TV-Trend Messies müllen für Millionen

Zugemüllt bis oben hin: Sendungen über verwahrloste Wohnungen und müllsammelnde Messies sind derzeit schwer angesagt. Millionen schalten ein, wenn Tine Wittler und Co. die Dreckbuden ausmisten. Eine Analyse.

Messies (Foto)
Trend im Sommerloch: Fernsehsender zeigen Messies in ihren zugemüllten Wohnugen. Bild: RTLII

Müll, wohin das Auge schaut, und die Fernsehzuschauer schalten gern ein. Messie-Geschichten im TV laufen sehr gut. RTL setzte bereits doppelt zur besten Sendezeit auf Müll-TV. Vera Int-Veen führte bei Mietprellern auf der Spur 4,4 Millionen Zuschauer in total verwahrloste Wohnungen, Tine Wittlers Einsatz in 4 Wänden Spezial zur Messie-Wohnung sahen sogar 5 Millionen Zuschauer.

Auch Sat.1 und RTL2 setzen auf die Wirkung der Sammelwütigen samt Ekelfaktor. Mit Erfolg. Bei SOS Garten half Pflanzenexpertin Andrea Göpel, den Garten eines Messie-Vaters zu entrümpeln (1,6 Millionen Zuschauer) und Psychotherapeutin Sabina Hankel-Hirtz entmüllt als weiblicher Teil bei Das Messie-Team rigoros verkramte Wohnungen. Immerhin knapp 1,6 Millionen schauen ihr Woche für Woche dabei zu.

«Das Messie-Team»: Wo das Chaos regiert
zurück Weiter Messie (Foto) Zur Fotostrecke Foto: news.de-screenshot (rtl2.de)

Die Themen Wohnmüll und Verwahrlosung sind bei den Fernsehmachern gerade schwer angesagt. Messies sind gefragt. Also jene Menschen, die in ihren Wohnungen Stapel von Papier, Krimskrams und Müll türmen, sodass die Räume beinahe unbewohnbar werden. Messies (vom englischen Wort mess für  Unordnung) sind sammelsüchtig.

Doch warum wollen so viele Menschen die Sendungen zu den Wohnmüllhalden sehen? Und wie geht es den Messies selbst mit diesen Sendungen? News.de fragte dazu Janice Pinnow, die Vorsitzende des Landesverbands der Messies im Norddeutschen Raum. Sie selbst leidet am Messie-Syndrom.

Von wegen schnelle Lebenshilfe

Als Betroffene sieht Pinnow die Sendungen mit Tine Wittler und Co. höchst kritisch. Von wirksamer Lebenshilfe könne keine Rede sein: «Diese Sendungen helfen Menschen mit Messie-Syndrom überhaupt nicht. Die Menschen, die da als Messies gezeigt werden, verhalten sich sogar eher messieuntypisch. Sie rebellieren zum Beispiel gar nicht, wenn ihnen die Sachen weggenommen werden.» 

Die Wohnung sei für Messies eine Art Schutzraum, der ihnen Geborgenheit gibt. Wenn dann auf einmal Dekoqueen Tine WIttler kommt, alles ausräumt, umräumt und fein säuberlich Plüschkissen drappiert, kann das, so Janice Pinnow, dramatische Folgen haben: «Messies binden sich emotional an ihre gesammelten Gegenstände. Für sie sind diese Sachen vom Gefühl her wie gute Freunde. Und wenn sie ihnen weggenommen werden, ist das für sie schwer auszuhalten.» Ergo: Einfach mal eben ein, zwei Container rankarren und gründlich ausmisten, reiche bei Menschen mit Messie-Syndrom nicht aus. «Es wird nach einiger Zeit wieder genauso aussehen wie vorher», weiß Janice Pinnow.

Auch wenn die Doku-Soaps keine echte Hilfe für die Messies bieten, für die Einschaltquoten sind sie allemal gut. Janice Pinnow vermutet als Ursache Voyeurismusbefriedigung für die Zuschauer und warnt: «Das Fatale an dieser Sache ist ja auch, dass Nachbarn, Verwandte und auch Ärzte, die sich nicht hinreichend mit dem Messie-Syndrom auskennen, diese Sendungen schauen und meinen, sie müssten dann gleich ihren Bruder, Freund, die Mutter oder wen auch immer dort anmelden. Frei nach dem Motto: Wir nehmen das jetzt mal in Hand, räumen die Bude leer, machen alles neu. Aber dann ist eben nicht alles gut.»

Messies schauen die Messie-Sendungen

Janice Pinnow beschreibt das Messie-Syndrom als «eine komplexe psychische Persönlichkeitsstörung», die ihre Ursachen in der frühen Kindheit der Betroffenen hat. Konkrete Zahlen, wie viele Menschen in Deutschland unter dem Messie-Syndrom leiden, gibt es nicht. Schätzungen (von 2004) zufolge sind es knapp zwei Millionen. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher sein. Pinnow vermutet gar: «Die Zahl könnte ähnlich hoch wie bei Alkoholikern sein. Schließlich läuft da alles im Verborgenen ab. Viele Messies sind praktizierende Ärzte, Manager oder Lehrer - also Leute, die top im Job funktionieren. Das Messie-Syndrom ist ein inneres Chaos, dass sich nach außen in Form einer chaotischen Wohnung zeigt. Ein Spiegel dessen, was beim Betroffenen im Kopf chaotisch läuft.»

Dass Messies derzeit im Fernsehen ein Thema sind, hat Janice Pinnow unterdessen auch im Rahmen ihrer Arbeit beim Landesverband bemerkt: «Ich habe viele Anrufe von Messie-Syndrom-Betroffenen bekommen, dass die Sendung Das Messie-Team läuft. Die gucken sowas natürlich auch und tragen wohl nicht unerheblich zu den guten Einschaltquoten bei.»

rut/cvd/news.de

Bleiben Sie dran!

Wollen Sie wissen, wie das Thema weitergeht? Wir informieren Sie gerne.

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Petra
  • Kommentar 2
  • 11.08.2011 19:07

Ich kann Till nur Recht geben. Man sieht nur noch Verlierer im Fernsehen: Leute die ihre Kinder oder Hunde nicht selber erziehen können, Menschen, denen die Schulden haushoch über den Kopf wachsen oder die das eigene Restaurant in den Ruin treiben. Jetzt kommen noch die Messies dazu und wahrscheinlich kann man die Liste demnächst bis ins Unendliche fortsetzen. Warum kommt nicht mal euiner auf die, Leute zu zeigen, die was selber schaffen, damit andere ein positives Besispiel haben? Sollte dies zufällig ein TV-Produzent lesen: ich hätte auch eine Idee, wie man das umsetzen könnte.

Kommentar melden
  • Till
  • Kommentar 1
  • 11.08.2011 17:03

Die deutsche Gesellschaft verdummt. Es ist traurig zu sehen, was den Menschen hier gefällt, und dass sie sich mit dem Leid, was hier höchstwahrscheinlich noch von den Tv-Sendern dramatisiert wird, so beschäftigen lassen. Reich-Ranicki würde dies als Blödsinn betiteln, wo er eindeutig recht hat. Eine gute Sache hat diese Fars: die Leute fühlen sich gut, da sie sehen, dass es ihnen im Vergleich besser geht...Schwachsinn :)

Kommentar melden
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig