Dempsey vs. Carpendale Warum sind deutsche TV-Ärzte so unsexy?

Dempsey und Carpendale (Foto)
Wer hat wohl den größeren Schlag bei Frauen: Patrick Dempsey (links) oder Wayne Carpendale? Bild: news.de-dpa-(Montage)

Von news.de-Mitarbeiterin Stephanie Bremerich
Der eine ist McDreamy, der andere geht höchstens als Liebling der Schwiegermütter durch: Derek Shepherd von Grey's Anatomy und Landarzt Jan Bergmann könnten unterschiedlicher nicht sein. Was unterscheidet die US-TV-Ärzte von ihren deutschen Kollegen?

1994 wurde in den USA nicht nur die Krankenhausserie neu erfunden, sondern es erblickte auch der TV-Arzt mit Sex-Appeal das Licht der Welt. Emergency Room - die Notaufnahme und Chicago Hope - Endstation Hoffnung machten Tabula Rasa mit dem Mythos des Halbgottes in Weiß, wie man ihn seit Jahrzehnten aus General Hospital kannte. Plötzlich durften Ärzte überfordert und fehlbar, eben menschlich sein, und das Krankenhaus wurde zum Schauplatz von urbanem Thrill und Action.

Wer verstehen will, wie Patrick Dempsey zu McDreamy werden konnte, muss deshalb bei George Clooney und Dr. Ross ansetzen: Kammerflimmern - Defibrillieren - Inturbieren! Kein anderer Arzt konnte in den Neunzigern auf so charmante Weise Dringlichkeit vermitteln wie der Graumelierte mit dem Dackelblick. Und auch Grenzgänger und Eigenbrötler wurden salonfähig - auf Spurensuche der genialistischen Exzentrik eines Dr. House (Hugh Lauri) landet man folgerichtig bei Chicago-Hope-Chefzyniker Dr. Jeffrey Geiger (Mandy Patinkin). Seitdem geht eine Schneise durch die TV-Ärzte-Gemeinde, die die deutschen von amerikanischen Ärzteserien sauber trennt.

Arztserien
Helden im Kittel

Statt fieberhafte Spannung durchweht deutsche Produktionen im Gegensatz zu amerikanischen nämlich bis heute meist ein eher lindes Lüftchen. Ob das Leipziger Kollegium in der Sachsenklinik (In aller Freundschaft) oder Dorf- und Deichdoktor Jan Bergmann (Der Landarzt): Gegenüber den amerikanischen Kollegen wirken deutsche TV-Ärzte bieder, harmlos und blutleer. Woran es liegt? Ein Blick auf die zurückliegende TV-Woche gibt Aufschluss.

Narkotisierend statt erotisierend

Dienstags, 21.05 Uhr, das Erste:  Im OP der Sachsenklinik tropft es von der Decke: Wasserschaden. Auch die Sendung plätschert 50 Minuten gemütlich vor sich hin. Ein rüstiger Altvorderer (Professor Simoni, gespielt von Dieter Bellmann) schäkert bei Kaffee und Kuchen mit der Verwaltungsleiterin, und Chefarzt Dr. Heilmann (Thomas Rühmann) kümmert sich rührend um einen herzkranken Rentner und dessen Enkelin - darin erschöpft sich ungefähr der dramatische Spannungsbogen.

Immerhin: Wer auf graue Haare steht, wird nicht enttäuscht: Das Durchschnittsalter des Krakenhauspersonals ist bemerkenswert hoch. Tiefstand herrscht dafür in Sachen Sex-Appeal, und zwar generationenübergreifend. Mehr narkotisch denn erotisch sind auch die zwei jüngeren Ärzte Dr. Philip Brentano (Thomas Koch) und Dr. Martin Stein (Bernhard Bettermann). Hier werden maximal Schwiegermütterträume stimuliert. Für den TV-Konsumenten ist In aller Freundschaft Essen auf Rädern - leicht verdauliche Schonkost. Fazit: langweilig.

Tempo, Tempo, Tempo!

Mittwochs, 20.15 Uhr, Pro7: Einen Tag später dann Pflichttermin für alle Mc-Dreamy-Fans: Grey’s Anatomy. Der Kontrast zur Sachsenklinik könnte kaum größer sein. Stress und Druck kennzeichnen den Alltag im Seattle Grace Hospital. Schon nach zehn Sendeminuten erfolgt die erste Not-OP an einem zehnjährigen somalischen Mädchen mit HIV-Infektion.

Ähnlich extrem geht es weiter. Während In aller Freundschaft exakt zwei Erzählstränge über 50 Minuten ausspielt (Wasserschaden und Herzinfarkt), gibt es bei Grey’s Anatomy mehr als dreimal so viel Action, verzwirbelt in einer komplexen Dramaturgie: Es wird zwei Mal geheiratet (davon einmal lesbisch), ein Vater-Tochter-Konflikt wird gelöst und ein Mutter-Tochter-Konflikt entfacht. Es gibt eine Adoption, es gibt Tierversuche mit verblüffenden Einsichten, und es spinnen sich mehrere Intrigen um eine vakante Führungsposition.

Und mittendrin lauter junge, schöne Menschen, die aussehen wie aus dem Katalog. Dass aber ein junges, schönes Gesicht mitnichten der Garant für das gewisse Mehr an Sex-Appeal ist, beweist eindrücklich zwei Tage später der wohl derzeit langweiligste praktizierende Schönling der deutschen TV-Landschaft: Der Landarzt.

«Wo drückt der Schuh?»

Freitags, 19.25 Uhr, ZDF: Dr. Jan Bergmann ist eigentlich gar kein Arzt, ja, vielleicht ist er nicht mal mehr ein Mensch. Sondern das gebenedeite, offene Dorf-Ohr - und das seit 25 Jahren. Der Landarzt gehört zu den langlebigsten deutschen Serien, doch während in den Reihen der Protagonisten seit Serienbeginn Stühlerücken angesagt ist, hat sich das Profil der Sendung seit 1986 eher wenig verändert.

Auch an diesem Freitag beschränken sich Bergmanns offizielle Amtshandlungen auf Weniges (dem fußlahmen Dorfpfarrer werden Schuheinlagen verschrieben). Hingegen muss man seine sozialen Verdienste als enorm bewerten. Egal, «wo der Schuh drückt», egal, welchem Dorfbewohner «eine Laus über die Leber» gelaufen ist: Dr. Jan Bergmann greift denkend und lenkend ein. Er ist der Schlichter, das Medium, der Berater in allen Lebenslagen.

Die grenzenlose Integrität dieser zutiefst politisch korrekten Figur begründet dabei auch ihre unendliche Konturlosigkeit. Da können die Stylisten machen was sie wollen: Auch mit Wuschelfrisur und Dreitagebart wirkt Wayne Carpendale eher wie der Messias denn wie McDreamy. Schade eigentlich, denn objektiv betrachtet ist der Nachfolger von Christian Quadflieg (1986-1992) und Walter Plathe (1992-2008) gar keine so eine schlechte Partie.

Das Problem der hiesigen Serien-Schnarchnasigkeit liegt aber ganz woanders: Deutsche Ärzteserien wurzeln in der Provinz, genauer: im deutschen Mittelgebirge der Achtziger. Im Wald- und Wiesenidyll der Schwarzwaldklinik wurde 1984 ein Genre in Weiß gekleidet, das sich konsequent bis ins Jahr 2011als deutsche Ärzteserie ausgibt: die gemeine Familienserie.

Im Namen des Vaters und des Sohnes…

Es war ein Ereignis für Groß und Klein, wenn die Brinkmänner die großen und kleinen Sorgen ihrer großen und kleinen Patienten therapierten - und zwar nicht nur mit beeindruckendem Sach- und Fachverstand, sondern auch mit einem nahezu übermenschlichen Einfühlungsvermögen. Klausjürgen Wussow und Sascha Hehn waren die konsequenten Verkörperungen des Halbgötter-Mythos und wurden so vor fast 30 Jahren paradigmenbildend für den deutschen TV-Weißheiligen: Das offene Ohr und das ganz große Verständnis sind die Leitlinien, an denen sich der TV-Arzt hierzulande seitdem messen lassen muss. Sie lassen sich von Föhnfrisur Dr. Stefan Frank (Sigmar Solbach) bis zum biederen Landarzt Dr. Bergmann (Wayne Carpendale) nachvollziehen.

Mut zur inneren Hässlichkeit

Zur amerikanischen Traditionslinie steht das einigermaßen windschief. Zugegeben: Die Fälle und Charaktere bei Emergency Room, Dr. House oder Grey’s Anatomy waren und sind häufig extrem und strafen die Optik, ergo das typisch amerikanische Schönheitsideal, Lügen. Doch gerade diese innere Brüchigkeit unter der makellosen Oberfläche macht den Reiz der Serien-Doktoren aus den USA aus. Das Mehr an Mut zur inneren Hässlichkeit, das Bekenntnis zur Brüchigkeit statt zur moralischen Makellosigkeit und das Eingeständnis menschlicher Schwäche - das sind die Ingredienzien für den TV-Arzt mit Sex-Appeal. Und genau hier verläuft die Schneise zwischen deutschen und amerikanischen TV-Ärzten bis heute.

 

car/news.de

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