Tipp «Salami Aleikum» Bollywood in Ostdeutschland

Strickender Metzgersohn trifft vegetarische Ex-Kugelstoßerin: Als ob das nicht schon Kontrast genug wäre, werden in der Mulitkulti-Komödie Salami Aleikum auch noch Orient und Ex-DDR aufeinander losgelassen. 3sat zeigt das moderne Märchen heute Abend.

«Salami Aleikum» (Foto)
Bollywood im tiefsten Osten: Salami Aleikum zeigt eine märchenhafte Liebesgeschichte, in der zwei Kulturen aufeinandertreffen. Bild: ZDF

Wenn im Film 1001 Nacht und brachliegender Osten aufeinandertreffen, kann das eigentlich nur in einer Ansammlung von Klischees enden. Genau das ist die Multikulti-Komödie Salami Aleikum auch. Nur dass Regisseur Ali Samadi Ahadi sein Spielfilmdebüt mit so viel Witz und Fantasie und ohne falsche politische Korrektheit inszeniert, dass die vorgeführten Vorurteile gar nicht ernst genommen werden können.

Dafür sorgt unter anderem die irrsinnige Story, die bisweilen von einer nicht minder kuriosen Erzählstimme begleitet wird: Mohsen Taheri (Navid Akhavan), eine Deutsch-Iraner Ende 20, lebt immer noch bei seinen Eltern und doch in seiner ganz eigenen Welt. Sein traditionsbewusster Vater hält ihn für einen Taugenichts, weil er es nicht übers Herz bringt, für die familieneigene Metzgerei zum Schlachtbeil zu greifen. Um diesem Konflikt zu entfliehen, strickt der harmoniebedürftige Mohsen am Schal seines Lebens. Und er hat viel zu verarbeiten, so lang, wie der Schal bereits ist.

«Salami Aleikum»: Ein Perser sorgt im Osten für Wirbel

Als er die Familiengeschäfte notgedrungen übernehmen muss, schließt er einen Handel: Billige Schafe aus Polen, inklusive Schlachtung, nur bei Selbstabholung. Klingt gut und einfach. Doch auf dem Weg dorthin bleibt Mohsen in einem ostdeutschen Kaff stecken und die Dinge nehmen ihren Lauf. Der schüchterne Deutsch-Iraner verliebt sich in die resolute Automechanikerin Ana Bergheim (Anna Böger), ihres Zeichens Ex-Kugelstoßerin, überzeugte Vegetarierin und ungefähr zwei Köpfe größer als Mohsen. Nicht gerade die besten Voraussetzungen für eine komplikationsfreie Beziehung.

Stark durch gut besetztes Typen-Ensemble

Salami Aleikum ist Beziehungskomödie, Sozialkritik und Märchen in einem. Dabei spielt Regisseur Ahadi die klischeehaften Bilder von Orient und Ex-DDR bis zum Anschlag aus. Musicalähnliche Sing- und Tanzszenen mit bunt kostümierten Persern (und später auch Ostdeutschen) sind aus Bollywood-Filmen entlehnt und werden sparsam und gezielt eingesetzt. Etwa wenn Mohsen mal wieder in seine Traumwelt flüchtet oder alle glücklich vereint in eine gemeinsame Zukunft tanzen.

Da wird dann selbst das so triste ostdeutsche Dorf zum Leben erweckt, in dem das Land zuvor noch brach lag, halbstarke Nazis des nächstens durch dunkle Gassen streiften und die Bewohner den guten alten Zeiten nachhingen. Entsprechend überzeichnet sind die Charaktere, die nicht zuletzt durch Ahadis gelungene Besetzung an Strahlkraft gewinnen und gerne auch mal direkt in die Kamera sprechen: Go Trabi Go-Star Wolfgang Stumph mimt den naiven Oberossi, der iranische Popstar Navid Akhavan überzeugt als schüchterner Endzwanziger auf Sinnsuche und Anna Böger gibt die «deutsche Eiche» mit starker Faust.

Regisseur Ahadi betrat mit dieser Konstellation absolutes Neuland. Hatte er 2006 noch mit der Dokumentation Lost Children über Kindersoldaten in Uganda überzeugt und den Deutschen Filmpreis für den besten Dokumentarfilm gewonnen, landete er mit Salami Aleikum 2009 einen Überraschungshit und setzte damit den Culture-Clash-Trendgrob übersetzt: Kampf der Kulturen à la Türkisch für Anfänger gekonnt fort. Belohnt wurde er mit dem Preis der deutschen Filmkritik für das beste Spielfilmdebüt und dem NDR-Filmpreis für den besten Nachwuchs.

Eine Notlüge als Türöffner zum Glück

Den roten Faden verliert Salami Aleikum trotz der vielen Nebenschauplätze und visuellen Spielereien mit gelegentlichen Trickfilmsequenzen nicht. Er zieht sich wie Mohsens Schal des Lebens durch den Film. Denn der verstrickt sich in immer mehr Lügen, um Ana, den Eltern Bergheim und der restlichen Dorfgemeinschaft zu imponieren. Da wird der eigene Vater vom Schlachter zum reichen Textilunternehmer, der in die ortsansässige stillgelegte Fabrik investieren will. Dem wird wiederum weißgemacht, der Betrieb sei eine Goldgrube und Mohsen bald dick im Geschäft.

«Was ist so schlimm an Hoffnung?», rechtfertigt er seine Lügen. Mohsen will endlich sein eigenes Märchen erleben. Dabei schwingen, so klamaukig Salami Aleikum sein mag, nachdenkliche Botschaften und Gefühle mit: Da ist die Angst, nicht gut genug zu sein, die überhaupt erst zum Lügen verführt. Und die Einsicht, dass es am einfachsten ist, an jemanden mit Erfolg zu glauben, selbst wenn dieser nur erfunden ist.

Dass man die Augen nicht ewig vor der Realität verschließen kann, muss sich schließlich auch Mohsen mit leidendem Dackelblick eingestehen. Das erhoffte Happy-End bleibt dennoch nicht aus. Not macht erfinderisch und so wird für die abgestandene Textilfabrik kurzerhand eine andere Geschäftsidee aus dem Hut gezaubert. Mohsens Auftauchen hatte bei aller Verwirrung also doch noch etwas Gutes. Manchmal schreibt das Leben selbst eben die märchenhafteren, aber auch groteskeren Enden.

Bestes Zitat: «Wenigstens is' er keen Wessi.» (Mutter Bergheim über ihren Schwiegersohn in spe)

Titel: Salami Aleikum
Regie: Ali Samadi Ahadi
Darsteller: Navid Akhavan, Anna Böger, Michael Niavarani, Proschat Madani, Wolfgang Stumph, Eva-Maria Radoy
Filmlänge: 89 Minuten
FSK: ohne Altersbeschränkung
Verleih: Zorro
Sendetermin: Dienstag, 21. Februar 2012, 20.15 Uhr, 3sat

juz/news.de

Bleiben Sie dran!

Wollen Sie wissen, wie das Thema weitergeht? Wir informieren Sie gerne.

Leserkommentare (2) Jetzt Artikel kommentieren
  • Antonietta
  • Kommentar 2
  • 22.09.2011 13:12

"vegetarische Ex-Kugelstoßerin": Vegetarier leben gesünder. Denn Fleischverzehr fördert das Risiko von Herzinfakten, Blinddarmentzündungen, Bluthochdruck, Osteoporose, Arthritis, Magengeschwüren, Nierensteinen, Diabetes und Krebs!

Kommentar melden
  • Alexander Voronin
  • Kommentar 1
  • 18.07.2011 23:24

Ich habe mich köstlich amüsiert! Eine wundervolle persische Familie.....!! Besonders der Vater!!! Es gab nichts, was nicht auf die Schippe genommen wurde. Selten in letzter Zeit so gelacht! 5 Sterne für Salami Aleikum!

Kommentar melden
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig