«München 72» Mit Naivität gegen Handgranaten

Am Anfang stand die Idee einer besseren Welt. Am Ende verloren 17 Menschen ihr Leben. Das ZDF dreht derzeit den ersten deutschen Spielfilm über das Olympia-Attentat von 1972. News.de sprach am Set mit den Beteiligten vor und hinter der Kamera.

«Die ganze Welt blickt auf eine Stadt», erklingt es aus dem Off. Gefolgt von dramatischer Musik. In dem großen Saal der ehemaligen Landeszentralbank in München, nahe der Idylle des Englischen Gartens, blicken Produzenten und Schauspieler auf den Bildschirm vor ihnen. Dort laufen die ersten fertigen Szenen des Films, an dem sie gerade arbeiten: München 72.

Immer wieder zeigen die Bilder die Schauspielerin Bernadette Heerwagen als junge Essener Polizistin Anne Gerber. Mal im Gespräch mit einem palästinensischen Terroristen, der eine Kalaschnikow in der Hand hält. Mal beim Spaziergang mit Felix Klare, der den Münchner Hubschrauberpiloten Michael Bruckner mimt.

Im wirklichen Leben hieß die junge Polizistin aus dem Ruhrpott Anneliese Graes. Sie war es, die sich - wie alle damals von den Ereignissen überrumpelt - an jenem 5. September 1972 bereiterklärte, persönlich mit den Terroristen zu verhandeln. Sie war es, die in den Stunden der Geiselnahme am direktesten mit deren Anführer, Issa, in Kontakt stand. Dies dokumentieren zahllose Fotos und Filmaufnahmen, auf die die Macher von München 72 zurückgreifen konnten.

Fernab der Berliner Nazi-Spiele

«Ich versuche zwar immer, mir vorzustellen, dass die Figuren, die ich spiele, reale Personen sind, denen ich eine Verantwortung gegenüber habe und versuche, diesen gerecht zu werden», sagt Bernadette Heerwagen zu news.de im Hinblick darauf, dass sie einen realen Menschen verkörpert. «Aber es ist schon toll, dass man in diesem Fall Originalmaterial hat. Es war sehr spannend, diese Frau zu beobachten: Zu sehen wie sie sich bewegt, wie sie spricht, wie sie gestikuliert, wie sie raucht. Das mit einfließen lassen zu können, macht es einem natürlich auch einfacher und man kann sich so auch über die Körperarbeit in die Rolle versetzen.»

Während des Gesprächs trägt Bernadette Heerwagen das himmelblaue Kostüm aus dem Film, erinnert darin an eine Stewardess in Uniform.

Alle Sicherheitskräfte waren 1972 in Hellblau gekleidet. Waffen trugen sie keine. Die Spiele in München sollten der Welt ein ganz anderes, ein ganz neues Deutschland zeigen: weltoffen und locker, tolerant und friedlich, fröhlich und frei. Es sollten die Spiele der Hoffnung werden, der Versöhnung - fernab der Erinnerungen von 1936 in Berlin, unter der Herrschaft der Nazis.

«Die schönsten Gebäude wurden gebaut und alles hellblau angemalt. Tausende von Menschen haben ihre Gärten geöffnet und Leute aus aller Welt konnten dort campen», sagt Drehbuchautor Martin Rauhaus und zündet sich vor dem Bürokomplex eine Zigarette an. Hinter ihm stehen die Wohnwagen von Bernadette Heerwagen und Benjamin Sadler.

Eine Wagentür öffnet sich und Sadler tritt in die Sonne, zupft sich die Bundesgrenzschutzuniform zurecht. Heino Ferch und Stephan Grossmann schlendern vorbei. Die grauen Hosen ihrer Anzugkombinationen haben deutlich mehr Schlag als heutzutage.

Ferch spielt den Polizeipräsidenten Dieter Waldner. Den tatsächlichen Namen des Polizeichefs, Manfred Schreiber, konnten die Macher des Dramas nicht verwenden. Aus Gründen der fiktionalen Verdichtung der Geschichte in Verbindung mit Schreibers Persönlichkeitsrechten. Grossmann verkörpert Hans-Dietrich Genscher, Anfang der 1970er Jahre Bundesinnenminister, Sadler dessen Sicherheitsberater und späteren Leiter der Sondereinheit GSG 9, Ulrich K. Wegener.

Doch nicht nur die Klamotten, auch das Ambiente des früheren Bankgebäudes versprüht gehörig 70er-Jahre-Flair. In der ersten Etage wird gerade eine Besprechung des Krisenstabes um Innenminister Genscher und Polizeipräsident Waldner gedreht.

München 72 ist Fiktion, kein Dokumentarfilm

In München 72 gehe es auch sehr viel um die Debatte, was man tun kann, was man tun darf, um das Finden von Möglichkeiten und Alternativen, erläutert Autor Rauhaus. Keinesfalls dürfe man in die Falle laufen und sagen: Die haben ja alles falsch gemacht. Dass damals viele Fehler gemacht wurden, darüber sind sich die Experten - auch am Filmset - einig. «Es wird viel geredet in dem Film, eingerahmt von Handlungssequenzen. Ein Großteil spielt im Krisenstab, zeigt die Diskussionen zwischen der Polizei, dem Innenministerium und dem israelischen Mossad.»

Etwa 1500 Seiten habe Rauhaus gelesen - Bücher, Artikel. Sich diverse Dokumentarfilme angesehen. Und mit Menschen aus München geredet, darüber was sich im September vor nunmehr fast 40 Jahren abgespielt hat. Zudem stand ihm ZDF-Autor Uli Weidenbach als Fachberater zur Seite. General a.D. Ulrich K. Wegener, der echte, wohnt selbst den Dreharbeiten in München beratend bei.

80 Prozent der Filmhandlung seien faktische Erzählungen, sagt Produzent Nico Hofmann und fügt mit einem Lachen an: «Und maximal kommen 4,4 Prozent Beziehungsgeschichte hinzu.» Die zwischen Anne Gerber und Maximilian Bruckner. «Diese hilft dem Publikum einfach, einen emotionalen Zugang zu dem Film zu bekommen.» Schließlich ist München 72 Fiktion, kein Dokumentarfilm. «Aber es ist ja auch nur die dezente Andeutung einer Liebesgeschichte», ergänzt Rauhaus im Gespräch mit news.de. «Dass der Zuschauer eine gewisse Hilfe hat, mit jemandem durch diesen Film zu gehen. Ohne diese wäre es, glaube ich, auf einer fiktionalen Ebene fast nicht möglich.»

Aufarbeiten, ohne zu verurteilen

Die große Herausforderung für ihn sei gewesen, «dass man eine derart düstere Geschichte erzählt, die so kein Happy End hat wie wenige andere Geschichte. Und dann zu überlegen, wie man diese erzählen kann, ohne dass sie total deprimierend ist. Wie man darin eine Differenziertheit der Positionen aus der Zeit gegeneinander setzen kann, um wirklich eine Spannung und Nachvollziehbarkeit zu erreichen. Wenn man von vornherein weiß: Am Ende werden die alle tot sein.»

Trotz aller Schwierigkeiten und des schrecklichen Inhalts bietet München 72 aber ebenso eine «tolle und spektakuläre Geschichte» aus Fakten und Fitkion. Wichtig war bei all dem nur, stets auf der Seite des Seriösen zu bleiben, ernsthaft und unreißerisch.

«Wir haben ja auch eine Verantwortung gegenüber denen, die das miterlebt haben und noch am Leben sind», fügt Hofmann an. «Wie differenziert kann man heute den Blick noch einmal auf die damalige Zeit richten, ohne zu verurteilen? Wenn man die Realbilder von damals sieht, denkt man teilweise, es ist eine unglaubliche Naivität in der Argumentation. Daran sehen sie, wie schnell sich Terrorismus in den letzten Jahren entwickelt hat.» Man habe lange gezögert, den Film zu machen, so der Produzent. Denn «wir wollten etwas ganz anders machen».

Was dem israelischen Regisseur besonders wichtig ist, lesen Sie auf Seite 2

Anders als etwa Steven Spielberg, dessen Thriller München da anfängt, wo München 72 aufhört. Dem ZDF geht es dabei in erster Linie um einen differenzierten und historisch möglichst genauen Blick: «Wir versuchen in unserem Film, nicht die Palästinenser als Sadisten, die Israelis als Opfer, die Deutschen nur als Versager zu zeigen, um eine falsche Emotionalität beim Publikum zu erzeugen», betont Regisseur Dror Zahavi. «Unser Film erzählt das Drama im Olympischen Dorf fast ausschließlich aus deutscher Perspektive. Ein andere Geschichte hätte ich auch nicht erzählen wollen.» Für Zahavi als Israeli sei das Thema besonders wichtig, aber auch heikel. «Ich wollte auf keinen Fall einen Film drehen, der neuen Hass zwischen Israelis und Palästinensern schürt.»

Was war die Stunde Null des internationalen Terrorismus für die Deutschen? Was ist im Herbst 1972 in diesem Land geschehen? «Also der ganze Zusammenhang, was das damals bedeutet hat, nicht nur für Deutschland selbst, sondern auch für das deutsch-israelische Verhältnis und für Israel in der Weltöffentlichkeit: Das noch einmal aufzuarbeiten war die Grundlage für die Produktion», sagt Hofmann.

Mit Bernadette Heerwagen als Anne Gerber im Fokus. «Sie war ja die zentrale Figur», sagt Rauhaus. «Sie ist auf allen Fotos: Eine junge Frau im schicken Kostüm, redet mit diesem Mann mit der Sonnenbrille und der Mütze und man weiß, die Jungs hinter ihm haben diverse Maschinengewehre und Handgranaten. Das ist natürlich Wahnsinn.» Seiner Ansicht nach steht sie für das neue Gesicht, den neuen Geist Deutschlands: «offener, freier. Niemand wollte mit den Terroristen reden. Nur sie.» Im Gegensatz dazu verkörperten Teile des Krisenstabes etwas Altes.

Eine positive Naivität

«Ich glaube, sie war sehr naiv», sagt Bernadette Heerwagen mit Blick auf ihre Filmfigur, die versucht, den Terroristen klarzumachen, dass Blutvergießen keine Lösung sei. «Und sie war Polizistin, sie hat einfach ihre Arbeit gemacht. Klar, jetzt wissen wir, wie das Ganze ausgegangen ist, mit welcher Brutalität. Aber ich glaube, das war ihr damals gar nicht bewusst.»

Natürlich habe sie sich häufig Gedanken darüber gemacht, wie sich Anneliese Graes alias Anne Gerber gefühlt haben mag. Zumal der Film ja auch an Originalschauplätzen gedreht wird. «Sie hatte Respekt, das konnte ich sehen. Aber keine Angst. Und das fand ich bemerkenswert. Sie war eben auf eine positive Art naiv. Und hat versucht, die Geiselnehmer mit emotionalen, menschlichen Mitteln zum Aufhören zu bewegen», sagt Bernadette Heerwagen und streicht sich eine blonde Strähne aus dem Gesicht.

Neben ihr und den anderen deutschen Darstellern, stehen auch israelische und palästinensiche Schauspieler vor Zahavis Kamera. Um eine größtmögliche Authentizität zu erreichen. Bis morgen wird noch in München gedreht, die übrige Zeit dann in Niedersachsen. Ein Termin für die Ausstrahlung des Dramas München 72 steht noch nicht fest.

cvd/news.de

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Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Werner Kurowski
  • Kommentar 2
  • 20.03.2012 16:52

Wie kommt der Verfasser des Berichtes darauf, dass es einen Ruhrpott gibt. Soweit mir bekannt ist, ist das der Kohlenpott... Dieser Kohlenpott liegt im Ruhrgebiet.

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  • RMFCGN
  • Kommentar 1
  • 08.08.2011 11:02

39 a nach den dramat.-deprimierenden Ereignissen v. M, angesichts der Ereignisse um ABB in Oslo, das ganze noch mal TV-mäßig aufbereitet zu erleben, soll wohl 1 catharsis f. wen auch immer darstellen!? Daß seinerzt. takt. Fehler in Fürstenfeldbruck gemacht wurden, sei der damaligen Unerfahrenht. d. zuständigen Stellen m. d. arab. Terrorismus trotz Mossad geschuldet. Der Morgen danach war furchtb. u. dabei Genscher's Eingeständnis life i. nächtl. Radio hören zu müssen; ich werde es nie vergessen!!! MfG RMFCGN

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