Kalter Krieg im TV Angst liegt in der Luft

Pershing statt Petting: In einer zweiteiligen Dokumentation erinnert das ZDF an die größten Massendemonstrationen in der Geschichte der Bundesrepublik - die Friedensbewegung Anfang der 1980er. Auch das Erste beschäftigt sich mit deutscher Zeitgeschichte.

Der Film Pershing statt Petting beginnt mit dem hessischen Dorf Hattenbach. Hattenbach galt im Kalten Krieg als «der Ort, an dem die Amerikaner die erste Atombombe des Dritten Weltkriegs zünden würden». So klingt die Stimme der Sprecherin, während spektakuläre Bilder über den Bildschirm flackern: Explosionen, umknickende Wälder, Atompilze. Unterbrochen vom hessischen Dorfidyll, Fachwerkhäusern, weidenden Kühen, spielenden Kindern.

Anfang der 1980er ist Hattenbach ein politisches Symbol, der Ort, an dem der Durchbruch der russischen Panzer nach Westeuropa erwartet wird. Der Ort, an dem der Russe gestoppt werden muss. An dem der Kalte Krieg heiß würde.

So weit durfte es nicht kommen. Verantwortlich dafür war der damalige deutsche Bundeskanzler, Helmut Schmidt. Er spielt eine der Hauptrollen in der ZDF-Dokumentation von Sandra Maischberger und Jan N. Lorenzen. Schmidt gibt im Interview mit Maischberger bereitwillig Auskunft zu seiner Rolle, seinen Zielen und seinen Schwierigkeiten in der Diskussion um die Stationierung russischer Raketen.

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Drohung und Gegendrohung

Die russische SS20 macht den Anfang, eine Mittelstreckenrakete mit enormer Zerstörungskraft. Hunderte dieser Raketen werden Anfang der 1980er auf deutsche Städte ausgerichtet. Helmut Schmidt will das stoppen. Er verhandelt, doch die Verhandlungen können seiner Meinung nach nur erfolgreich sein, wenn er den Russen droht: Sollten die Verhandlungen scheitern, würde die USA in Deutschland ebenfalls Raketen stationieren, sogenannte Pershing 2. Drohung und Gegendrohung, das Prinzip des Kalten Kriegs.

Unterstützung bekommt Schmidt von Ronald Reagan, der 1981 amerikanischer Präsident wird. Seine Regierung verschärft bewusst den Konflikt zwischen Amerika und der Sowjetunion. Reagan möchte nicht die Balance der Blöcke bewahren, sondern endlich die Oberhand über die Sowjets gewinnen. Er möchte den Kalten Krieg gewinnen.

In der deutschen Bevölkerung macht sich zunehmend Widerstand breit. Es wächst die größte Massenbewegung der bundesdeutschen Geschichte, mit freundlicher Unterstützung der Stasi. Das Ministerium für Staatssicherheit hat seine eigenen Interessen, eine Spaltung der bundesdeutschen Bevölkerung von der eigenen politischen Führung ist der DDR mehr als Recht.

Helmut Schmidt macht keine Fehler

Anfang der 1980er Jahre wurde Helmut Schmidt von den Raketengegnern für die Aufrüstung verantwortlich gemacht. Aber Fehler gibt er, der inzwischen in Deutschland den Ruf einer Ikone genießt, im Gespräch mit Sandra Maischberger nicht zu. «Er hat nicht verstanden, was die Menschen bewegt hat», sagt Oliver Wutke, ein ehemaliger Friedensaktivist. «Ich blieb bei dem, was ich für richtig gehalten habe», ist Schmidts simple Antwort.

Die Dokumentation über die atomare Aufrüstung Anfang der 1980er, die Rolle Deutschlands im Kalten Krieg und Helmut Schmidts letzte Jahre als Bundeskanzler ist sehr gelungen. Das Autorenteam Sandra Maischberger und Jan N. Lorenzen schafft es, Geschichte spannend zu erzählen. Vor allem, weil hochrangige Gesprächspartner für Interviews zur Verfügung stehen, neben Helmut Schmidt sind auch die ehemaligen Spitzenpolitiker Erhard Eppler und Egon Bahr zu sehen.

Kalter Krieg, die zweite: Der Mauerbau

Auch die ARD beschäftigt sich am späten Dienstagabend mit der neueren deutschen Geschichte. Zum 50. Jahrestag des Mauerbaus zeichnet die spannende ARD-Dokumentation Geheimsache Mauer Aufbau und Fall der deutsch-deutschen Grenze nach.

Mit aufwendiger Grafik spürt die Dokumentation dem Mauerverlauf nach, beschreibt, wie sich Menschen etwa an der Bernauer Straße von ihrem Wohnungsfenstern abseilten oder wie die Grenzer die Flucht durch den Berliner Untergrund verhindern wollten. Zwar sprechen auch Maueropfer und Flüchtlinge über ihr Schicksal, etwa Wilfried Tews, der bei seiner Flucht mit 17 Schüssen getroffen wurde. Aber die Autoren Christoph Weinert und Jürgen Ast interessieren sich vor allem für die Perspektive jener, die die Mauer geplant, erbaut und bewacht haben.

Zu ihnen gehört Klaus-Peter Renneberg. Noch heute ist dem Politoffizier der Grenztruppen die Enttäuschung über das Scheitern der DDR-Grenze anzusehen. Im Technokraten-Deutsch spricht er über die Menschen, die auf der Flucht erschossen wurden. «Die Verantwortung lag bei demjenigen, der versucht hat, gegen die Gesetze des Staates zu handeln und der nicht auf die Anweisungen der Vertreter der Staatsmacht reagiert hat.» Solche Sätze sagt Renneberg in die Kamera.

Es ist die Kälte, die schaudern lässt und die Johannes Unger, beim mitproduzierenden Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) für Dokumentationen verantwortlich, vom «Risiko des Missverstehens» sprechen lässt. Denn der Film überlässt dem Zuschauer, sich aus der Weltsicht der DDR-Zeitzeugen seinen Reim zu machen.

Pershing statt Petting - Helmut Schmidt und die Nachrüstung, Dienstag, 2. August 2011, 22.45 Uhr, ZDF.

Geheimsache Mauer, Dienstag, 2. August 2011, 22.45 Uhr, Das Erste.

wam/news.de/dpa

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