste Geschichte hat dieses Element auch nicht. Das wird eine bayerische Dorfgeschichte, die einen Kriminalfall behandelt, der zehn Jahre zurückliegt und ein ganzes Dorf wieder einholt. Das fanden wir interessant: Den von Meuffels, nachdem er gerade anfängt, München zu bewältigen, aufs bayerische Dorf zu schicken und mal zu gucken, was da passiert. 

Matthias Brandt ist der jüngste Sohn des früheren deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt und seiner Frau Rut. Der heute 50-Jährige studierte Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. In den ersten Jahren seiner Karriere war er Mitglied in den Ensembles zahlreicher namhafter Theater in Deutschland und der Schweiz. Seit 2000 ist Brandt auch regelmäßig im Fernsehen zu sehen - vorwiegend in Charakterrollen. Dafür wurde er unter anderem mehrfach mit dem Grimme-Preis sowie dem Bayerischen Fernsehpreis und der Goldenen Kamera ausgezeichnet. Zudem spricht Matthias Brandt Hörbücher.

Die erste Polizeiruf 110-Folge Cassandras Warnung mit Matthias Brandt wird am Sonntag, 21. August 2011, um 20.15 Uhr gesendet.

car/news.de

Bleiben Sie dran!

Wollen Sie wissen, wie das Thema weitergeht? Wir informieren Sie gerne.

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig